Die P: Ansage aus Bonn

Ende Mai hat Die P (gesprochen “die Pi”) ihre EP Tape veröffentlicht.  Dabei setzt die Rapperin auf Oldschool-Flow und -Beats. Verzerrte Stimmen und Auto-Tune oder immergleiche Rhythmen sucht man bei ihr vergeblich. 

Schon als Schülerin forderte die Bonnerin ihre MitschülerInnen zu Rapbattles heraus, nach ersten Erfolgen bei den Profis hatte sich die Künstlerin schnell ihren Platz in der Szene erspielt – und zeigt dabei, wie Rap auch funktioniert: Tape kommt ganz ohne zwanghafte Sexualisierung und Geldgeprotze aus, stattdessen geht es um ernste Themen.
Der Track „Respekt“ etwa thematisiert Alltagsrassismus und geht unter die Haut: “Sie haben keinen Respekt vor meiner Farbe / keinen Respekt vor meinen Leuten / das ist keine Geschichte / ich erleb den Scheiß noch heute.”  In „Angesagt“ rechnet Die P mit der Rap-Branche ab. “Das, was gestern scheiße war, ist morgen Trend / zähl lieber Bargeld, denn es zählt kein Talent.” Die Stimme der Bonnerin ist markant und bleibt im Ohr. Dank dieser und ihrem eindrucksvollen Auftreten hat sich Die P auch einen Ruf als außergewöhnliche Live-Künstlerin erarbeitet. Herausgebracht hat Die P ihre EP übrigens beim neu gegründeten Label 365 XX, das als erstes deutsches Rap-Label nur Frauen, Transpersonen und nicht-binäre Menschen unter Vertrag nimmt. 

Fazit: Absolut starker Deutschrap, der das Potenzial hat, eine von Männern dominierte Szene nachhaltig zu verändern. Dazu ist ihr Oldschool-Style eine willkommene Abwechslung in der gegenwärtigen Flut von Soundcloud-Rap. 

Autorin:

Carla Blecke für Musik unterm Radar

B104: Jung, frech und wild

Von Lübeck bis zur polnischen Grenze verläuft die Bundesstraße 104. Dazwischen führt sie auch durch den Heimatort von fünf Jugendfreunden, die seit vier Jahren zusammen Musik machen. Den Namen der Bundesstraße haben die fünf schließlich kurzerhand als Bandnamen adaptiert.

Ihr erstes Konzert haben B104 noch im Café der Eltern ihres Bassisten gespielt. Inzwischen haben Daniel Derda (Gesang) William Kratzkie (Sprechgesang) Dennis Derda (Gitarre) Hermann Bunde (Schlagzeug) und Sven Paulsen (Bass) um die 100 Konzerte vorzuweisen und kürzlich ihr Debut-Album 2020 herausgebracht.
In ihren Texten beschäftigen sich B104 mit politisch aufgeladenen Themen wie der Flüchtlingskrise oder Polizeigewalt. Die Musik dazu ist – ganz im Protestsong-Geist – laut und voller Power. Da wird der Text auch mal mehr gegrölt als gesungen, der Drummer prescht voraus und Gitarre und Bass bringen aufgeheizte Stimmung in die Tracks.

Fazit: B104 eigenen sich absolut nicht dazu, sie leise zu hören. Ein schönes Motto geben uns die fünf in ihrem Song „Panik“ übrigens auch noch mit auf den Weg: „Und klappt’s nicht, wie du willst, geht auch die Sonne wieder auf.“

LMNZ: Hiphop gegen Vorurteile

Rap und gesellschaftliches Engagement sind bei LMNZ (gesprochen: elements) eng miteinander verbunden. Themen wie Rassismus, Diskriminierung oder Benachteiligung finden sich in seinen Projekten (etwa für das Goethe-Institut oder die Bundeszentrale für Politische Bildung) wie auch in seinen Texten wieder.

