Willkommen auf Musik unterm Radar, dem jungen Onlinemusikmagazin aus Berlin!

Die Charts hängen dir zu den Ohren raus? Kein Problem! Hier findest du jede Menge hörenswerte, (noch) unbekannte Bands. Mindestens einmal pro Woche gibt es neue Geheimtipps aus allen Genres, geschrieben aus Leidenschaft für gute Musik. Vorstellungen von Musiker*innen findest du in den Band-Portraits. Konzertreviews (durch Corona momentan pausiert) gibt’s in der Kategorie Live-Reports, Rezensionen von neuen Alben bei den Musik-News. In den Behind-The-Scenes-Reportagen blicken wir hinter die Kulisse von spannenden Themen aus der Musikszene und in den Interviews kommen vom Filmmusikkomponisten bis zur Festival-Organisatorin spannende Leute zu Wort.

Oder du lässt dich überraschen: Die neusten Texte findest du chronologisch weiter unten. Viel Spaß beim Stöbern!

Anna Leone: Gitarren-Folk mit Charakter

Die tolle, gefühlvolle Stimme kann Anna Leone wohl ihr Markenzeichen nennen – in Ergänzung mit dem meist minimalistisch gehaltenen Instrumentalunterbau sorgt sie für einen Sound mit Tiefgang.

2018 erschien die erste EP der Schwedin. Seit März ist mit Still I Wait die zweite EP von Anna Leone zu haben und auch ein Album ist schon in der Mache. Bis Herbst ist hier aber wohl mindestens noch Geduld angesagt.
Viel braucht Anna Leone nicht für ihre Musik: ein paar melancholische Akkorde, beständiges Gitarren-Fingerpicking und ihre nachdenkliche Stimme. Auf unverfälschte, rohe Art singt die Musikerin und lässt dabei trotz oft zarter Melodien auch das Volumen ihrer Stimme durchblitzen. Friedlich klingen ihre Songs, könnte man sagen. Und gleichzeitig erahnt man eine bezeichnende Tiefe und Reife.

Fazit: Anna Leone ist eine besondere Entdeckung. Ihre Musik geht leicht ins Ohr, ist ausgesprochen schön und bringt auch eine Portion Eigenwillen mit. Schade nur, dass wir bis zum ersten Album noch warten müssen.

Old Sea Brigade: Roadtrip-Sound aus Nashville

Ursprünglich kommt der Musiker Ben Cramer aus Georgia, inzwischen lebt er in Nashville. Dort hat er 2015 sein Solomusikprojekt Old Sea Brigade auf die Beine gestellt. Nach mehreren EPs, einem Debut-Album und einer Kollaborations-EP mit Luke Sital-Singh hat der Musiker für Mitte Mai sein nächstes Album angekündigt.

Mit einer sanften Art und gleichzeitig verlässlichen Stetigkeit vermittelt die rauchige Stimme des Musikers den Eindruck, als sei dieser so schnell durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Viel Bewegung in der Begleitung und die Unterlegung mit Beats steigern Tempo und Drive der Songs. Bei Themen wie der Suche nach den eigenen Wurzeln und der Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen schimmert auch immer wieder eine vorsichtige Melancholie durch.

Fazit: Mit einem eigenen Stil kombiniert Old Sea Brigade eingängige Melodien mit mehrschichtiger Begleitung und einem Gefühl von innerer Ruhe.

Lennart Schilgen im Interview: „Frontmann zu sein, musste ich mir erst erarbeiten.“

Meist reicht Lennart Schilgen eine Liedzeile, um ein altbekanntes Wort so umzudeuten, dass man plötzlich vor ganz neue Tatsachen gestellt wird. Simple Kalauer kommen hier allerdings nicht heraus, stattdessen clever umgedrehte Wirklichkeiten und elegante Wortwitze. Ob solo oder bis 2018 noch in Bandformation hat Lennart Schilgen zahlreiche Preise abgestaubt und reihenweise Konzerte und abendfüllende Kleinkunstprogramme hinter sich gebracht. Mit seiner EP Populärmusik, die am 9. April erscheinen wird, zieht es den Berliner Liedermacher jetzt zu neuen Ufern: Mehr Richtung Pop soll es gehen, dafür etwas weniger Comedy-Charakter. Auf die ein oder andere textliche Wendung und ein musikalisches Augenzwinkern kann man sich zwischen Kapitalismuskritik, Stalker-Figuren und einem Paar, das sich nur mit geschlossenen Augen blind versteht, natürlich trotzdem verlassen.

