Tim Vantol: Musiker mit Leib und Seele

„Er klingt ja, als wär‘ er besoffen!“ Dieser Ausruf war eine erste Reaktion auf das Lied „If We Go Down, We’ll Go Together“ von Tim Vantol, das unter seinen Fans längst zur Hymne geworden ist. Zwar ist davon auszugehen, dass der Sänger und Gitarrist zum Zeitpunkt der Aufnahme nüchtern gewesen ist, dennoch findet man die ein oder andere Eigenschaft, die angetrunkenen Menschen zugeschrieben wird, durchaus auch in Vantols Musik wieder (im positiven Sinne, versteht sich).

Der Niederländer spielt auf seinen drei veröffentlichten Alben vor allem Folk-Rock-Songs mit Anklängen aus dem Country. Dabei lebt seine Musik vom Unperfekten. Vantol braucht mit seiner charakteristischen, natürlichen Stimme keinen korrigierenden Computer; wenn mal ein Ton nicht auf den Kopf getroffen wird, macht ihn das nur umso authentischer. Denn es steckt so viel Emotion in seiner Stimme: Wenn Vantol singt, fühlt man die Überschwänglichkeit, den Mut, die Euphorie eines Menschen, der mitten im Leben steht. Die kratzig-raue Stimme, die so charakteristisch für ihn ist, lässt seine Freude an der Musik schnell auf alle Zuhörenden überschwappen. Diese positive Energie und seinen Idealismus was gesellschaftliche Themen anbelangt, macht er durch die Songs ebenso wie durch seine Konzerte damit möglichst vielen Menschen zugänglich.
Nachdem Tim Vantol 2014 bereits als Vorband des US-amerikanischen Folk-Sängers Chuck Ragan mit auf Tour war, ist er dieses Jahr auf seiner eigenen Deutschland-Tour unterwegs gewesen.

Fazit: Mit seiner Musik, die voll gepackt ist mit Ehrlichkeit und Spontanität, überzeugt Tim Vantol von Anfang an. Man wird gepackt von einer riesigen Lust auf Abenteuer und vor allem auf das Mitjohlen im Refrain. Reinhören wird dringend empfohlen!

Links: http://timvantol.com/music/
http://www1.wdr.de/fernsehen/rockpalast/bands/ueber-tim-vantol-100.html

Der Zauber bleibt scheu, nur dem Staunenden treu

Ein nuschelnder Singer/Songwriter mit Gitarre und Mundharmonika – der Vergleich mit Bob Dylan ließ naturgemäß nicht lange auf sich warten.

Max Prosa singt auf inzwischen drei im Folk beheimateten Alben über Liebe und Leben und schreckt auch vor politischen Texten nicht zurück. Während Prosa mit Die Phantasie wird siegen ein sehr breit aufgestelltes Debutalbum gelungen ist, sind auf dem zweiten Album Rangoon eher schwermütig-aufgewühlte aber auch sehr melodiöse Titel und mit Hallelujah eine Übertragung des Cohen-Klassikers ins Deutsche zu hören.
Dieses Jahr erschienen ist Keiner kämpft für mehr, das schon eher in Richtung Pop zu verorten ist. Die Stimme des jungen Künstlers klingt dort noch einmal deutlich selbstbewusster, die Klänge sind massiver und etwas experimenteller, die Texte nicht mehr so verträumt.
Mit „Chaossohn“, einem Track mit deutlich gesellschafts- und kapitalismuskritischen Anklängen aus Rangoon, gibt Prosa uns zum Schluss einen schönen Satz mit auf den Weg, den ein jeder sich ab und zu einmal durch den Kopf gehen lassen sollte: „Doch der Zauber bleibt scheu, nur dem Staunenden treu.“

Fazit: Max Prosa gelingt es, mit ausagekräftiger Musik und sensiblen Texten lebhafte Gefühle freizusetzen. Die drei bisher erschienenen Alben sind insgesamt recht unterschiedlich, aber alle auf ihre Art mehr als hörenswert.

Der Sound eines Reisenden

Indie Rock trifft auf Folk, traditionelle Klänge aus dem Balkan auf chanson-ähnliche Passagen, unterstützt wird alles von Blechbläsern und Sänger Zach Condons einzigartigen Melodiefolgen. Kurz gesagt: Die Musik von Beirut ist schwer zu beschreiben.

Ähnlich schwer einzuordnen wie das Genre sind die Texte aus Condons Feder. Poetisch und gut ausgedrückt wie sie sind, lassen sie doch nicht selten nur schwer erahnen, welche Aussage sie uns mit auf den Weg geben sollen. Zu dieser entstehenden Verwirrung tragen außerdem die oftmals ausgesprochen skurrilen Musikvideos bei. So sieht man im Hintergrund von No No No einen Herrn auf einer Leiter die Wand hinter der Band streichen, der Pianist bewegt die Finger statt auf einem Klavier auf einem Küchenrost und ein älterer Mann zieht dem davon völlig unbeeindruckten Condon von hinten eine Flasche aus Zuckerglas über den Kopf. Zum Schluss erscheinen verschiedene Hände im Bild, die den in der Luft schwebenden Musikinstrumenten applaudieren. Nichtsdestotrotz zieht es das Publikum augenblicklich in diese abstrakte Welt mit hinein, denn gut gemacht sind die Videos allemal.

Die Titel der einzelnen Songs lassen auf weitgereiste Menschen schließen: Von Prenzlauerberg, Rhineland und Postcards from Italy auf dem ersten Album The Gulag Orkestar geht es nach Nantes, East Harlem, Brazil und Gibraltar bis ins August Holland und La Banlieue (die französische, meist von Armut geprägte Vorstadt), um nur einige Beispiele zu nennen. Und der Schein trügt nicht: Gründer Zach Condon, sechzehnjähriger high school dropout, also Schulabgänger ohne Abschluss, verließ das heimatliche New Mexico, um auf Europareise zu gehen (Stationen unter anderem: Paris, Amsterdam und natürlich Osteuropa). Die klangliche Vielfalt, die sich dem jungen Musiker während dieser Zeit aufgetan hat, muss er unaufhaltsam in sich aufgesogen haben. Nur deshalb kann die Zuhörerschaft seiner Alben sich ganz der musikalischen Diversität und Vielschichtigkeit hingeben, die Condon und seine Band in ihren Werken vereinen.

Fazit: Beiruts musikalischer Stil eignet sich zwar besonders am Anfang nicht unbedingt zum Mitsingen, gehört aber mit ihrer Mischung aus Melancholie und Guter-Laune-Musik plus der zum Teil einzigartigen Instrumentation und des herausragenden Talents Zach Condons bestimmt in jedes gut sortierte CD-Regal.

Links: https://detektor.fm/musik/album-der-woche-beirut-the-rip-tide