Sein Debut legte LMNZ vorerst noch nicht am Mikro, sondern hinter den Kulissen hin: Auf dem von ihm produzierten ersten Album sangen und rappten Künstlerinnen und Künstler in an die 30 Sprachen. Inzwischen sind mehrere Recordings von ihm erhältlich – im Januar besang er etwa in Kooperation mit anderen Musikerinnen und Musikern im viersprachigen Track „Revolutionärer 1. Çay“ die Liebe zum Tee. Für Mitte Mai ist die nächste EP geplant. Als Tontechniker und Rapper gibt er außerdem Workshops in Schulen, Gefängnissen oder Unterkünften für Geflüchtete.
Die Songs von LMNZ gehen schnell ins Ohr, haben Power und bringen außerdem eine gesunde Portion Utopie-Gedanken mit. Reggae-typische Percussion und Gesang lassen einen dazu gleich Richtung Sonne abschweifen. Das größtenteils bei Rap-Workshops für Jugendliche gedrehte Video zur neuen Single „We“ bringt einen zum Schmunzeln – der Song überzeugt und lässt gespannt sein auf die neue EP.

Fazit: Fans von groovigen Rhythmen und sympathischem Hiphop werden bei LMNZ ohne Zweifel fündig werden.

  • Meilensteine:
    • 2010 Worldwide Rap (als Produzent)
    • 2013 Anders als die Besseren
    • 2020 (vsl. 15. Mai) EP Fire
  • Umleitung:

Behind The Scenes | Am Set beim Musikvideodreh

Unter dem Stichwort Behind The Scenes veröffentlichen wir von jetzt an Hintergrundreportagen aus der Musikwelt. Den Start machen wir mit der Frage: Wie entsteht ein Musikvideo?
Welches Thema sollen wir im nächsten Behind The Scenes angehen? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

© 2020 Katharina Köhler – alle Rechte vorbehalten

Es ist eine bitterkalte Nacht Anfang März. Mitten in einer norddeutschen Kleinstadt stehen zwei maskierte Gestalten vor einer Villa. Ein Mercedes kommt die Straße entlang gefahren, alles lässt darauf schließen, dass hier gleich eine Straftat begangen wird. Bis eine Stimme die nächtliche Stille durchbricht: “Jungs, könnt ihr ein bisschen mehr ins Licht gehen?” 
Es ist der junge Musiker Fritz Hazy, der den zwielichtig aussehenden Gestalten aus dem Auto heraus Regieanweisungen über sein Telefon gibt. Statt ein Verbrechen zu begehen, dreht er zusammen mit ein paar Kumpels ein Musikvideo zu seiner neuen Single „Black Days“. Neben ihm im Auto sitzt seine Freundin und übernimmt die Rolle der Kamerafrau. 

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Ferge X Fisherman: Smoother Hip Hop

Bei Ferge X Fisherman aus dem Frankenland treffen elektronisch produzierter Hip Hop auf Jazz-Band-Coolness.

Hinter Ferge X Fisherman stehen Rapper Fritz Fisherman und Produzent Ferge. Die beiden Nürnberger kennen sich aus ihrer Jugend – 2009 entstand ihr erster gemeinsamer Track. Ende Mai erscheint schließlich das in den Staaten aufgenommene Debut-Album Blinded By The Neon. Ganz frisch gibt es mit „Backstage“ und „Role“ auch schon zwei Album-Vorboten. Live wird es schön jazzig mit ihrer Band Lakesideboys als Backup-Truppe, die Tour steht für diesen Herbst auf der Agenda.
Ferge X Fisherman bewegen sich zwischen Jazz, Soul und Hip Hop. Rapper Fishermans coole Art funktioniert wunderbar mit der laid-back-Stimmung der Musik. Sanfte Beats und elektronische Produktion legen die Basis für smoothe Fills, die neue Single wartet mit souligen Backing-Vocals auf.

Fazit: Ferge X Fisherman machen Hip Hop ohne viel Aufregung. Durch ihre Songs zieht sich eine besondere Schwingung – manchmal fast minimalistisch setzen sie Effekte gekonnt und besonnen ein.