© Marcel Brell

Musik unterm Radar: Lieber Lennart, bevor wir über deine EP reden, muss ich dir gestehen, dass ich dich schon einmal auf einer Bühne gesehen habe. Ich war 2017 mal auf einem Konzert deiner damaligen Band Tonträger in der Bar jeder Vernunft hier in Berlin. Und ein Highlight des Abends war für mich, wie du eine Art Chanson auf Französisch gesungen hast und im Laufe des Liedes plötzlich von der Bühne aus über die wackligen Tische der recht gut betuchten Gäste spaziert bist. Dabei hast du dann unter anderem das Glas Weißwein einer Zuschauerin ausgetrunken.

Lennart Schilgen: Oh Gott, da warst du dabei? (lacht) Es ist so absurd, dass dieser Moment mich jetzt wieder einholt. Das war das zweite Programm von Tonträger, ziemlich bald danach haben wir uns nach 15 Jahren aufgelöst. Aber das war tatsächlich einer der Momente, wo ich am meisten aus meiner Komfortzone rausmusste. Die anderen haben gesagt: „Komm, mach das! Das ist cool, das ist witzig.“ Als Zugabe war das dann auch in Ordnung und diese Art davon, sich mal etwas zu trauen, das kann man in der Bar auf jeden Fall machen.

Bisher gab es von dir ja nur Live-Aufnahmen zu hören, unter anderem auch aus der Bar jeder Vernunft. Populärmusik wird jetzt deine erste Solo-Studioveröffentlichung. Wie ist die EP entstanden und wie hast du die fünf Lieder ausgewählt?

Weiterlesen

Jason Pollux: alternativer Electropop

Das Duo Jason Pollux bastelt durchdachte Electro-Songs – und das übrigens ganz ohne Sounds vom Laptop.

Sängerin und Keyboarderin SÆM und ihr Bandkollege Michael Burger, der sich bei Jason Pollux um Synthies und Beats kümmert, haben 2019 gemeinsam ihre erste EP Escape veröffentlicht. Nach verschiedenen Clubkonzerten, Festivals und Online-Gigs steht für dieses Jahr außerdem eine Nachfolge-EP auf dem Plan.
Jason Pollux schöpfen die atmosphärischen Möglichkeiten ihrer Soundspielereien voll aus. So entstehen Songs mit einerseits meditativen, sich wiederholenden Klangschnipseln und andererseits einer Vielzahl von eingestreuten Ideen. Die eindringliche Stimme von SÆM tut ihr Übriges und macht die Musik zu einer runden Sache.

Fazit: Wer genau hinhört, kann bei Jason Pollux viel entdecken. Wie ein Puzzle fügen sich die kleinteiligen Soundelemente mit der bestechenden Lead-Stimme zusammen.

Chris Mayer & The Rockets: Feelgood-Folk-Pop

Wie der Lieblings-Highschoolfilm aus den 90ern soll sich ihre Musik anfühlen, fassen Chris Mayer & The Rockets zusammen. Ein Genre haben sie sich dafür auch schon überlegt: Feelgood-Folk-Pop.

Für den vollen Bandsound lässt sich Frontmann Chris Mayer von seinen Musiker-Kollegen Daniel Jaud, Basti Pilous und Wolfi Müller unterstützen. Nach mehreren ersten Singles ist seit Februar auch schon das erste Album In One Room der Münchner zu haben.
Eigentlich kommen die vier aus ganz unterschiedlichen musikalischen Richtungen. Gemeinsam bringen sie nun ihre verschiedenen Einflüsse unter einen Hut. Ihr Anspruch: Britpop- und Bluesrock-Verrückte sollen genauso auf ihre Kosten kommen wie Singer/Songwriter-Fans. Dafür warten Chris Mayer & The Rockets mit markanten Drums, eingängigem Gesang, wohldosierten Instrumentalsoli und einer Ladung Aufbruchsstimmung auf.

Fazit: Chris Mayer & The Rockets halten ihr Versprechen und sorgen für gute Laune und unbeschwerte Stimmung.

Nobody’s Cult: Indie zum Eintauchen und Abdriften

Nobody’s Cult aus Frankreich gehen in die Vollen: Eine bombastische Leadstimme, fesselnder Spirit und die vielseitigen musikalischen Ideen sprechen für sich.

