Old Sea Brigade: Roadtrip-Sound aus Nashville

Ursprünglich kommt der Musiker Ben Cramer aus Georgia, inzwischen lebt er in Nashville. Dort hat er 2015 sein Solomusikprojekt Old Sea Brigade auf die Beine gestellt. Nach mehreren EPs, einem Debut-Album und einer Kollaborations-EP mit Luke Sital-Singh hat der Musiker für Mitte Mai sein nächstes Album angekündigt.

Mit einer sanften Art und gleichzeitig verlässlichen Stetigkeit vermittelt die rauchige Stimme des Musikers den Eindruck, als sei dieser so schnell durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Viel Bewegung in der Begleitung und die Unterlegung mit Beats steigern Tempo und Drive der Songs. Bei Themen wie der Suche nach den eigenen Wurzeln und der Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen schimmert auch immer wieder eine vorsichtige Melancholie durch.

Fazit: Mit einem eigenen Stil kombiniert Old Sea Brigade eingängige Melodien mit mehrschichtiger Begleitung und einem Gefühl von innerer Ruhe.

Lennart Schilgen im Interview: „Frontmann zu sein, musste ich mir erst erarbeiten.“

Meist reicht Lennart Schilgen eine Liedzeile, um ein altbekanntes Wort so umzudeuten, dass man plötzlich vor ganz neue Tatsachen gestellt wird. Simple Kalauer kommen hier allerdings nicht heraus, stattdessen clever umgedrehte Wirklichkeiten und elegante Wortwitze. Ob solo oder bis 2018 noch in Bandformation hat Lennart Schilgen zahlreiche Preise abgestaubt und reihenweise Konzerte und abendfüllende Kleinkunstprogramme hinter sich gebracht. Mit seiner EP Populärmusik, die am 9. April erscheinen wird, zieht es den Berliner Liedermacher jetzt zu neuen Ufern: Mehr Richtung Pop soll es gehen, dafür etwas weniger Comedy-Charakter. Auf die ein oder andere textliche Wendung und ein musikalisches Augenzwinkern kann man sich zwischen Kapitalismuskritik, Stalker-Figuren und einem Paar, das sich nur mit geschlossenen Augen blind versteht, natürlich trotzdem verlassen.

© Marcel Brell

Musik unterm Radar: Lieber Lennart, bevor wir über deine EP reden, muss ich dir gestehen, dass ich dich schon einmal auf einer Bühne gesehen habe. Ich war 2017 mal auf einem Konzert deiner damaligen Band Tonträger in der Bar jeder Vernunft hier in Berlin. Und ein Highlight des Abends war für mich, wie du eine Art Chanson auf Französisch gesungen hast und im Laufe des Liedes plötzlich von der Bühne aus über die wackligen Tische der recht gut betuchten Gäste spaziert bist. Dabei hast du dann unter anderem das Glas Weißwein einer Zuschauerin ausgetrunken.

Lennart Schilgen: Oh Gott, da warst du dabei? (lacht) Es ist so absurd, dass dieser Moment mich jetzt wieder einholt. Das war das zweite Programm von Tonträger, ziemlich bald danach haben wir uns nach 15 Jahren aufgelöst. Aber das war tatsächlich einer der Momente, wo ich am meisten aus meiner Komfortzone rausmusste. Die anderen haben gesagt: „Komm, mach das! Das ist cool, das ist witzig.“ Als Zugabe war das dann auch in Ordnung und diese Art davon, sich mal etwas zu trauen, das kann man in der Bar auf jeden Fall machen.

Bisher gab es von dir ja nur Live-Aufnahmen zu hören, unter anderem auch aus der Bar jeder Vernunft. Populärmusik wird jetzt deine erste Solo-Studioveröffentlichung. Wie ist die EP entstanden und wie hast du die fünf Lieder ausgewählt?

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Jason Pollux: alternativer Electropop

Das Duo Jason Pollux bastelt durchdachte Electro-Songs – und das übrigens ganz ohne Sounds vom Laptop.

