Adventsspezial: JD McPherson

Dass sich die Jazzer und Bluesmen in den USA auch von der besinnlichen Zeit einnehmen lassen, ist nichts Neues: Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Nat King Cole — sie alle haben mindestens ein Weihnachtsalbum veröffentlicht. In diese Tradition reiht sich nun auch JD McPherson mit ein, wenn auch mit einer gewissen Portion Komik.

„Ugly Sweater Blues“ heißt seine Interpretation der Vorweihnachtszeit innerhalb der Familie und stammt aus seinem Weihnachtsalbum Socks. Wie der Titel schon vermuten lässt, dreht sich hier alles um die typisch amerikanischen Weihnachtspullover. Protagonist ist anscheinend ein Kind, das mit der Vorgabe seiner Mutter hadert, den hässlichen Pullover tragen zu müssen. In schöner Weihnachtsmanier wartet das Lied neben der vollen Stimme McPersons und angenehmem Drive mit Glöckchen im Hintergrund auf und erzeugt so ein schönes Kaminfeeling.

Fatcat: Funkige Stimmungskanonen

Acht Jungs ziehen gerade über die deutschen Bühnen und verbreiten gute Musik und gute Laune: Fatcat aus Baden-Württemberg machen den Funk tanzbar.

Ein Vorgängerprojekt der Band entstand bereits im Zuge des Musikstudiums einiger Mitglieder in Freiburg, damals noch unter dem Namen Project Mayhem. Komplett wurde Fatcat dann, als Sänger Kenny Joyner dazu stieß. 2016 erschien dann mit Champagne Rush das erste Album der Gruppe, ein Livealbum folgte im März diesen Jahres.
Mit Gitarre, Bass, Keyboard, Drums, Posaune, Alt- und Tenorsax heizen die acht ihren Zuhörern ganz schön ein. Der Klang ist wuchtig, die Lautstärke ordentlich, die Stimmung ausgelassen. Dass die Mitglieder von Fatcat durch ihr Studium Ahnung von der Materie haben, fällt auf: Die Band beherrscht dass Solospiel genauso, wie sich zurückzunehmen und harmonische Backings abzuliefern.

Fazit: Fatcat haben das Zeug, in den nächsten Jahren noch richtig groß zu werden. Mit der Pop-Funk-Mischung ihrer Titel zeigen sie, was sie musikalisch drauf haben und fabrizieren coole, unverwechselbare Songs.

Seraleez: eingängiger HipHop-Soul-Mix

Moderne Elektroklänge und softe Beats treffen auf jazzige Akkorde und eine einzigartige Soulstimme. Die junge Band Seraleez aus Berlin hat viel zu bieten.

Die fünfköpfige Band besteht aus den vier jazz- und hiphopbegeisterten Musikern Jonathan Strauch (Saxophon), Phillip Oertel (Bass), Stephan Salewski (Schlagzeug) und Christian Keymer (Keyboard) und der amerikanischen Sängerin Christine Seraphin. Zwar liegen die Anfänge der Gruppe in Dresden, inzwischen nennt die Gruppe allerdings die Hauptstadt ihr Zuhause. Im Jahre 2016 kam schließlich ihr Debut Good Life unter ihrem Bandnamen Seraleez auf den Markt. Seitdem haben die Musiker reihenweise Shows gespielt und innerhalb Deutschlands wie international jede Menge Leute zum Tanzen gebracht.
Spannend an Seraleez’ Musik ist so einiges. Die coolen Jazz-Licks, der kraftvolle Gesang, die Art, mit der die jungen Musiker verschiedenste Stile unter ein Dach bringen. Klar ist außerdem: Die Songs bleiben im Kopf. Und das, obwohl die Band gerade auf simple Popstrukturen und -melodien verzichtet. Seraleez beweisen, dass komplexe Rhythmen und ein mutiger Umgang mit Genres keineswegs im Widerspruch zu eingängiger Musik stehen müssen. Auch die Songtexte aus der Feder von Sängerin Seraphin sind alles andere als simpel gestrickt und es lohnt, sich damit zu beschäftigen. In „The Only One“ (feat. Stimulus) geht es laut Seraphin beispielsweise darum, dass es zwar auf der Welt immer Menschen gibt, die gerade in ähnlich schwierigen Situationen stecken wie man selbst, und dass man sich dabei aber dennoch allein fühlen kann. Auch Generationenkonflikte, Kindheitsträume und die dunkle Seite der menschlichen Persönlichkeit finden durch Seraleez eine Stimme.

