Red Ivy im Interview: „Ein absoluter Vorteil von Dörfern ist der Zusammenhalt.“

Seit der Schulzeit machen die fünf Mitglieder von Red Ivy aus der Nähe von Dortmund gemeinsam alternativen Pop-Rock mit dynamischen Schlagzeugrhythmen, pulsierenden Gitarrenklängen und kräftigem Gesang. Sowohl in ihrer Heimat als auch überregional hat sich die Band bereits durch Konzerte wie dem hessischen Open Flair Festival eine Fanbase erspielt. Wegen der aktuellen Pandemiesituation mussten die fünf sich nun das erste Mal bei den Proben umstellen, Pläne für neue Songs und Musikvideos gibt es aber trotzdem. Die Lead-Sängerin der Band, Hannah Wetter, hat uns im Interview erzählt, wie es ist, auf Dorffesten zu spielen, was die Coronakrise für die Band verändert hat und wie sich die Musik mit Arbeit und Studium unter einen Hut bringen lässt.

vier Männer und eine Frau farbig angestrahlt
© Red Ivy

Musik unterm Radar: Red Ivy gibt es nun schon fünf Jahre. Wie habt ihr euch eigentlich als Band gefunden?

Hannah Wetter: Wir waren damals alle auf der gleichen Schule in der Kleinstadt Werne und dann kam irgendwann der Tag, an dem ein Lehrer uns zusammengetrommelt hat und gesagt hat: „So, ihr gründet jetzt eine Band.“ Ich als Jüngste habe das Singen übernommen und seitdem haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren.

Mir als „Dorfkind“ brennt da natürlich direkt eine Frage unter den Fingernägeln: Wie habt ihr die Musikszene auf dem Land empfunden? Hattet ihr da auch den klischeehaften Auftritt in der Scheune oder auf Dorffesten?

Ja, tatsächlich auch! Wir durften aber relativ früh größere Auftritte in Städten spielen. Das hat uns am Anfang auf jeden Fall ins kalte Wasser geschmissen, aber im Endeffekt konnten wir als Band eben auch sehr viel daraus lernen. Aber wir spielen auch heute noch auf kleinen Geburtstagen bei Freunden. Wenn die Leute Bock haben, spielen wir gern auf Dorffesten und man muss auf jeden Fall sagen, dass solche Feste noch einmal ganz anders abgehen können.

Würdest du sagen, dass es ein Nachteil ist, sich als Band im ländlichen Raum behaupten zu müssen? In großen Städten gibt es ja zum Beispiel deutlich mehr Auftrittsmöglichkeiten.

Es hat auf jeden Fall sowohl positive als auch negative Seiten. Was ein absoluter Vorteil von kleinen Städten oder Dörfern ist, ist der Zusammenhalt. Beispielsweise wenn wir Votings für Band-Contests hatten, dann war hier in Werne die ganze Stadt am Start und hat uns unterstützt. Sogar die Menschen, die wir nicht kannten – was es eher selten gibt – waren Feuer und Flamme und ohne diese Unterstützung hätten wir sicherlich einige Votings nicht gewonnen. Im Austausch mit anderen Bands aus größeren Städten haben wir schon festgestellt, dass es etwas Besonderes ist, in der Lokalzeitung eine Woche lang auf der Titelseite zu erscheinen und eine ganze Stadt hinter sich zu haben. Gleichzeitig gibt es natürlich weniger Gigs oder Locations für Bands, aber es ist vielleicht heutzutage auch generell ein Problem für unbekannte Bands, an Möglichkeiten für Auftritte zu kommen.

Im Sommer ist ja euer neues Lied „Memories“ erschienen. Was bedeutet dieser Song für euch?

Beim Songschreiben habe ich daran gedacht, wie endlich das Leben eigentlich ist und dass Menschen, die uns nahestehen und mit denen wir fast unser gesamtes Leben verbracht haben, irgendwann gehen und man selbst bleibt. Vor allem als Kind war das immer die schrecklichste Vorstellung, dass die großen Instanzen im Leben irgendwann wegfallen. Ich habe mich beim Schreiben des Songs total in diese Situation hineinversetzt. Im Endeffekt ist daraus dann die Message des Songs geworden, dass man trotz der Endlichkeit des Lebens mit diesen Menschen wichtige Erinnerungen verbindet, die uns für immer bleiben.

Gibt es bestimmte Themen, die ihr in eurer Musik immer wieder verarbeitet?

Themen wie Selbstfindung und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt treffen es auf jeden Fall ziemlich gut. Ich glaube, dass wir in unseren Songs immer wieder das thematisieren, was uns als Band zusammenschweißt. Nämlich, dass wir uns seit so vielen Jahren kennen und miteinander aufgewachsen sind beziehungsweise immer noch gemeinsam wachsen. Deshalb kehrt der Gedanke, das Leben anzupacken und trotz der ständigen Veränderungen im Leben beieinander zu bleiben, auf jeden Fall immer wieder.

Ihr spielt regelmäßig Konzerte, dieses Jahr ist eure neue EP Nothing Out of Reach und die Single „Memories“ erschienen, außerdem arbeitet oder studiert ihr noch nebenher – wie kriegt ihr das alles zeitlich unter einen Hut?

Mittlerweile studieren vier von uns Musik und wir sind nach der Schule alle in der Nähe voneinander geblieben. Trotzdem ist es nicht immer einfach, die Bandproben zu planen. Wir haben immer einen Tag für unsere Band geblockt, sodass wir uns wenigstens einmal die Woche sehen. Da kommt auch nur selten was dazwischen. Als ich Vollzeit im Schichtdienst als Krankenschwester gearbeitet habe, war die Planung definitiv stressiger. Im Endeffekt habe ich mich dann aber auch dafür entschieden, der Musik mehr Raum in meinem Leben zu geben und das hat die Planung nun ein wenig entspannt.

Ihr seid ja schon an verschiedenen Orten aufgetreten und hattet immer wieder unterschiedliches Publikum. Was würdest du als größtes Highlight bezeichnen?

Mein aktuelles Highlight waren auf jeden Fall die Auftritte im August und nun vergangene Woche während der Coronazeit (das Interview fand am 18. Oktober statt; Anm. d. Red.). Wir haben gar nicht damit gerechnet, dass das dieses Jahr noch mal was wird und das hat uns einfach ein mega positives Gefühl gegeben. Die direkte Resonanz auf Konzerten ist auch immer wieder wichtig, weil im Internet auf einen neuen Song dann manchmal nicht so viele Reaktionen kommen, wie man gerne hätte. Diese beiden Momente hängen bei mir auf jeden Fall noch richtig nach. Ansonsten war unsere kleine Tour durch den Osten Deutschlands 2017 auch ein besonderes Highlight. Da haben wir ein paar eigene Konzerte gespielt und sind teilweise als Vorband aufgetreten. Wahrscheinlich hat jeder Auftritt irgendwie seine ganz eigenen, kleinen Momente, die so einen Abend prägen und im Kopf bleiben.

Ich habe auch gesehen, dass ihr ein Quarantäne-Musikvideo aufgenommen habt!

Ja, die Coronazeit war tatsächlich der erste Moment in unserer Bandgeschichte, wo wir uns am Stück ein bis zwei Monate gar nicht gesehen haben. Wenn wir uns auf einen Gig vorbereiten, sehen wir uns sogar alle zwei Tage für ein paar Stunden und deshalb war diese Zeit wirklich ungewohnt für uns.

Das Interview führte

Hanna-Maria Paul für Musik unterm Radar

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