Sängerin und Keyboarderin SÆM und ihr Bandkollege Michael Burger, der sich bei Jason Pollux um Synthies und Beats kümmert, haben 2019 gemeinsam ihre erste EP Escape veröffentlicht. Nach verschiedenen Clubkonzerten, Festivals und Online-Gigs steht für dieses Jahr außerdem eine Nachfolge-EP auf dem Plan.
Jason Pollux schöpfen die atmosphärischen Möglichkeiten ihrer Soundspielereien voll aus. So entstehen Songs mit einerseits meditativen, sich wiederholenden Klangschnipseln und andererseits einer Vielzahl von eingestreuten Ideen. Die eindringliche Stimme von SÆM tut ihr Übriges und macht die Musik zu einer runden Sache.

Fazit: Wer genau hinhört, kann bei Jason Pollux viel entdecken. Wie ein Puzzle fügen sich die kleinteiligen Soundelemente mit der bestechenden Lead-Stimme zusammen.

Chris Mayer & The Rockets: Feelgood-Folk-Pop

Wie der Lieblings-Highschoolfilm aus den 90ern soll sich ihre Musik anfühlen, fassen Chris Mayer & The Rockets zusammen. Ein Genre haben sie sich dafür auch schon überlegt: Feelgood-Folk-Pop.

Für den vollen Bandsound lässt sich Frontmann Chris Mayer von seinen Musiker-Kollegen Daniel Jaud, Basti Pilous und Wolfi Müller unterstützen. Nach mehreren ersten Singles ist seit Februar auch schon das erste Album In One Room der Münchner zu haben.
Eigentlich kommen die vier aus ganz unterschiedlichen musikalischen Richtungen. Gemeinsam bringen sie nun ihre verschiedenen Einflüsse unter einen Hut. Ihr Anspruch: Britpop- und Bluesrock-Verrückte sollen genauso auf ihre Kosten kommen wie Singer/Songwriter-Fans. Dafür warten Chris Mayer & The Rockets mit markanten Drums, eingängigem Gesang, wohldosierten Instrumentalsoli und einer Ladung Aufbruchsstimmung auf.

Fazit: Chris Mayer & The Rockets halten ihr Versprechen und sorgen für gute Laune und unbeschwerte Stimmung.

Nobody’s Cult: Indie zum Eintauchen und Abdriften

Nobody’s Cult aus Frankreich gehen in die Vollen: Eine bombastische Leadstimme, fesselnder Spirit und die vielseitigen musikalischen Ideen sprechen für sich.

Dafür, dass sich die Truppe um die bemerkenswerte Sängerin Lena Woods bereits 2015 gegründet hat, haben es Nobody’s Cult in Sachen Recording bisher erstaunlich ruhig angehen lassen. 2017 haben sich die vier mal an einer EP versucht, zwischendurch gab’s hin und wieder eine Single. Mit einem größeren Album haben sie aber bisher auf sich warten lassen. Im Juni soll es nun aber so weit sein und ihr Debut Mood Disorder darf in die Welt.
Mit Nobody’s Cult lässt es sich wunderbar abtauchen. In „Feel Blue“, einer der ersten Singles aus Mood Disorder, lassen die vier ihre Gedanken schweifen, gehen zurück Richtung Kindheit, entdecken eine gewisse Nostalgie für sich – dass das zugehörige Musikvideo statt digital auf 16mm-Film gedreht werden musste, liegt nahe. Weiter finden wir bei Nobody’s Cult zwischendurch faszinierende Mehrstimmigkeiten, die wunderbar abseits der klassischen Harmonien funktionieren, dann wieder aufbrausende Songs voller Dynamik und Spannung. Und wer hat noch mal gesagt, dass Harfen in Rockbands nichts zu suchen haben?

Fazit: Manchmal kriegt man es bei Nobody’s Cult mit der Angst zu tun, die Band könnte jeden Moment auf der Bühne explodieren – so sehr können sich die vier in ihre Musik hineinsteigern. Dann wieder gibt einem die Band starke Momente zum Durchatmen und Abdriften.

Friedberg: frischer Indie aus London

Einen völlig neuen Sound erschaffen – das war die Mission der Bandmitglieder von Friedberg, als sie ihre Debut-EP aufnahmen. Gelungen ist das den vier Frauen schon auf den vorab erschienenen Songs “Midi 8” und “Lizzy”.