Fazit: Die Mitglieder von Seraleez machen musikalisch komplett ihr eigenes Ding. Dabei entsteht ein unverwechselbarer Sound, der richtig Lust auf mehr macht.

VenueConnection: feiner Funk

Mit rollenden Schlagzeug-Beats, Einwürfen von der Jazzorgel und abgerissenen Gitarrenakkorden spielen VenueConnenction funkigen Jazz und Soul.

Die Grundidee für die Combo VenueConnection entsteht 2002 in Spanien, es dauert allerdings bis 2007, bis der US-Amerikaner Karl Frierson zur Truppe dazustößt. Das erste Album Madrid Boogie wurde dafür aber auch gleich von Acid Jazz Hispano zum besten Album des Jahres 2008 gekürt.
Musikalisch sind die einzelnen Mitglieder alle fantastisch in Form und transportieren den Vibe genauso, wie es die Musikrichtung verdient. Auch gesanglich haben VenueConnection einiges zu bieten: nahezu gerappte Passagen gibt es genauso wie jazztypische Lautmalerei, ab und an wird mal ein Schrei eingeworfen. Sänger Frierson und seine Kollegin Ángeles Dorrio harmonieren gut und fangen die jeweiligen Stimmungen schön ein.

Fazit: VenueConnection machen technisch einwandfreie Musik und bringen außerdem das richtige Gefühl mit.

  • Meisterwerk: „Feel The Groove“
  • So klingt’s: Funk, Soul, Jazz
  • Getextet: „When you’re laughing, when you’re dancing, when you’re singing in the rain | take a chance cause it’s so amazing how your life will surely change“ (Singing In The Rain)
  • Umleitung: http://www.venuesite.com/en/

Sara Niemietz: Blue Notes und voller Sound

Sara Niemietz’ Stimme klingt wie auf alten Jazz-Platten: Sie beherrscht Dirty Tones, hat einen kräftigen Gesang, kommt in die Höhe und lässt insgesamt Hoffnung für die Welt der Vokalmusik aufkeimen.

Niemietz, Jahrgang 92, hat bereits als Kind erste Auftritte in Film, Fernsehen und Theater. Sie wächst in Chicago auf, spielt Gitarre, Bass und Klavier, singt, schreibt Musik. Später arbeitet sie mit verschiedenen Musikern und Komponisten zusammen, bringt Records auf den Markt, Ellen DeGeneres wird auf sie aufmerksam und lässt sie in ihrer Show auftreten, das Time Magazine schreibt über ihre Dixieland-Interpretation von Justin Biebers „Love Youself“.
Mit ihrer fantastisch voluminösen und ausdrucksstarken Stimme covert Sara Niemietz Titel aus allen möglichen Genres, nicht selten klingt ihre Version dabei besser als das Original. Abgesehen von ihrer YouTube-Präsenz ist die Künstlerin auch ganz aktuell in Deutschland mit mehreren Shows zu sehen.

Fazit: Tolle Stimme, tolle Technik, tolle Titel. Bleibt zu hoffen, dass Sara Niemietz noch sehr lang im Musikbusiness unterwegs sein wird und die Jazzlandschaft mit weiteren Interpretationen bereichert.

City of the Sun: Mitreisende Akustik-Performance

Zwei Gitarren, ein Percussionist. Klingt erst einmal nach Fahrstuhlmusik. Dass diese Konstellation sehr viel mehr Potential hat, wenn man nur die richtigen Musiker an den Instrumenten sitzen hat, zeigen City of the Sun aus New York.

Das Trio hat bereits mehrere EPs und Alben auf den Markt gebracht, spielt immer wieder Live-Konzerte und war unter anderem schon mehrmals bei TEDx zu sehen.
Wer die drei jungen Männer beim Spielen beobachtet, wird von ihren Songs bald ähnlich mitgerissen wie wenn eine bekannte Rockband spielt. Man sieht ihnen sofort an, wieviel Herzblut in ihrer Musik steckt und dafür braucht es erstaunlicherweise keinen Sänger und keine Texte, die vom Publikum mitgesungen werden könnten.
Ausgemacht wird ihr Stil vor allem durch die vielen verschiedenen Genres, die die Band zusammen führt. Die Kompositionen von City of the Sun könnte man vereinfacht als Akustikpop bezeichnen, tatsächlich steckt aber deutlich mehr darin: man findet jazzige und bluesige Sounds genauso wie Indierock und Folk oder auch ganz exotisch klingende Skalen. iTunes macht es sich leicht und stuft die Band ganz einfach als „Alternative“ ein.

