Frederik: zwischen hymnischer Euphorie und Melancholie

Seit 2018 bereichert das Projekt Frederik die Schweizer Indie-Szene und sticht durch komplexe Texte, einen lebendigen Einsatz von diversen stilistischen Einflüssen und vielseitige Emotionen hervor.

Nach ihrer Debüt-EP Tears (you know) folgt drei Jahre später die erste LP Portraits, die von Gründer Rolf Laureijs gemeinsam mit Laurin Huber (Drums) und Christoph Barmettler (Gitarre) eingespielt wurde. Auf der Bühne werden die drei von Bassistin Marie Popall und Caroline Schöbi an den Synthies zu einer vollen Bandbesetzung ergänzt. Portraits repräsentiert das Selbstverständnis des losen Kollektivs, denn die experimentellen Ansätze zwischen Pop- und Rockmusik klingen ebenso durch, wie auch jeder der acht Songs der Platte ein narratives Eigenleben entwickelt. Jedes Lied ist ein Portrait; das Album eine Abfolge davon. Und so schwankt der Sound textlich und instrumentell zwischen den Genres, immer getränkt in warmer Nostalgie und einem diffusen Gefühl des Verlorenseins. Die tiefe, monotone Stimme Laureijs‘ begleitet im Stil Lou Reeds das gediegene Gitarrenklimpern in ruhigeren Kompositionen wie „1999“ und unterfüttert in energetischen Songs wie „In the Fields“ die Synthesizer mit Rhythmus. Dabei verliert das knallgelbe Album nie an Spannung, obwohl sich die Platte dem Hörer erst geduldig offenbart.

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Sinu: akustische Traumwelten

Das deutsch-türkische Indie-Pop-Duo Sinu erschafft mit klirrenden Gitarren und modernen Beats gesellschaftskritische Poesie.

Das neueste Produkt von Sinan Köylüs und Tim Zeimets vierjähriger Evolution als Duo ist die Single „Salzwasser“. Das Musikvideo landete direkt in den deutschen Youtube-Trends, Regie führte Content-Creatorin Annikazion. Auf Salzwasser könne man leichter schwimmen, wispert Köylü zur leisen Akustikgitarre und lässt das Bild einer unbeschwerten Sommerliebe entstehen. Dieses Bild kippt, als wir im Refrain mit türkischen Lyrics überrascht werden: Plötzlich ist von Tränen im Wasser die Rede – völlig glücklich scheint die Beziehung also nicht zu sein. Dieses ambivalente Spiel ist charakteristisch für das Duo. Hatte man gerade noch das Gefühl, einen Song zu kennen, muss man sich im nächsten Moment neu fallen lassen.
Der Stil ihrer Vorbilder Bon Iver, Milky Chance und Ry X schwingt klar mit in den Songs der Band. Doch Sinu entwickeln auch ihren eigenen Sound. Sie wollen aufrütteln, singen über Konsumkritik, Rassismus und auch ein bisschen über Liebe und Herzschmerz. Eine solch sensible Stimme mit derartig liebevoller Experimentierfreude hört man nicht oft in der deutschsprachigen Musikszene.

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The VOO: Alternatives Indie-Rock-Duo aus Hamburg

Dreamrocknroll ist nicht nur der Name des ersten Albums von The VOO, sondern beschreibt auch treffend den Musikstil der Band. 

Die Gründungsmitglieder von The VOO sind der Kontrabassist Andrew Krell und sein Ben Galliers, der für Gesang und Gitarre verantwortlich ist. Das Duo hat sich kurz vor der Pandemie in Hamburg kennengelernt und in ihrem ersten Jahr gleich ein Debüt-Album herausgebracht. Musikalisch ergänzten sich die beiden wunderbar auf spielerische Weise und der Sound ist alles andere als von der Stange. Beim Anhören taucht man ab auf eine Reise, die einen über 50er-Jahre-Surf bis Indie-Rock, von Psychedelic bis Alternative führt.
Seit dem plötzlichen Tod Andrew Krells Anfang des Jahres während der Aufnahmephase für das zweite Album führt Ben Galliers das Projekt nun allein fort und veröffentlicht im Oktober Brother VOO in Gedenken an seinen Band-Partner.