Mal Élevé im Interview: „Wir müssen jetzt an alle denken“

Als Jugendlicher war Mal Élevé (zu deutsch: „schlecht erzogen“) Punk, später dann Sänger von Irie Révoltés. Jetzt musste der Musiker improvisieren, denn das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 stellt die Musikszene derzeit gehörig auf den Kopf. Nachdem die Releaseparty für sein erstes Solo-Album Résistance Mondiale nicht stattfinden konnte, sollte das Konzert von einem Kameramann gefilmt und live übertragen werden. Allerdings: Der Kameramann musste plötzlich selbst in Quarantäne – er hatte Kontakt zu einer infizierten Person gehabt. Auf eigene Faust streamte Mal Élevé das Konzert schließlich mit dem Handy. Im Interview sprach er über sein Konzert ohne Publikum, Hamsterkäufe und den Wunsch nach einer weltweiten Protestbewegung.

Musik unterm Radar: Im Moment gibt es überall nur ein großes Thema. Wie geht es euch Musikern mit den Einschränkungen durch das Virus?

Mal Élevé: Uns geht es natürlich allen ziemlich scheiße. So wie vielen Leuten gerade. Aber wir waren einfach mit die ersten, die betroffen waren – es fing ja mit dem Verbot von Großveranstaltungen an, das sind natürlich vor allem Konzerte. Meine Releaseparty musste abgesagt und die ganze Tour, die jetzt anstand, verschoben werden. Für uns, die Musik machen, ist es auf jeden Fall für das Live-Geschäft ziemlich beschissen.

Dein Releasekonzert hast du dann im Internet gestreamt. Wie fühlt es sich an zu wissen, dass einem gerade Leute zugucken, die man aber nicht sieht?

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Ultraschall im Interview: „Unser Ascheregen ist die Post vom Finanzamt“

Tim Eulenspiegel ist Lead-Gitarrist und zweiter Sänger der Koblenzer Band Ultraschall (hier geht’s zum originalen Beitrag). Ein Gespräch über Schaffensdrang, die neue Single und ein Bandleben trotz Alltagshürden.

Musik unterm Radar: Alternative Rock und deutscher Sprechgesang klingt erst einmal nach einer untypischen Kombination. Wie hat sich euer Stil entwickelt? Gibt es musikalische Vorbilder, auf die ihr euch alle einigen könnt?

Tim Eulenspiegel: Wir fühlen uns ein bisschen als das deutsche Baby von den Red Hot Chili Peppers und Rage Against The Machine. Die Koblenzer Musikszene ist eher klein, so haben wir uns schnell gefunden und der Stil stand dann auch recht bald fest. Überhaupt sind wir eine totale Jam-Band und basteln mit Melodie- und Textschnipseln im Proberaum so lange bis uns ein Thema gefällt.

Eure neue Single „Ascheregen“ ist ein ziemlich lauter, wütender Song. Ich höre junge Menschen, die um ihren Platz im Leben kämpfen. Trifft das zu?

Ja, schon. Der Ascheregen ist im Grunde all das, was im Leben so auf einen einprasselt. Im Hinterkopf hatten wir natürlich die junge Generation, aber eigentlich haben Menschen jeden Alters ihren Ascheregen. Es geht um dieses Gefühl, dass da ein „Ich“ auf der Suche ist und dass man nicht der einzige ist, dem das so geht. Das war eigentlich auch der Grundkonsens für die ganze EP.

Ihr vier seid mit Anfang 20 auch Teil dieser Generation. Was ist euer persönlicher Ascheregen als Band?

Zum Beispiel die Post vom Finanzamt. Dann muss man Steuern zahlen, hat kein Geld fürs Studio und auf dem Weg zum Konzert hat auch noch der Sprinter einen Platten.

Du hast schon angesprochen, dass man „Ascheregen“ auch auf eurer aktuellen EP Odyssee findet, die jetzt schon ein paar Monate draußen ist. Wie ist die Resonanz bisher?

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MØRYZ: Rap-Newcomer

Rappen über das Leben: MØRYZ lässt seinen Gedankengängen freien Lauf. Von Liebe bis zu nervigen Formularen wird in seiner Musik alles verarbeitet.

