Die Paradiesvögel des Harry Styles


Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.


Keine fünf Minuten nach Fahrtantritt bricht meine ausgeklügelte Planung zusammen. Ihr Anschluss ist voraussichtlich nicht erreichbar. So lande ich in dem Zug, den ich unbedingt vermeiden wollte. Aber anders als befürchtet ist der ICE Richtung Amsterdam an diesem Pfingstwochenende nicht voller betrunkener Kegelbrüder und ‑schwestern. 

Beim Betreten wehen mir im Luftstrom der Klimaanlage bunte Federn entgegen, als hätte jemand eine Kolonie exotischer Vögel geschreddert. Junge Menschen mit Federboas sitzen in den Gängen. Ich reihe mich ein, und es gelingt uns dermaßen, im Weg zu sein, dass der Schaffner ein Abteil öffnet, das für Reisende mit Kindern designt ist. Überall Schäfchen und Regenbögen. Hübsch. Finden auch die beiden jungen Frauen, um die sechzehn, die mir gegenüber Platz nehmen. 

„Fahren Sie auch zum Harry-Styles-Konzert?“, fragt mich die eine nach ein paar Kilometern.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich will ans Meer. Aber ich mag Harry Styles.“
„Welche Songs denn?“, fragt sie kritisch nach, und wie um mich zu akkreditieren, zücke ich mein Handy. „’Late Night Talking‘, ‚Matilda‘ und ‚Sign of the Times‘ sind in meiner Favoriten-Playlist. Letzterer, es gibt einen Prince-Song, der heißt beinahe gleich, den mag ich noch lieber.“
„Meine Mutter hört Prince“, sagt die andere. „Kiss!“

Ich lächle und nicke.

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Zuflucht in der Hosentasche


Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.


Ein Refugium, eine Zuflucht, kann alles Mögliche sein und an überraschenden Orten und in unvorhersehbarer Gestalt gefunden werden.

Am Lagerfeuer Teil einer wild zusammengewürfelten Gruppe sein, die eine Gemeinschaft wird, laut lachend Verletzlichkeiten teilen und erfahren: Es ist okay, dass du zeigst, dass da etwas ist, das du trägst, das schwer wiegt. Reich es rüber, wir tragen es ein Stück des Weges mit dir. Oder werfen wir den ganzen Scheiß einfach ins Feuer.

In einem kleinen, verrauchten Raum Musik machen, laut, gegen den Strich gebürstet, und zulassen, dass die aus dem Kollektiv entspringende raue Energie dich hinwegträgt wie eine Welle den Surfer.

Im Auto mit einem eben noch fremden Menschen durch eine bezaubernde Landschaft fahren, der Musik lauschen, nicht reden. Spüren, dass dieses gemeinsame Schweigen mehr ist als die Abwesenheit von Worten, und sich dem unerklärlichen Gefühl von Vertrautheit ausliefern.

Auf dem Heimweg in einer verregneten Nacht von einer dicken orangen Katze in einem Hauseingang aufgelauert und mit lautstarkem Miauen zum Streicheln aufgefordert werden.

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FRACHILD: Wiener Indie-Folk zeigt den Zauber im Loslassen

FRACHILD machen Musik, die nah an den Gefühlen bleibt. Die vierköpfige Band aus Wien kombiniert melancholische Gitarren mit drei markanten Stimmen und bewegt sich zwischen Indie und Alternative. Was ihre Songs auszeichnet, ist vor allem eine spürbare Verletzlichkeit – aber ohne Kitsch. Vielmehr sind da vier Freund*innen, die ihre Unsicherheiten nicht verstecken, sondern gemeinsam in Musik übersetzen.

Der Song „Ages“ fängt dieses Gefühl besonders gut ein. Die Single erzählt von der Verbindung zwischen Geschwistern: eine Beziehung, die Halt geben kann, selbst wenn um einen herum alles ins Wanken gerät. In ruhigen Tönen erinnert „Ages“ daran, dass es okay ist, Lasten irgendwann loszulassen: „When your shoulders hurt, then always drop your backpack.“

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Kleines Licht beats große Dunkelheit

Neulich, am vermutlich heißesten Tag dieses Jahres lief ich vom Bahnhof durch die City, vorbei an dem neuen Bibliotheksgebäude, vor dem die Stadt unbequeme Bänke installiert hat, auf denen niemand sitzen kann, dessen Körper nicht durch eine Laune der Natur oder widrige Umstände die Form eines Geodreiecks hat. Oder du machst es wie der junge Mann, der mir auffiel, oberkörperfrei in der Gluthitze, schlägst der amtlich verordneten Unbequemlichkeit mit Körperspannung ein Schnippchen und wirst zur Hypotenuse. 