Dafür, dass sich die Truppe um die bemerkenswerte Sängerin Lena Woods bereits 2015 gegründet hat, haben es Nobody’s Cult in Sachen Recording bisher erstaunlich ruhig angehen lassen. 2017 haben sich die vier mal an einer EP versucht, zwischendurch gab’s hin und wieder eine Single. Mit einem größeren Album haben sie aber bisher auf sich warten lassen. Im Juni soll es nun aber so weit sein und ihr Debut Mood Disorder darf in die Welt.
Mit Nobody’s Cult lässt es sich wunderbar abtauchen. In „Feel Blue“, einer der ersten Singles aus Mood Disorder, lassen die vier ihre Gedanken schweifen, gehen zurück Richtung Kindheit, entdecken eine gewisse Nostalgie für sich – dass das zugehörige Musikvideo statt digital auf 16mm-Film gedreht werden musste, liegt nahe. Weiter finden wir bei Nobody’s Cult zwischendurch faszinierende Mehrstimmigkeiten, die wunderbar abseits der klassischen Harmonien funktionieren, dann wieder aufbrausende Songs voller Dynamik und Spannung. Und wer hat noch mal gesagt, dass Harfen in Rockbands nichts zu suchen haben?

Fazit: Manchmal kriegt man es bei Nobody’s Cult mit der Angst zu tun, die Band könnte jeden Moment auf der Bühne explodieren – so sehr können sich die vier in ihre Musik hineinsteigern. Dann wieder gibt einem die Band starke Momente zum Durchatmen und Abdriften.

Noam Bar: Soulmix mit Power

Die Musik von Noam Bar bleibt nach dem ersten Hören im Gedächtnis. Kein Wunder, bei dieser Palette an Rhythmus und Ausstrahlung.

Benannt ist die Band nach Frontfrau Noam Bar. Die Sängerin und Gitarristin aus Israel hat es mit Stopps in Miami und Madrid nach Hannover verschlagen. Ein Glück, muss man sagen, denn dort scheinen schon vier weitere Musik-Profis nur auf sie gewartet zu haben. Seit 2018 ist die Sängerin nun also gemeinsam mit Tobias Reckfort an den Drums, Bassist Nic Knoll, David Gerlach am Klavier und Laurenz Wenk am Saxophon unterwegs.
Neben der bemerkenswerten Stimme der Sängerin schimmern bei Noam Bar verschiedenste musikalische Einflüsse durch, R&B und Soul treffen auf Hip-Hop und jazzigen Flair. Die fünfköpfige Band sorgt zuverlässig für packenden Rhythmus, stabilen Drive und hin und wieder bluesige Call-and-Response-Einlagen. Dazu gibt es englische Texte über menschliche Schwächen, Ex-Freunde und Kämpfergeist – von Noam Bar schlicht zusammengefasst als „angry woman music“.

Fazit: Noam Bar machen ordentlich Dampf. Die Songs sind dynamisch und reißen mit. Allen voran geht die fantastische Stimme der Sängerin.

Friedberg: frischer Indie aus London

Einen völlig neuen Sound erschaffen – das war die Mission der Bandmitglieder von Friedberg, als sie ihre Debut-EP aufnahmen. Gelungen ist das den vier Frauen schon auf den vorab erschienenen Songs “Midi 8” und “Lizzy”.

Was hier entstanden ist, ist natürlicher, abwechslungsreicher Indie-Sound. Getragen wird er von Gitarren und Drums und bleibt sofort im Kopf. Die Stimme von Lead-Sängerin Anna Friedberg ist rau und melancholisch und erinnert an Lana del Rey. Dem ein oder anderen Zuhörer wird sie bekannt vorkommen: Vor Friedberg trat die Sängerin als Solokünstlerin unter dem Namen Anna F. auf. 
Auch in ihren Musikvideos erschafft die Band etwas Neues. Im Video zum Track “Midi 8” spielt Anna auf einer überdimensionalen Cowbell und in “Lizzy” streift sie durch die dunklen Londoner Straßen, während sie aus einer trippy Vogelperspektive von der Kamera begleitet wird. Obwohl die Band erst seit 2019 gemeinsam Musik veröffentlicht, wurde sie von der Presse schon hochgelobt. Ihre Debüt EP trägt den (fast) eingängigen Namen “Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah” und erscheint am 19. März.

Fazit: Wer jungen, modernen Indie mag, der sollte sich den Namen Friedberg gut einprägen, denn unsere Vermutung ist: Diese Band befindet sich gerade erst am Beginn von etwas ziemlich Großem.