Was hier entstanden ist, ist natürlicher, abwechslungsreicher Indie-Sound. Getragen wird er von Gitarren und Drums und bleibt sofort im Kopf. Die Stimme von Lead-Sängerin Anna Friedberg ist rau und melancholisch und erinnert an Lana del Rey. Dem ein oder anderen Zuhörer wird sie bekannt vorkommen: Vor Friedberg trat die Sängerin als Solokünstlerin unter dem Namen Anna F. auf. 
Auch in ihren Musikvideos erschafft die Band etwas Neues. Im Video zum Track “Midi 8” spielt Anna auf einer überdimensionalen Cowbell und in “Lizzy” streift sie durch die dunklen Londoner Straßen, während sie aus einer trippy Vogelperspektive von der Kamera begleitet wird. Obwohl die Band erst seit 2019 gemeinsam Musik veröffentlicht, wurde sie von der Presse schon hochgelobt. Ihre Debüt EP trägt den (fast) eingängigen Namen “Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah” und erscheint am 19. März.

Fazit: Wer jungen, modernen Indie mag, der sollte sich den Namen Friedberg gut einprägen, denn unsere Vermutung ist: Diese Band befindet sich gerade erst am Beginn von etwas ziemlich Großem.

Autorin:

Carla Blecke

JISKA: Indie-Pop mit Tiefgang

Wenn ihr die Kiste mit alten Fotos aufmacht, in Gedanken fünf Jahre zurückgeht und die Orte von damals besucht, wen oder was seht ihr dann vor euch? Der stetige Wandel, die Ungewissheit und die Suche nach dem eigenen Weg sind die Themen, die die 21-jährige Jana Binder unter dem Namen JISKA musikalisch einfängt. Seit Beginn ihrer Solo-Karriere Anfang 2020 beweist die Sängerin und Bassistin, dass sich auch fröhlicher Indie-Pop mit tiefgründigen Themen auseinandersetzen kann. 

„Was gerade immer wieder in Songs auftaucht, ist das in der Schwebe sein, noch nicht so richtig angekommen sein. Nicht so richtig zu wissen, wo man hingehört und wo man zu Hause ist. Aber auch, dass das total schön ist, in so einer Findungsphase zu sein und noch nicht richtig zu wissen, wo es hingeht.“, sagte JISKA im Interview dem Online-Magazin Fauves. Diese Schwebe lässt sich ihren Tracks schnell heraushören: Die beschwingt-jazzige Grundidee mit teils elektronischen Elementen oder markanten Bass-Passagen fügt sich zu einem Gesamtbild, das so kraftvoll wie sanft daherkommt. In ihrem Song „Strangers“ wird damit ein Gefühl der Entfremdung greifbar – und gleichzeitig entsteht etwas Positives und Tanzbares.
Die Botschaft musikalisch zu verpacken, dass Momente des schmerzhaften Bruchs und des Loslassens integraler Bestandteil unseres Lebens sind und wir sie zum Wachsen sogar brauchen, gelingt ihr ebenso in „Mother’s House“. Der bassige Klangteppich schafft nicht nur Atmosphäre zum Mitgrooven, sondern transportiert auch Ruhe und Gelassenheit. Diese Wirkung tragen die Musikvideos auf visuellem Weg weiter und zeigen, dass JISKA nicht viel Schnick-Schnack braucht, sondern ihre besondere Stimme ganz für sich wirkt.

Fazit: Bleibt zu hoffen, dass der Lockdown JISKAs kreatives Songwriting weiterhin beflügelt. Denn in unserer aktuellen Zeit ist es vielleicht gar keine so schlechte Idee, die alten Fotokisten mal wieder herauszukramen, um menschliches Miteinander zu sehen. Und dann tut es gut, sich von JISKA vorsingen lassen, dass Einsamkeit und emotionale Distanz Gefühle sind, mit denen jede und jeder zu kämpfen hat – und vor allem: dass diese Gefühle temporär sind und auch wieder bessere Zeiten kommen.

Autorin:

Clara Hümmer

Cassia: Feel-Good-Indie (+Verlosung!)