Der Typ, lass ihn sechzehn bis achtzehn Jahre jung gewesen sein, war smart, blond, drahtig, Boyband-hübsch, trug eine wirklich ausgefallene Schlaghose und – ein Fleck auf einem schönen Gemälde, ein Makel in der jugendlichen Reinheit – er rauchte einen Joint. 


Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.


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Kaffee, Kuchen und Country: Kendall Lujan live

Am Ende ihrer neuen Album Release Tour quer durch Europa verschlug es Kendall Lujan am Wochenende auch in das Hansa48 in Kiel – und das ausgerechnet an ihrem Geburtstag! Bei Kaffee und Kuchen beschallt Kendall Lujan den Saal mit wuchtigen Akustiksongs, die es in sich haben. Ihr neues Album Lucky Penny erschien im Februar und ist ein wilder Mix aus Country, Folk, Jazz, Bossa Nova und Indie-Rock; es ist also für jeden Musikfan was dabei.

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Jensen McRae: Poesie trifft Indie-Folk

Auf der Suche nach einer Break-up-Hymne? Die emotionsgeladene Single „Praying for Your Downfall“ von Jensen McRae erzählt vom Prozess des Loslassens und der Akzeptanz nach dem Ende einer Liebesbeziehung. Mit der Single kündigt die US-amerikanische Folk-Sängerin ihr zweites Album I Don’t Know How But They Found Me! an.

Die junge Sängerin könnte man auch als Poetin bezeichnen – Jensen McRae spielt gerne mit Metaphern, um intime und sensible Themen zu beschreiben. Ihre Texte zu hören, fühlt sich an, als würde man ihr Tagebuch lesen. Erlebnisse und Gefühle, die sie in ihren Songs präsentiert, sind für viele Mädchen und junge Frauen nachvollziehbar, und man fühlt sich durch die Musik verstanden und weniger allein. McRaes Musik erzählt von Liebe, Nostalgie, aber auch Trauma und Trauer. Die Art, wie sie über Beziehungen schreibt, erinnert an neuere Werke von Lana Del Rey.

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Mereba: Vielfalt hat einen Namen

Als Mereba im Jahr 2013 zum ersten Mal auf den Plan trat, konnte noch niemand voraussehen, was für eine vielfältige musikalische und kreative Entwicklung sie in den kommenden Jahren hinlegen würde. Scheinbar anstrengungslos erkundet und verknüpft Mereba Elemente aus Folk, R&B und Rap. Der rote Faden ist Mereba selbst – ihre eigene Geschichte mit allen Veränderungen ist gleichzeitig Inhalt und Form ihrer Musik.

Marian Azeb Mereba alias Mereba wurde in Montgomery, Alabama geboren und wuchs größtenteils in Pennsylvania auf. Sie hat seitens ihrer Mutter afro-amerikanische und seitens ihres Vaters äthiopische Wurzeln, und weil ihre beiden Eltern Professor*innen sind, zog sie in Kindheit und Jugend häufig um. In North Carolina lernte sie Gitarre zu spielen und die Musikszene der Großstadt Atlanta, Georgia formte ihre musikalische Ausrichtung schließlich besonders. Die musikalische Vielfalt, der sie zuerst in der Underground-Szene Atlantas begegnete – ob Folk, Rap, Reggae oder R&B – zieht sich durch Merebas musikalisches Werk und sorgt dafür, dass ihre Musik immer wieder Überraschungen bereithält, ohne an Zusammenhang zu verlieren.

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Amber & the Moon: Herbstwetter-Folk

Amber & the Moon machen Indie-Folk gewürzt mit filigraner Instrumentation und durchdachter Rhythmik und Percussion. Anfangs war Gitarristin und Sängerin Ronja noch solo als Amber & the Moon unterwegs, inzwischen hat die Musikerin ihr Projekt mit einem Bassisten und einem Drummer zu einer feinen kleinen Band ausgebaut. Im Januar kam ihr Debütalbum Things We’ve Got In Common heraus, das der WDR direkt zum „Album des Monats“ kürte.

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Live-Report: Tim Vantol rockt Berlin wie ein Heimspiel

Konzerte von Tim Vantol sind ein Phänomen: Denn obwohl der Niederländer mit seiner Familie auf dem Land in Deutschlands Süden wohnt und zum Tourauftakt gleich zwei ausverkaufte Konzerte in Nürnberg hingelegt hat, fühlt sich dank seiner treuen Fangemeinde irgendwie jedes seiner Konzerte an wie ein Heimspiel – so auch der Donnerstagabend im Cassiopeia auf dem Berliner RAW-Gelände. Das liegt natürlich auch daran, dass Vantol seit inzwischen 14 Jahren mal mit Band oder wie jetzt solo als Tourmusiker unterwegs ist und kaum noch jemandem etwas beweisen muss.

Tim Vantol spielt im Cassiopeia vor seinen Berliner Fans – die meisten davon Wiederholungstäter.
Alle Fotos: © Musik unterm Radar
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