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Ebow: Deutschrap zwischen Liebe und Gesellschaftskritik

Ebows Musik überzeugt mit Kontrast: Ihre Raps sind schonungslos, zeitgemäß, entwaffnend ehrlich und verführerisch. Damit ist die Künstlerin zweifellos eine der zur Zeit authentischsten deutschen Rapper*innen. Ebow kommt gebürtig aus München und ist Enkelin von nach Deutschland immigrierten kurdischen Arbeiter*innen. Die eigene Biografie ist auch Ausgangspunkt für politische Reflektion, die sie in ihren Songs zum Ausdruck bringt: Themen wie die kurdische Diaspora, Rassismus, Queerness und Kapitalismuskritik sind elementarer Bestandteil ihrer Musik.

Im März hat die Rapperin ihr viertes Studioalbum gedroppt: Mit Câne gelingt der Rapperin Ebow ein textlich wie musikalisch facettenreiches Album. Während am Anfang Gangster- und Battle-Rap-Elemente und Lyrics in double-time auf drängenden Beats überwiegen, mündet der zweite Teil von Câne in Tracks über körperliche Anziehung und Verliebtsein. Der Track „ARABA“ bietet mehrsprachige Lyrics auf einem modernen, bassdominanten Trap-Beat gespickt mit Motorengeräusch – denn das türkische Wort araba kann Kutsche, Wagen oder Auto bedeuten. Im Musikvideo sieht man Ebow im hellblauen Lamborghini posen. Der Song mokiert sich gekonnt über hypermaskuline Attitüden im Deutschrap und kontert mit Authentizität und queerem Empowerment. Auf den Beats von Produzent Jonas Tewe Braun behauptet sich die Rapperin mühelos und macht einigen männlichen Deutschrappern Beine. Zwischendurch zitiert Ebow Deutschrapkollegin Shirin David und zeigt, dass sie in der Deutschrapszene emanzipatorische Banden bildet. 

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PANTHA: rebellischer Deutschpop aus Mannheim

Wer hätte gedacht, dass deutsche Popmusik so empowernd und edgy sein kann! PANTHA überzeugt mit bissigen Lyrics und energiegeladenen Beats, die tagelang im Ohr bleiben.

Die 23-jährige Musikerin PANTHA sagt in ihren Songs, was sie denkt, und streckt dabei gern mal den Mittelfinger aus. In direkten und self-empowernden Songtexten singt sie über innere und äußere Zwänge wie toxische Beziehungen, Suchtmittel oder gesellschaftliche Erwartungen. In ihrem Song „Richtig scheiße“ verabschiedet sich PANTHA begleitet durch starke Schlagzeugrhythmik und kantige E-Gitarrensounds von einer Beziehung und rechnet erbarmungslos mit dem Ex-Partner ab. Dabei haben die Melodien der Songs von PANTHA absolutes Ohrwurm-Potenzial und laden zum Mitgrooven ein. Festgelegt auf einen bestimmten Sound ist die Multiinstrumentalistin dabei nicht. Die Hörer*innen werden von gerappten Sequenzen überrascht, die auf poppige Refrains aber auch zart gehauchte Songzeilen im Billie-Eilish-Style treffen.
Auch in ihren aufwendigen Musikvideos lässt sich PANTHA nichts vorschreiben: Im Video zu „Was ich will“ erteilt sie einem Boss im Anzug eine Absage und macht sich die Büroräumlichkeiten zu eigen, statt sich den Vorschriften anderer zu fügen. Von zwei Background-Tänzerinnen begleitet spielt PANTHA selbstbewusst mit der Kamera und gibt die Rebellin.

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Musik-News: neues Album von Ferge X Fisherman

Die Fakten:

Band: Ferge X Fisherman
Genre: Rap, Hip Hop, Jazz
Das ist neu: Album Duality (VÖ 01.04.22)
Das steht an: Deutschlandtour im Mai

Die Analyse:

Das neue Album von Ferge X Fisherman, passt perfekt zur Jahreszeit – greift euch ’ne Musikbox oder Kopfhörer, sucht euch einen Platz in der Sonne und lasst die Gedanken zu den Sounds von Duality treiben. Die alternativen Hip-Hop-Beats gespickt mit lässigen Jazz-Elementen erzeugen Entspannung wie ein Mobile über einem Kinderbett – und dabei ist das Album alles andere als einschläfernd. Die Vocals und Lyrics lassen einen in Trance sinken und leiten durch lebendige Geschichten, voller taffer Realitäten, Liebe und Sommer. Ferge X Fisherman haben auf ihrem Album außerdem starke Gäste am Start. Zusammen mit dem japanischen Jazz-Trompeter Akuya Kuroda, dem US-amerikanischen Rapper Black Milk, dem neuseeländischen Soulsänger Noah Slee und Sängerin Hunter Rose aus Südafrika gelingt ihnen ein einzigartiges Gesamtwerk voller bunter Überraschungen.

