Manche Bands klingen, als hätten sie einen ganz eigenen Ort geschaffen, irgendwo zwischen dem letzten Licht des Tages und dem ersten Dunkel der Nacht. Einen Ort, an dem man kurz innehalten kann, bevor alles weiterläuft. ORA BLU aus Berlin sind so eine Band.
Seit ihrer Gründung 2016 haben Henrik (Schlagzeug/Produktion), Marlene (Gesang/Bass) und Kai (Gesang/Gitarre) einen Sound entwickelt, der sich nur schwer in eine Schublade stecken lässt, und das ist eindeutig Absicht. Funky Basslines, sphärische Gitarren, Vocals, die sich ineinander verschlingen: Wer ORA BLU hört, denkt vielleicht an Khruangbin oder Men I Trust, spürt aber schnell, dass da noch etwas anderes mitschwingt. Etwas Eigenes. Ihr Name ist Programm: Die „blaue Stunde“ ist dieser flüchtige Moment bei Sonnenauf- oder -untergang, in dem die Welt kurz so wirkt, als würde sie den Atem anhalten.
Wer noch nicht mit ORA BLU vertraut ist, dem sei „Supernatural Thing“ als Einstieg empfohlen. Der Song groovt von der ersten Sekunde an, getragen von einem Bassspiel, das einen fast körperlich am Wickel hat. Mitten drin: ein Telefonklingeln, das so beiläufig eingebaut ist, dass man erstmal kurz innehalten muss. Wartet da gerade jemand darauf, dass abgenommen wird? Die Zeile „It’s a supernatural thing and I wanna stay by your side“ steckt sich fest, und das „Baby, I need you“ dahinter macht klar, dass es hier um mehr geht als einen coolen Track. ORA BLU verstehen es, Emotionen nicht zu erklären, sondern zu zeigen, in Details, die man erst beim zweiten Hören richtig bemerkt.
Diese Detailverliebtheit zieht sich auch durch ihre neue Single „Save Myself“. Wo „Supernatural Thing“ einen nach draußen zieht, dreht „Save Myself“ den Blick nach innen. Der Song handelt von dem Gefühl, das wohl die meisten kennen: Eigentlich weiß man, dass man loslassen sollte. Eigentlich. Aber irgendetwas hält einen.
Das Gitarrenspiel im Song erinnert ein bisschen an Tash Sultana, an diese Art, wie sich eine Melodie aufbaut, als hätte sie noch gar nicht angefangen, und dabei ist sie gleichzeitig schon überall. Die Hook bleibt sofort im Kopf, und der Track wächst mit jedem Hören. Was als ruhiger, fast zögernder Moment beginnt, mündet in etwas Kathartisches, ein Ausatmen, das sich gut anfühlt, obwohl der Inhalt wehtut.
„Save Myself“ ist außerdem die vierte Single den Debütalbums von ORA BLU, das im Juni erscheint. Und wer die bisherigen Auskopplungen kennt, merkt: Da baut sich gerade etwas auf. Ein Album, das sich anfühlen wird wie genau diese blaue Stunde, irgendwo zwischen Licht und Dunkel, zwischen Halten und Loslassen.
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