Autorin:

Carla Blecke

Nobutthefrog im Interview: „Die Straße ist jetzt unser Revier.“

Alle Brücken abbrechen und im VW-Bus um die Welt reisen: Den Plan hatten Anka und René von der Nürnberger Band Nobutthefrog schon eine Weile im Kopf. 2020 sollte es endlich konkret werden. Dann wurde die gesamte Welt von der Corona-Pandemie überrascht. Losgefahren sind die beiden nun trotzdem: erst nach Österreich zum Paragliden, dann weiter nach Italien. Ihre Reise finanzieren sie sich durch Straßenmusik. Seit September sind sie unterwegs, wie lang es gehen soll, ist aber völlig offen – ihre Auslandsversicherung haben sie sicherheitshalber für fünf Jahre abgeschlossen. An ihrem letzten Tag auf Sardinien haben die beiden von ihren Erlebnissen berichtet und erzählt, wie eine Band-Reise unter Corona-Bedingungen funktioniert.

© privat

Musik unterm Radar: Als wir das erste Mal vor etwa einem Jahr in Kontakt gekommen sind, habt ihr mir von eurem Plan erzählt, im Sommer auf Weltreise zu gehen. Ich habe ja ehrlich gesagt nicht mehr geglaubt, dass ihr das tatsächlich machen würdet. Wie hat euer Umfeld reagiert, als ihr gesagt habt, dass ihr euch trotz Pandemie auf den Weg machen wollt?

René: Unsere Großeltern haben gesagt: „Das klappt eh nicht.“
Anka: Die dachten, wir kommen nach ein paar Wochen wieder heim. Unsere Freunde fanden’s total gut und unsere Eltern auch.

Wer hatte die ursprüngliche Idee zu der Reise?

René: Ich glaube, die Idee hatte ich. Ich hatte schon vor vielen Jahren den Plan, einen VW-Bus zu kaufen und damit die Atlantikküste entlang zu fahren, weil ich gern surfen gehe. Den VW-Bus haben wir uns dann auch gekauft, der ist dann aber leider kaputtgegangen. Dann haben wir uns später einen vernünftigen Bus gekauft und ich habe den so anderthalb Jahre lang ausgebaut.
Anka: Und dann ist die Idee entstanden, dass wir ja die Reise durch Straßenmusik und Konzerte finanzieren könnten. Das hatten wir auch vor ein paar Jahren schon mal ausprobiert. Mit einem Ford Fiesta und zwei Hängematten. So sind wir dann drei Wochen durch Deutschland getingelt und waren am Schluss sogar im Plus!

Wie muss man sich eure Straßenmusikeinlagen jetzt in Coronazeiten ungefähr vorstellen?

Weiterlesen

Bands erzählen: Coolster Moment auf Tour

Um das wilde Tourleben werden Bands und Musiker*innen wahrscheinlich mit am meisten beneidet. Wir haben Bands nach ihren schönsten, witzigsten und skurrilsten Momenten gefragt. Die besten Anekdoten aus Konzerten, Band-Vans und zwielichtigen Unterkünften findet ihr hier.

©Katharina Köhler


„Der schönste Moment auf einem Konzert war in Accra, Ghana. Wir spielten ein voll ausgestattetes Straßenkonzert inmitten der Stadt und wurden dabei von zehn Percussionisten begleitet. Nie zuvor hat sich Soul Power so richtig angefühlt.“

Kleopetrol


„Wir haben einmal auf der EP-Releaseparty von Freunden gespielt. Dort sollte gleichzeitig ein 30. Geburtstag gefeiert werden. Wir dachten uns nichts dabei. Als wir ankamen – im Rahmen eines Weekenders und entsprechend sahen wir aus – stellten wir fest: Das ist echt ein 30. Geburtstag! Im Saal, mit gut gekleideten Leuten, Oma, Opa, Handballmannschaft. Und uns. Das Konzert war… interessant, der Abend unvergesslich. Auch deshalb, weil sich unser Merch-Mann später mit Panzerband zwei Weißweingläser an die Hände geklebt hat und wirklich durstig war.“

Great Escapes


„Das beste Lob als Egotronic-Support auf der Linksversifften Unkultour 2020: ‚Ey, geil, meine besoffenen Freundinnen haben bis zum letzten Lied gedacht, dass ihr Egotronic seid!'“

Sie kamen Australien


Weiterlesen