Autorin:

Hutham Hussein

Avielle im Interview: „Kunst eröffnet Dialoge dort, wo sie schwierig erscheinen.“

Auf der ganzen Welt fühlt sich Singer und Songwriterin Avielle zu Hause. Soundtechnisch entführt sie mit ihren Balladen auf eine musikalische Zeitreise – und mit ihren Lyrics in verträumte Mystik. Avielle schreibt über Natur, Liebe und gesellschaftliche Herausforderungen. Ihre Begeisterung, neue Räume zu erschließen, ihre Begegnungslust und das feinsinnige Lauschen in die Natur erschaffen ein einzigartiges musikalisches Gesamtwerk mit Sounds, die die Knie weich werden lassen. Avielles Debütalbum Oread erscheint am 18.03.

© Avielle

Musik unterm Radar: Du hast schon jung angefangen Musik zu machen, zuerst Klavier und Gitarre gespielt, bis du darüber auch zum Songwriting gefunden hast. Dann hast du ein Politikwissenschaftsstudium zwischengeschoben und bringst jetzt dein Debütalbum raus. Wie stoßen diese zwei sehr unterschiedlich geladenen Pole – Musik und Politik – in deiner Kunst aufeinander?

Avielle: Ich war schon immer sehr fasziniert davon, wie man Menschen zusammenbringen, Konflikte auf alternativere Arten betrachten und transformieren kann. Das ist ein Thema, das mich immer wieder begleitet. Auf einer Meta-Ebene geht es darum, Dialoge zu führen – allgemein mit meiner Kunst, aber auch als Politikwissenschaftlerin. Dialoge dort zu eröffnen, wo sie vielleicht schwierig erscheinen. Bei der Kunst, die ich mache, ob Musik, Videokunst, oder sonstige Kunstprojekte, geht es immer darum, Leute zusammenzubringen und Dialoge zu ermöglichen. Es ist sehr stark in mir verankert, dass ich wirklich glaube, dass wir das schaffen können, egal wie unterschiedlich wir sind.

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Sorah: mutiger Hip-Hop made in Berlin

Mit zwölf entdeckt Sorah Hip-Hop für sich und fühlt sich plötzlich verstanden. Heute rappt die Wahlberlinerin mit englischen und algerischen Wurzeln selbst. Furchtlos und kritisch setzt sie sich mit unserem gesellschaftlichen System auseinander, positioniert sich klar gegen Sexismus und jede Form von Gewalt und macht Mut, für sich selbst einzustehen.

Multikulturell sozialisiert durch ihr Aufwachsen in Großbritannien und Frankreich beschäftigt sie sich früh mit gesellschaftlich relevanten Themen. Mit dem Hip-Hop findet sie einen Weg, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken und ihre Botschaften mit der Welt zu teilen. Ihre Texte über das Leben, Feminismus, Selbstbestimmung und gegen Gewalt schreibt sie auf Englisch, Französisch und Deutsch. Sorah flowt selbstbewusst und bestimmt auf düstere, starke Beats. Oft mixt sie in ihren Songs Rap und Gesang und kreiert einen vielfältigen und internationalen Sound mit oldschool Hip-Hop-Vibes und Grime-Einschlägen.
Sorah will mit ihrer Musik aber nicht nur wachrütteln und Kritik üben, sie will vor allem auch eins: Menschen Mut machen und Hoffnung schenken. Ihnen Kraft geben, sich aus Unterdrückung und Unbestimmtheit zu befreien und einen eigenen Weg zu gehen – darum geht es auch in ihrer neuesten Single „Fighters“, die in Kollaboration mit Spoke entstanden und produziert worden ist. 2020 veröffentlichte Sorah ihr erstes Album Frontlines in Zusammenarbeit mit dem Berliner Rapper Intare. Dieses Jahr soll eine neue EP mit noch mehr Solo-Stücken erscheinen.

Fazit: Sorah erschafft mit ihren starken Texten und düsteren Beats einzigartige Hip-Hop-Songs, die herauszufordern, anstecken und ermutigen.

