vernukkt: Verschwende deine Jugend

vernukkt hießen bis neulich noch twentyseven., und als diese haben sie einen semi-prominenten Talentwettbewerb gewonnen. Das ist nicht weiter verwerflich, vielleicht etwas uncool, doch hat die Band sich längst freigeschwommen.

Auf ihrer Homepage gibt’s einen Infotext zum Download, in dem steht so gut wie nur Quatsch (aber hey, es gibt eine Homepage und sogar einen Infotext). Das passt bestens zu der verspielt entspannten Außendarstellung und immerhin erfahren wir so: Nuk ist Frontsänger, ich sah ihn auch schon Gitarre und Keys bedienen, Dave am Schlagzeug, Tom spielt Bass.

vernukkt sind noch jung, echt, und machen deutschsprachige Popmusik zwischen NDW und Bilderbuch, mit Texten über Egales, über Liebe und nochmal über Egales. Jetzt kommt der Plot – das ganze Sammelsurium aus Zitaten, selbstgemalten Covern und jugendlichem Leichtsinn macht großen Spaß beim Sehen wie Hören. Wiederholt, erst zufällig, jetzt mit Vorsatz, lief der hier Schreibende dem Trio vor die Flinte (meint Bühne) und konnte sich trotz anfänglicher Skepsis gegenüber der schnoddrigen kurze-Hosen-Attitüde dem Charme der Rasselbande schließlich nur ergeben. Drei Freunde mit Instrumenten. Ob sie in ihrer Freizeit auch Kriminalfälle lösen, ist nicht überliefert.

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Vagabon: You turn me into someone I don’t fuck with

Und immer wieder New York City. Die US-Amerikanerin Laetitia Tamko erweitert den überstrapazieren Begriff des Singer/Songwriters mit guten Pop-Vibes.

Weil, mal unter uns, traurige junge Männer, die mit geschlossenen Augen auf ihrer akustischen Gitarre Liebeslieder säuseln, haben wir mehr als genug. Warum also nicht mal Songs schreiben, und diese allein im elektronischen Gewand sauber aufnehmen und produzieren. Also auch Singer/Songwriter, nur weniger öde. 

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Samantha Urbani: Die neue alte Madonna? 

Die Künstlerin mit dem wahrscheinlich coolsten Namen der Welt mit ihrem ersten Album: Samantha Urbani ist eine amerikanische Sängerin, Songwriterin, bildende Künstlerin, Filmemacherin, ein Model, eine Produzentin und eine äußerst charismatische Erscheinung. Sie gründet im Jahr 2010 die Band Friends, welche sie nach drei Jahren, einer Reihe von Singles und einem Album auflöst, um im Anschluss mit Dev Hynes (Blood Orange) an dessen bis dato wahrscheinlich bestem Album Cupid Deluxe zu arbeiten. Diese äußerst fruchtbare Kooperation führt sie auf großen Bühnen wie dem Lollapalooza, dem Coachella und in Jimmy Kimmels Show.

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HotWax: Aufgepasst – es wird laut!

HotWax, das sind Tallulah Sim-Savage, Lola Sam und Alfie Sayers aus Hastings im Süden des Vereinigten Königreichs – und klar ist, von diesem Trio kann man Großes erwarten. Im Mai dieses Jahres veröffentlichten sie mit „A Thousand Times“ eine EP, die es in sich hat: Indie-Rock mit Grunge-Elementen, der an die 90er erinnert (etwa an Hole mit Frontfrau Courtney Love) und sich dennoch auch im Kontext der aktuellen Post-Punk Landschaft begreifen lässt, ohne dabei an Originalität einzubüßen. Das Ergebnis: Musik, die einen hellhörig werden lässt.

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Starchild & The New Romantic: Songs, die Prince zu schreiben vergaß

Bryndon Cook ist ein Mann mit vielen Talenten. Mit dem Plan, Schauspielerei zu studieren, geht er nach New York, wird dort ein Akteur der Brooklyner Musikszene und kollaboriert unter anderem mit Dev Hynes (Blood Orange), Adam Bainbridge (Kindness), Chairlift, Solange Knowles und Maggie Rogers. Er modelt, steht für einige Serien vor der Kamera, und dann ist da noch sein liebenswertes Soloprojekt mit dem tollen Namen Starchild & The New Romantic.

Das klingt im Kern nach Eighties, R&B und Funk. „Champion Music for the Heartbroken“ nennt Cook es selbst und tatsächlich weht in all seinen Kompositionen ein Hauch von Schwermut mit, etwas sehnsüchtig Romantisches, wie wir es von Prince kennen, wenn es schneit im April oder wenn die Tauben schreien. Und selbst dann, wenn Cook uns zum Tanzen auffordert – und das macht er gern und mit Nachdruck – schwingt es mit, und wärmt oder bricht je nach Verfassung das Herz des geneigten Hörenden. Enter at your own risk.

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Velvet Two Stripes: Rock im Gepäck

Velvet Two Stripes lassen sich in keine Schachtel zwängen. Das Trio besteht aus den Schwestern Sophie und Sara Diggelmann (Gesang und Gitarre) sowie der Bassistin Franca Mock und bewegt sich zwischen Blues, Garage, Rock und Punk. Die drei Schweizerinnen machen ihr eigenes Ding, setzen sich als female Rockband durch – und bleiben dabei vor allem einer Sache treu: sich selbst.

