JNNRHNDRXX im Interview: „Ich bin der Screenshot eurer Sünden“

JNNRHNDRXX (gesprochen: Jenner Hendrix) ist ein Multitalent: In ihrem Schaffen vereint sie Musik, Literatur, Schauspiel und Modeln. In den vergangenen Jahren hat sich die 26-Jährige so als eine der prägenden Stimmen der Trans*- und Queer-Community etabliert und stand mit Songs wie „T4T“ oder „Alpha Attitude“ auf den Bühnen der Fusion, des Splash-Festivals oder des CSD in Berlin. Dieses Jahr ist ihr neues Album Excousia – Act I: Initiatio erschienen. Unsere Autorin hat sie in Prenzlauer Berg getroffen und mit ihr über ihre Musik, nervige Labelbosse und die weiße Mehrheitsgesellschaft gesprochen. 

© JNNRHNDRX

Musik unterm Radar: Du wusstest schon als Kind, dass du Musik machen willst. Woher kam es, dass du dir da so sicher warst?

JNNRHNDRXX: Ich habe früher mein Zimmer komplett abgedunkelt, Kopfhörer aufgesetzt und mit meinem alten MP3-Player Musik gehört – Rihanna zum Beispiel. Dann habe ich mir vorgestellt, wie ich vor einer riesigen Menge performe. 2013 habe ich einmal zu Freundinnen gesagt: „Irgendwann performe ich beim Pride-Event am Brandenburger Tor.“ Sie meinten damals: „Du bist total delusional.“ Aber ich habe es 2022 geschafft und dachte mir danach nur: Nennt mir eine Person ohne Album, die das schon gemacht hat.

Ich mache einfach mein Ding. Selbst wenn nur zehn Leute meine Songs hören – ich mache das nicht für Fame. Ich mache es für die Kunst. Und ich weiß, dass ich für Größeres gemacht bin. Period.

Hilft dir Musik auch dabei, dich selbst besser zu verstehen?

Absolut. Wenn ich Musik mache oder auf der Bühne bin, kann ich einfach ich selbst sein. Musik ist ein Ort, an dem ich mich nicht rechtfertigen muss. Aber das gilt auch rein sprachlich: Ich spreche Englisch, Deutsch und Französisch und manchmal passiert es mir, dass ich alle Sprachen vermische und zum Beispiel einen englischen Satz auf die französische Weise sage. Manchmal musste ich beim Aufnehmen sogar Google Translate benutzen, weil ich ein Wort nicht mehr richtig aussprechen konnte. Aber das ist Teil meiner Kunst. Wenn es ein Wort noch nicht gibt, erfinde ich es eben.

Du trittst regelmäßig auf. Ist das für dich Spaß oder eher anstrengend?

Ich liebe die Bühne. Kommt zu einem meiner Konzerte und ich mache euch eine Super-Bowl-Halftime-Show, auch wenn das vor 200 Menschen im tiefsten Bayern ist.

Was ich weniger mag, ist das Danach. Wenn ich mit vielen Menschen reden muss, werde ich sehr insecure. Nach einem Auftritt will ich eigentlich nur nach Hause und schlafen. Ich gehe von der Bühne, umarme kurz meine Freunde, und dann bin ich weg. Zu Hause schaue ich mir dann Videos vom Auftritt an und denke mir: „Krass, das bin ich.“

Dein neues Album Excousia – Act I: Initiatio ist Anfang des Jahres erschienen. Was bedeutet dir das Album?

Ich liebe dieses Album. Ich weiß, viele Künstler:innen sagen das immer, aber bei mir stimmt es wirklich. Ich liebe daran, dass ich wirklich keinen F*ck darauf gebe, wie es ankommt – ob es viele Streams hat oder durch die Decke geht. Mir ist das egal. Dieses Album war notwendig. Gerade hier in Europa habe ich das Gefühl, dass die weiße Mehrheitsgesellschaft manchmal vergessen hat, was sie alles getan hat. Sie nimmt und nimmt aber gibt nicht zurück. Es geht mir als Black Latina vor allem um die Kolonialisierung afrikanischer Länder oder in der Karibik.

Es wirkt so, als würden sie glauben, wir würden das nicht sehen oder hätten es vergessen. Mit diesem Album will ich genau das zeigen: Ich sehe alles. Ich bin quasi der Screenshot eurer Sünden.

Muss Musik politisch sein?

Ja. Musik sollte ein Sprachrohr sein, sie sollte Aufmerksamkeit schaffen oder sichtbar machen, wenn in einem System etwas falsch läuft. Kunst hat immer einen Impact. Deshalb sollte sie auch eine Message haben. Bei etablierten Artists wie Kendrick Lamar oder Bad Bunny sieht man das sehr deutlich. Besonders als Black Woman ist man sowieso fast immer automatisch politisch, ob man will oder nicht.

Du hast 2022 in einem Interview gesagt, dass mehr Diversity in die deutsche Musiklandschaft kommt. Wie beurteilst du die Lage heute?

Es ist vielleicht ein Prozent diverser geworden. Aber es ist immer noch sehr male-dominated. Diversity wird oft nur oberflächlich verstanden. Für manche Labels bedeutet Diversity einfach, drei random weibliche Künstlerinnen in eine Playlist zu setzen – ohne überhaupt zu wissen, wer diese Künstlerinnen sind. Aber wenn ich über Diversity rede, meine ich nicht Labels wie „die queere Rapperin“ oder „die schwarze Rapperin“. Ich möchte einfach als Künstlerperson existieren dürfen – ohne ständig kategorisiert zu werden.

Was muss passieren, damit sich etwas ändert? 

Wir müssen uns noch mehr mit den Strukturen auseinander setzen – mit patriarchalen Systemen im Rap-Business zum Beispiel. Wenn der letzte männliche Rapper darüber reden kann, was er in irgendeinem Frankfurter Hotelzimmer für sexuelle Fantasien hat, dann können wir Frauen das genauso tun.

Außerdem sehe ich ständig, dass weiße Künstler:innen kurz auf Afrobeats aufspringen und dann gesagt wird: „Wow, das hat Deutschland noch nie gehört. Das ist ja echt aufregend. Ja Mensch, der Herbert, der ist jetzt Rapper. Und mit diesem ganzen karibischen Einfluss, wow!“ Dabei gibt es längst viele Black Artists oder Afro-Artists, die genau diese Musik schon lange machen. Stattdessen werden andere nach vorne gestellt. Der Punkt, an dem ich sagen werde, dass Diversity endlich angekommen ist, ist wenn die Leute appreciated werden, die diese Kunst geprägt haben.

Autorin:

Linda Wagner

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