Hinter MØRYZ verbirgt sich eigentlich der Sounddesigner, Komponist und Producer Moritz Drath. Schon als Kind schrieb der Tübinger erste Songs, nach dem Studium ging es für ihn in verschiedenen Konstellationen auf die Bühne. Als Vorband von Rapper Cro und mit einem Auftritt als „Schrankband“ in der Joko-und-Klaas-Show Circus Halligalli hatte er sich mit seiner Band Konvoy schon szeneübergreifend einen Namen gemacht, seit einiger Zeit ist er nun solo unterwegs. Zu hören sind bisher erst zwei Singels, mehr soll allerdings auf dem Weg sein.
Laptop zu, Smartphone aus: „Timeout“ heißt die neueste Single des Rappers. Ein Song über eine gesunde Portion Abstand zu allen Verpflichtungen, zu Stress, zu Digitalität. Mit seiner tiefen Stimme rappt und singt MØRYZ über seine selbst gebastelten Beats – denn als Allrounder macht er von Text über Vocals bis zu Mix und Mastering alles selbst, sogar das Editing zum Musikvideo hat er selbst in die Hand genommen.

Fazit: MØRYZ tut sicher gerade denen gut, die ab und an einfach mal mit reinem Gewissen ein „Ist mir doch egal“ in die Welt hinaus schreien würden.

Live-Report: #zweiraumsilke & Alter Kaffee

Das war vielleicht eine Party, als die Rap-Bläser-Hiphop-Trommel-Truppe #zweiraumsilke (hier geht’s zum Beitrag) und die Studentenpop-Band Alter Kaffee ihr Doppelkonzert im Kreuzberger Auster Club ablieferten.

Wenn alles springt und singt

Obwohl der Abend das Hauptstadt-Debut für die Silkes war, kam es einem doch mehr so vor wie ein Heimspiel: springende Menge auf Kommando, singendes und tanzendes Publikum und fetter Applaus. Zugegebenermaßen war die kleine Bühne mit der elfköpfigen Band doch recht ausgelastet. Bei Albumtitelsong „Detox“ ging richtig die Post ab, stark auch der Solo-Song von Sängerin Rita und die Freestyle-Einlage von Rapper Emma. Für Atmosphäre sorgten schwebende Cello-Passagen, jazzig wurde es mit den Soli im Sax, zwischendurch mal technoartige Drums und Bass – und eigentlich bräuchte doch jede HipHop-Band auch so starke Trompeter und Posaunisten an Bord!

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Ultraschall: Alternative Funk

Rock, Funk und Sprechgesang auf Deutsch: Ultraschall lassen sich von angeblichen Genre-Grenzen nicht beirren und entwickeln ihren ganz eigenen Sound.

Die Koblenzer Band Ultraschall besteht aus dem Sänger und Gitarristen Lukas Uhlich, Tim Eulenspiegel (Gitarre, Vocals), Valentin Lorenzen da Silva am Bass und Yannic Daleiden (Schlagzeug). Die vier haben seit letztem Jahr zwei EPs veröffentlicht und sind gerade ganz aktuell auf den deutschen Bühnen unterwegs.
Ultraschall machen alternative Musik mit Einflüssen aus verschiedenen Genres. Ihre Songs leben von Rock-Riffs, treibendem Schlagzeug und funkigem Bass und E-Gitarre. Sehr charakteristisch ist auch der durchdringende, kräftige Sprechgesang von Sänger Lukas Uhlich, die ausnahmslos deutschen Texte scheinen Geschichten zu erzählen und sind sauber gereimt. Die Titel von Ultraschall sind voller Energie, werden ab und an unterbrochen von unvermittelt schwebenden Passagen, um sich dann wieder neu aufzubauen. Insgesamt hat die Band sicher das Zeug, frischen Wind in die deutsche Musikszene zu bringen.

Fazit: Jung und sympathisch ungestüm wirken die vier Musiker von Ultraschall. Schnell merkt man aber auch ein gutes Maß an musikalischem Gespür und die Fähigkeit, sich aus unterschiedlichen Genres eine charakterstarke eigene Richtung zu basteln.

  • Meisterwerk: „Tagedieb“
  • Meilensteine:
    • 2018 Debut EP Art Zu Sein
    • 2019 EP Odyssee
  • Umleitung:

Ultraschall war ein Tipp von Bloggerkollege Yannick von Wermis Worte Filmblog. Mit fokussiertem Blick aber immer auch einer persönlichen Einordnung findet man auf seiner Seite mit Leidenschaft gemachte Filmkritiken in kreativen Rubriken. Über Filmmusik schreibt er übrigens auch hin und wieder…

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