VERLOSUNG

Wir verlosen unter unseren Leserinnen und Lesern eine Cassia-Schallplatte! Mitmachen könnt ihr noch bis zum 9. Februar. Geht dafür einfach auf unsere Instagram-Seite und lasst uns unter dem entsprechenden Beitrag einen Kommentar da
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Nach verschiedensten Konzerten quer durch Deutschland – unter anderem als Giant-Rooks-Support – haben Cassia aus dem britischen Macclesfield längst Berlin zu ihrer zweiten Basis auserkoren. Nach dem ersten Album des Indie-Pop-Trios erschien Ende Januar die neue EP Powerlines und man munkelt, an einem neuen Album wird auch schon gebastelt.
Die Band strahlt eine Grundgelassenheit aus, die Songs wirken, als gingen sie den Musikern, die sie spielen, völlig leicht von der Hand. Viel Bewegung gibt’s trotzdem und die Musik zeugt von musikalischem Feingefühl. Zwar mögen dem ein oder anderen die „Oh-oh-oh“-Backing-Vocals vielleicht etwas zu häufig eingesetzt werden, für eine Ladung gute Stimmung sorgen sie aber auf jeden Fall. Außerdem hört man bei Cassia einen ganz eigenen Gitarrensound und Melodien, die ins Ohr gehen und trotzdem gar nicht unbedingt poptypisch sind.

Fazit: Bei den Songs von Cassia wahlweise Fuß oder Kopf mitwippen lassen und die Laune hebt sich garantiert. Diese Art von Sommer-Mucke ist vielleicht genau das, was man im tristen Februar gebrauchen kann.

L’Impératrice: French-Pop-Mix mit Augenzwinkern

Die Pariser Band L’Impératrice kommt mit buntem Disco-Synth-Pop und französischen Lyrics um die Ecke.

Singles, EPs, ein Album, knappe zwei Jahre Tour mit ausverkauften Shows in Europa und Amerika: Was als fixe Idee des Pariser Kulturjournalisten Charles de Boisseguin angefangen hat, ist längst eine andere Hausnummer geworden. 2020 hielten sich L’Impératrice trotz Corona mit dem Basteln an neuen Songs und einer virutellen World-Tour bei Laune. Im März diesen Jahres steht dann schließlich die Veröffentlichung ihres neuen Albums Tako Tsubo an.
L’Impératrice kombinieren sanfte Instrumentalsounds mit Effekten und Elektronik. Rhythmisch und musikalisch gehen die Musikerinnen und Musiker wunderbar Hand in Hand. Mit französischen Texten und klarem Gesang schwebt die Sängerin mühelos über dem Klangteppich ihrer fünf Kollegen. Außerdem experimentiert die Band hin und wieder mit krassen Gegensätzen. So ist das Musikvideo zu ihrem melodischen Song „Peur des Filles“ eine etwas irritierende Mischung aus knalligen Farben und Horrorfilm-Stil.

Fazit: Mal eingängig und mal experimentell: L’Impératrice haben eine Wundertüte voller Musik in der Hinterhand.

Eese: Synthie-Pop-Mix

Eese aus Köln haben sich nicht weniger vorgenommen, als die Szene des synthetischen Pop hierzulande etwas aufzumischen.

Ihre erste EP haben Eese 2017 noch als Trio veröffentlicht. Nachdem sie 2019 Zuwachs bekommen haben, ist für dieses Jahr eine neue EP erstmals in Viererkonstellation geplant.
Jede Menge Gitarre und Synthesizer kommen bei Eese zum Einsatz – und auch in Sachen Beats und Bässe probieren die vier sich aus. Gemeinsam mit dem Gesang bekommt das Ganze eine schwebende Grundstimmung. Die Lyrics der Band drehen sich nach eigener Aussage etwa um das Thema Social Media und etwas düstere Gefühlswelten wie Einsamkeit und Entfremdung. Gleichermaßen nehmen sich Eese aber auch die Zeit, ihre Ideen in einzelnen Songs auch mal mit rein instrumentalen Phasen weiterzuspinnen.

Fazit: Eese machen nachdenklichen Synthie-Pop. Von Vorbildern wie Tame Impala oder Xul Solar gucken sie sich durchaus etwas ab, experimentieren aber auch mit eigenen Sound-Vorstellungen.

An die MusikerInnen und Bands unter euch: Wir suchen eure besten Tour-Momente! Schreibt uns eine Mail an redaktion@musik-unterm-radar.com und erzählt uns in jeweils maximal 80 Wörtern eure schönsten, witzigsten oder skurrilsten Geschichten, die ihr auf Tour erlebt habt. Die coolsten Anekdoten veröffentlichen wir mit Link zu euch!