Autorin:

Cosima Endres

OSTAR Music Network im Interview: „Wir möchten eine Plattform schaffen, von der alle profitieren.“

Eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen – kein geringeres Ziel haben Thomas Woschitz und Stefan Wandel sich auf die Fahne geschrieben. Die beiden Musiker haben mit dem OSTAR Music Network eine Initiative ins Leben gerufen, die ganz praktisch Musikschaffende unterstützt und Kontakt aufbaut. Mit ihrem Projekt wollen sie den Austausch zwischen Musikerinnen und Musikern aus ehemaligen Sowjetländern und Westeuropa fördern und aufsteigenden Talenten den Weg in die musikalische Professionalität ebnen. Wie genau sie dieses Herzensthema angehen, verraten die beiden im Interview.

Thomas Woschitz und Stefan Wandel vom OSTAR Music Network.
© Georg Kruggel

Musik unterm Radar: Wie seid ihr auf die Idee gekommen das OSTAR Music Networt zu gründen?  

OSTAR: Durch viele Zufälle kam es dazu, dass Stefan zusammen mit seiner Band auf dem Nonprofit-Musik-Festival URAL Music Night in Jekaterinburg, Russland, auftreten durfte. Das findet zur Sommersonnenwende statt, der kürzesten Nacht im Jahr. Tom war damals der Bandmanager und ist ausnahmsweise für den verhinderten Bassisten eingesprungen. Anders als erwartet, wurden wir nicht auf einer Nebenbühne abgestellt, sondern durften auf einer der Hauptbühnen vor 5000 Menschen auftreten. Diese unglaubliche Stimmung zu erleben und zu sehen, wie die Zuschauer unsere Lieder mitsingen, war einfach unglaublich. An diesem Abend haben wir die Initiatorin des Festivals kennengelernt und in den frühen Morgenstunden beschlossen, gemeinsam ein Musik-Camp zu starten. Unterstützt wurde die Idee durch viele coole Leute, die wir dort kennenlernen durften, die so Bock hatten Musik zu machen und uns mit Fragen zur Musikindustrie in Europa gelöchert haben. In der Euphorie des Moments beschließt man oft Dinge, die bald vergessen sind, aber zwei Wochen nach dem Trip nach Russland war eine Mail von ihr im Postfach. Ein Jahr danach, im Juni 2018, hat dann das erste URAL Music Camp stattgefunden.

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Schlakks: funkiger Deutschrap mit Tiefsinn

Erfrischend ehrlich nimmt uns der Dortmunder Rapper Schlakks mit auf eine musikalische Reise durch seine Gedankenwelt. Wortgewandt skizziert er mit seinen Texten Situationen und Gefühle so bildlich, dass wir uns nicht selten selbst in seinen Momentaufnahmen wiederfinden. Reflektiert und selbstkritisch stellt er sich den Fragen unserer Zeit und hat dabei keine Hemmung, über komplexe politische und gesellschaftliche Themen wie toxische Männlichkeit zu rappen.

Die Songs klingen unkonventionell und handgemacht. Schlakks‘ Reimstruktur ist ausgefuchst, er bringt viel Inhalt in kurzer Zeit und das, ohne zu überladen. Frederik Schreiber aka Schlakks lässt sich irgendwo zwischen Moderne und Oldschool mit Funk-Einschlag einordnen und kreiert so seinen ganz eigenen und für Deutschrap eher untypischen Sound. Der Bass ist funky, die Gitarrenriffs unerwartet frech und es fällt schwer, hier nur mit dem Kopf zu nicken. Wir wollen tanzen!
Schlakks‘ langjährige Wegbegleiter Razzmatazz und OPEK sorgen mit für diesen unverwechselbaren Klang und haben auch sein neuestes Album Wir werden von euch erzählen produziert. Die LP ist gerade erschienen und vollgepackt mit dreizehn Tracks, die Bock machen, grübeln lassen und nachwirken. Das Trio spielt im Dezember noch ein paar Liveshows, unter anderem in Hamburg und Bochum.

Fazit: „Das ist mein Leben und das ist eines von vielen. Was bleibt mir denn anderes übrig, als die Scheiße zu lieben?“ rappt Schlakks in seinem Song „Ich weiß nicht, was das ist“. Diese Liebe fürs Leben und die Musik und seine Leidenschaft für Sprache spürt man in jedem seiner Songs – auch deswegen macht es so viel Spaß ihm zuzuhören.

Autorin:

Cosima Endres