Fazit: Bei weitem nicht alle Bands beherrschen es, mit ihrer Musik so viel Stimmung, Spannung und Atmosphäre aufzubauen wie City of the Sun. Und das ganz ohne Texte.

Links: https://wearecityofthesun.com/

Etwas Ruhiges für die Weihnachtszeit (Pt. 3, Carol Jarvis)

Nur noch eine Woche bis Heiligabend und trotz allgegenwärtiger Glühweinstände und kitschiger Beleuchtung keimt noch immer nicht genug Weihnachtsstimmung auf? Um nicht gezwungenermaßen doch zu „All I Want for Christams Is You“ oder gar zu Justin Biebers Weihnachtsalbum greifen zu müssen, werde ich im Dezember verschiedene Alben mit eher ruhigen Titeln vorstellen, die sich anbieten, um in Weihnachtsgefühlen zu schwelgen und dabei den typischen Dauerbrennern wenigstens teilweise zu entgehen. Weiter geht’s mit Teil Drei: Smile von Carol Jarvis

Die Posaunistin Carol Jarvis ist 40 Jahre alt, Absolventin eines Studiums am britischen Royal Northern College of Music und inzwischen Dozentin am Trinity Laban Conservatoire of Music in London. Neben ihrem herausragenden Spiel auf der Posaune, spielt sie außerdem Keyboard, singt Backings, arrangiert und ist in verschiedenen anderen musikalischen Bereichen aktiv. Zusammengearbeitet hat Jarvis im Laufe ihrer Karriere unter anderem mit dem London Symphony Orchestra, Seal und Sting.
Auf ihrem Studioalbum Smile finden sich Interpretationen von Jazz-Klassikern wie „Night and Day“, „How High the Moon“ und „Caravan“, in denen Jarvis in beeindruckenden Höhen spielt und das jazzige Feeling besonders gut mit ihren weichen Tönen einzufangen vermag.
Der Erlös des Albums geht an die Organisation Macmillan Cancer Support. Bei Jarvis selbst wurde im Jahr 2004 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert und sie hat sich seitdem diversen Behandlungen unterzogen.

Fazit: Carol Jarvis spielt wunderschöne Töne auf ihrem Instrument und stellt im Jazz ebenso wie in der Klassik ihr Können unter Beweis.

Ich wünsche allen LeserInnen eine besinnliche Adventszeit!

Links: http://www.caroljarvis.com/

Mit der Jazz-Gitarre mal ohne Sting unterwegs

Eigentlich stellt dieser Künstler im Konzept von unterm Radar eine gewaltige Ausnahme dar. Er ist nämlich alles andere als unbekannt. Dominic Miller hat schon mit verschiedensten Größen zusammengearbeitet und ist seit zwei Jahrzehnten auch solistisch unterwegs, am besten kennt man ihn jedoch als Gitarristen des großartigen Musikers Sting. Mainstream allerdings ist Miller auf keinen Fall und so ist es wohl ein vertretbarer Tabubruch, hier über ihn zu schreiben. Soviel also als Vorwort.

Dominic Miller, in Argentinien geboren und in den USA und Großbritannien aufgewachsen, kam zwar erst mit 15 Jahren zur Gitarre, mit seinem Talent war das späte Einstiegsalter aber anscheinend kein Problem. Seit 1991 ist er an Stings Seite auf der Bühne zu sehen und ist für bekannte Gitarrenmelodien bei Klassikern wie dem fantastischen „Shape Of My Heart“ verantwortlich.
Abgesehen davon hat Miller inzwischen auch ein Dutzend Soloalben herausgebracht, auf denen er sich in verschiedenen Stilen ausprobiert. Dieses Jahr erschienen ist seine neueste CD Silent Light. Schon der Titel lässt einen aufhorchen und erzeugt so eine wunderbare Mischung aus Bekanntem und Rätselhaftem. Miller bewegt sich hier hauptsächlich im Jazz, teilweise auch im Latin und besticht mit gleichermaßen ruhigen wie virtuosen Kompositionen. Besonders ist an dieser Aufnahme, dass die einzelnen Tracks tatsächlich nur mit Miller an der Akustikgitarre und einem Percussionisten eingespielt wurden und so trotz der Komplexität einiger Melodien mit den vielen wiederkehrenden Bausteinen fast minimalistisch anmuten.