2014 veröffentlichten Velvet Two Stripes ihr erstes Album VTS, zwei weitere folgten 2019 und 2021. Für Oktober 2023 ist das nächste Album angekündigt: No Spell For Moving Water. Wer ein bisschen in die Songs von Velvet Two Stripes reinhört, merkt schnell: Die drei haben es drauf. Gekonnt kombinieren sie rockigen Gesang, eine punkige Gitarre und fuzzige Sounds. Dabei schaffen sie es, etwas ganz Eigenes entstehen zu lassen. Sich für irgendetwas oder irgendwen (zum Beispiel die Musikindustrie) zu verbiegen, kommt für sie nicht infrage. Ihr Sound ist individuell, und trotzdem bleiben sie nicht stehen: Ihr Motto ist „always moving, never stopping“, und so entwickeln sie sich stetig weiter, ohne etwas von ihrer Individualität einzubüßen.

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Schimmerling: der gute Kinski des Stadionrock

Schimmerling aka Simon Klemp begegnete mir zum ersten Mal vor x Jahren auf einer kleinen Bühne in unserer Stadt. Zur akustischen Gitarre spielte er seine Songs mit der ihm eigenen fiebrig-rastlosen Attitüde, großer Klappe und einem Gestus, der klar machte, dass er auf die große Bühne gehört.

Da ist er mit seinem aktuellen Projekt Schimmerling inzwischen angekommen. Nicht nur ich, auch Sony erkannte das Potential des Bonners mit der diskutablen Frisur und nahm ihn unter Vertrag. Mit seiner großartigen Band im Rücken durfte er neben der aktuell nicht enden wollenden Ochsentour frühe Slots bei Rock am Ring und Rock im Park 2022 absolvieren.

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Portraits Of Tracy: Hip Hop und Pop in irrsinniger Allianz

Portraits Of Tracy ist das Künstlerprojekt des seit seinem fünfzehnten Lebensjahr musikalisch umtriebigen Couren Bowman aus Louisiana. Als Couren The Producer hat er unter anderem Releases von Tyler, the Creator neue Beats verpasst und diese neben eigenen Tracks auf Youtube veröffentlicht, womit er sich bereits an die 30.000 Follower erarbeitet hat. Im Mai brachte der inzwischen 18-jährige Rapper, Vocalist und Multiinstrumentalist sein bereits drittes Album heraus.

Drive Home hat achtzehn Tracks, die zwischen Battle-Rap mit jugendlicher Attitüde (manchmal mutet Courens Stimme nahezu kindlich an) und Pop-Hymnen mit wabernden Synthesizer-Flächen, dann wieder Klangcollagen und Spoken-Word-Hörspielen umhergeistern, jedoch nie irren, weil die Produktion das Ganze zusammenhält. Die Beats sind so fett, dass meine Abspielgeräte verzerrend in die Knie gehen, was Absicht sein mag (nicht muss), dem Ganzen nicht schadet und vielleicht auch daher kommt, dass mein Hifi-Equipment Schrott ist. Denke ich kurz, ich habe alles gehört und Couren durchschaut, belehrt mich der Track “The Afterparty” eines Besseren: jazziges Klavier, massiges Arrangement, betörend schöne Vocals und ganz viel Pathos. Junie ist der Name des Protagonisten in den Tracks – macht man 2023 ernsthaft wieder Konzeptalben? Die Hörspiel-Passagen scheinen eine Rahmenhandlung vorzugeben, die in den Tracks weitererzählt wird. Bei Junie läuft es nicht rund, die Dialoge enden im Streit oder mit Schüssen. Besser ist, man fährt heim.

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Flavien Berger: Zeitlose Ohrwürmer aus Paris

Elektronische Musik ist auch im Mainstream auf dem Vormarsch, aber der Pariser Sound-Designer Flavien Berger ist schon seit einiger Zeit ein vielversprechender Protagonist der französischen Szene. Sein Stil lässt sich irgendwo zwischen Psychedelia, Elektro-Pop und Ambient verorten.

Diese Vielseitigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Alben. Seine neueste Platte Dans cent ans (zu deutsch „in hundert Jahren“) ist im März erschienen und erforscht die Grenzen des Pop-Genres. Auf der einen Seite gibt es da den Track „D’ici là“, der unbeschwerten, elektronischen Ambient mit warmen Chören kombiniert. Dann gibt es da aber auch den Titel-Song des Albums, der nicht nur aufgrund der epischen Länge von 15 Minuten heraussticht, sondern auch durch die bedachte Komposition: Oboen und Flöten unterhalten sich mit dem unaufgeregten Gesang von Berger, dazwischen klingen stellenweise harte Synthesizer durch.

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Live-Report: Old Sea Brigade in Berlin

„I give you my all tonight if you give all yours tonight“, sagte Ben Carmer alias Old Sea Brigade mit weiten Armen nach dem dritten Song im gut gefüllten Berliner Privatclub in Kreuzberg am Samstagabend. Spätestens ab dem Moment war das Publikum voll dabei und klatschte beim treibenden Beat von „Day by Day“ kräftig mit.

© Musik unterm Radar

Als letztes Konzert auf der diesjährigen Europatour von Old Sea Brigade hatte der Abend etwas Festliches, das Publikum merkte dem Singer-Songwriter aus Nashville die zunehmende Freude sichtlich an und kam voll auf seine Kosten. „This is our first headline show in Berlin and we are so happy about you all coming“, sagte er gegen Ende freudestrahlend.

Zunächst spielte der Norweger DePresno, ein junger sympathischer Songwriter mit einer „alten“, souligen Stimme, ein Set als Vorband. Nach einer halben Stunde Pause schließlich kamen Ben Carmer und seine beiden Mitmusiker unter Applaus auf die Bühne und eröffneten mit rhythmischen und atmosphärischen Liedern seines aktuellen Albums 5am Paradise das Konzert. Die entspannte, warme Stimmung der Lieder wurde unterstrichen von dem tiefroten Licht, in das Band und Bühne gehüllt wurden.

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