Fazit: Dominic Miller gehört zu den absoluten Großmeistern der heutigen Zeit. Silent Light beweist technische Fähigkeiten, musikalisches Einfühlvermögen und einen besonderen Sinn für einfache Schönheit.

Links: https://www.ndr.de/ndrkultur/Dominic-Miller-Silent-Light,audio326476.html

Von Albträumen und goldenen Buchstaben

Das Nürnberger Akustik-Trio mit dem untypischen Namen The Rose And Crown lässt sich musikalisch schwer in Schubladen stecken. Gut, auch die Besetzung ist alles andere als alltäglich: eine Sängerin, eine (ebenfalls singende) Pianistin und ein Schlagzeuger als Unterstützung. Die Band bewegt sich durch verschiedene Genres, von Pop- und Folkmelodien über verträumt langsame Balladen bis hin zu Jazzriffs und fetzigen Rhythmen.

Das Album Golden Letter der Band ist eine Kollektion von abwechslungsreichen Songs, trotz der stets gleichen Besetzung jeder anders als der andere. Der gleichnamige Track auf dem Album klingt jazzig-cool und ist doch spannungsgeladen. Das Klavierintro ist ein vielversprechender Einstieg, und auch der Einsatz der Sängerin enttäuscht nicht: Gleichermaßen ausdrucksstark und kräftig nimmt sich Mercan Kumbolu stellenweise aber auch zurück und baut Spannung auf. Das Piano spielt die Melodie partiell mit, ohne für eine nervige Dopplung zu sorgen und lässt immer wieder kurze Jazzeinlagen hören.
Ganz anders klingt da schon „Scary Nightmares“: Angefangen mit düsteren und sich wiederholenden Rhythmen im Klavier wird in den Strophen von gruseligen Albträumen, wie dem Nachbarn, der mit Pistole und blutigem Messer traktiert wurde, berichtet.
Insgesamt beweisen The Rose And Crown, dass sie in mehreren musikalischen Richtungen zuhause sind; geboten werden der Hörerschaft außerdem eine Fülle von verschiedenen Stimmungen und eine spannende textliche Variabilität.

Fazit: The Rose And Crown sind drei sympathische Musiker, die mit guten Ideen dabei sind und ihr Handwerk verstehen. Interessant werden ihre Titel durch vielseitigen Einsatz zweier Instrumente und zwei tolle Stimmen. Positiv fallen außerdem die charakteristischen Klaviersoli und -fills sowie die rhythmische Ergänzung durch das Schlagzeug auf.

Links: http://theroseandcrown.de/

 

Diese Frau hat den Groove gefunden

Ester Rada macht Musik, die man buchstäblich fühlen kann. Ohne großen Aufwand schafft es die Musikerin, mit ihrer Band dafür zu sorgen, dass ein jeder den Rhythmus in sich aufnimmt und sich unwillkürlich im Takt wiegt.

Die Israelin mit äthiopischen Wurzeln ist in ihrem Heimatland vor allem als Schauspielerin bekannt. Obwohl sie in ihrer Jugend bereits Zugang zur Musik gefunden hatte, dauerte es nach eigenen Angaben ein Zeit, bis sie sich nun wieder auf ihre Liebe zur Musik zurückbesinnt. Zum großen Glück für die Menschheit. Denn Rada hat eine fantastische Soul-Stimme, voll und weich, in angenehmer Lage ohne störende Höhen und mit einer einzigartigen Färbung.
Besonders bei ihrem Titel „Out“ klingt der Ethno-Jazz in ihrer Soul-Funk-Mischung mit ein: das triolische Swing-Feeling im Schlagzeug, die Einwürfe von Saxophon, Trompete und Posaune, die jazzigen Akkorde in E-Gitarre und Piano verhelfen dem Lied zu einer fantastischen Klangfülle.

Fazit: Ester Rada ist ohne Zweifel eine besondere Musikerin. Wer ihr zuhört, wird vom Groove gepackt und von der Stimme begeistert sein und noch dazu einen Ohrwurm für die nächsten zwei Tage haben.

Links: http://www.deutschlandfunkkultur.de/saengerin-ester-rada-eigener-glaube-eigener-sound.2177.de.html?dram:article_id=330712