August August im Interview: „Auf der Bühne quatscht uns keiner rein.“

Platte Reime und inhaltslose Songtexte sucht man bei August August vergebens. Stattdessen beobachtet und kommentiert das Duo das Zeitgeschehen und seine Widersprüche durchdacht und pointiert und lässt immer auch Raum für Interpretation. Ihren Bandnamen haben sich Kathrin Ost (Gesang, Bass) und David Hirst (Gitarre) übrigens von einer Nebenfigur aus einem Drei-???-Hörspiel ausgeliehen. Ihr neues Album gibt es seit dem 25. Februar zu hören.

Kathrin Ost und David Hirst – © August August

Musik unterm Radar: Euer neues Album heißt Liebe in Zeiten des Neoliberalismus. Was bedeutet dieser Titel für euch?

Kathrin: Das war erst nur ein Arbeitstitel. Der Kernsong ist „Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat“, in dem ich mir einen der Glaubenssätze unserer Gesellschaft vorgenommen habe. Es geht darum, dass man in viel mehr Bereichen von dem System um einen herum beeinflusst wird, als einem vielleicht bewusst ist. Als Band schreiben wir ja nicht nur unsere eigenen Geschichten, sondern auch, was uns erzählt wird, was wir beobachten oder was zwischen den Zeilen durchscheint. Da merkt man, dass viel Schmerz dadurch ausgelöst wird, wie die Verhältnisse sind. Liebe in Zeiten des Neoliberalismus ist natürlich auch als Provokation gemeint. Eigentlich würden alle sagen: Die Liebe kann nichts zerstören, sie schwebt über allem. Dabei können einem viele Menschen bestimmt andere Geschichten erzählen, wie existenzielle Sorgen daran doch etwas verändern.

Was sind für euch die Themen unserer Zeit?

David: Die Schere zwischen Arm und Reich.

Kathrin: Ganz eingedampft wäre es für mich die Frage: Sind wir bereit, in Ideen zu reden und zu denken, oder bleiben wir in unseren alten Denkmustern hängen? Mich persönlich beschäftigt auch sehr das Umweltschutz- und Klimathema. Wenn man sich da reinsteigert, macht einen das depressiv, finde ich. Oder auch strukturelle Sachen: ob zu unserer Lebenszeit noch die Geschlechtergerechtigkeit hergestellt wird.

Würdet ihr sagen, als Künstler oder Künstlerin hat man auch in gewisser Weise die Aufgabe, solche gesellschaftlichen Themen zu diskutieren? Oder ist es auch legitim, das nicht zu machen?

Kathrin: Voll legitim, das nicht zu machen.

David: Du kannst alles machen, was du willst. Das ist ja der Grundstein von Kunst. Ich habe schon lange Diskussionen und Streitgespräche mit anderen Mitmusikanten gehabt darüber: Was heißt Geschmack? Ist mein Geschmack mehr wert als der von jemand anderem? Auch, wenn ich persönlich es schade finde, dass manche Musik dermaßen oberflächlich ist.

Eure Lieder haben alle deutsche Texte. Dabei ist es ja sehr schwer, gute Songtexte auf Deutsch zu schreiben. Wenn man sich den typischen Deutschpop anhört, sind zum Beispiel die Reime oft sehr platt. Du gehst da ganz anders ran, Kathrin. Bei deinen Texten habe ich eher das Gefühl von Gedankenfetzen, du singst sehr rhythmisch und die Songzeilen werden nicht in feste Schemata oder Silben-Formen gepresst. War die Herangehensweise etwas, das du bewusst entschieden hast?

Kathrin: Das weiß ich gar nicht. Ich mache das einfach so. Oft entsteht der Text aus Fragmenten aus meinen vielen Notizbüchern. Ich finde dort dann zum Beispiel eine Zeile, die gut zu einer Komposition von Dave passt, und schreibe davon ausgehend weiter und entwickle die Gesangsmelodie. Wenn ich selbst an der Gitarre komponiere, entstehen Musik und Worte gleichzeitig. Als ich angefangen habe, Musik zu hören, habe ich fast nur englische Musik gehört, von den Beatles über Grunge bis zu Hip Hop. Und dann irgendwann kamen Tomte und Kettcar an meinem Horizont auf oder auch Rio Reiser. Er gehört immer noch zu meinen favourites. Vorher war deutscher Text für mich vor allem Schlager oder irgendwie cheesy.

Ich finde es interessant, dass anscheinend viele bei deutschen Texten kritischer sind als etwa bei englischen. Auf mich wirken deutsche Songtexte zum Beispiel oft unnatürlicher formuliert als englische. Ich frage mich dann manchmal, ob das daran liegt, dass Deutsch nun mal meine Muttersprache ist – und es englischsprachigen Menschen vielleicht genau andersherum geht. Wie ist das für dich David, du bist ja bilingual aufgewachsen?

David: (überlegt) Schwierige Frage. Ich habe ganz lange deutsche Musik abgelehnt, aber auch, weil ich keine gute deutsche Musik kannte. Dabei gibt es die ja auch. Erst, als ich hier dann richtig gewohnt habe, habe ich deutsche Bands entdeckt. Ich finde, Deutsch hat eine andere Funktion im Gesang. Es singt sich anders als Englisch.

Kathrin: (zu David) Wenn du englische Musik hörst, kannst du dann auch zuhören, ohne auf den Text zu achten? Das ist vielleicht ein Knackpunkt. Ich kann zum Beispiel bei englischer Musik entscheiden, ob mein Gehirn den Text mitschneiden soll oder nicht. Aber bei Deutsch finde ich das superschwer.

David: Wenn ich Musik höre, höre ich tatsächlich selten direkt auf den Text, sondern vor allem auf die Melodie. Ich höre die Musik und der Text ist halt der Text – aber ich merke da erst mal überhaupt keine Bedeutung.

Kathrin: Das finde ich fast beneidenswert, muss ich sagen.

Kathrin, du bist nicht nur Musikerin, sondern auch Schauspielerin. Wie anders ist es, bei einem Konzert auf der Bühne zu stehen als im Theater?

Kathrin: Für mich ist das etwas total Unterschiedliches. Aber vor allem deshalb, weil in der Band Dave und ich die Kreativ-Direktoren sind, keiner quatscht uns rein, es ist die komplette kreative Freiheit. Im Theater kommt es sehr darauf an, in welchem Team du gerade bist. Es gibt natürlich Produktionen, wo ich auch als mitdenkende Schauspielerin gewünscht bin, mit meiner Intuition oder sogar mit meinem Statement. Aber es gibt auch Produktionen, wo das überhaupt nicht gefragt ist. Theater ist schon ein Apparat mit einer sehr pyramidischen Hierarchie – obwohl die langsam auch etwas mehr hinterfragt wird.

Ihr wohnt in unterschiedlichen Orten, Kathrin in Hamburg, David in Berlin. Wie entwickelt man über die Distanz neue Musik? Wie sehen eure Proben und der Songwriting-Prozess aus?

Kathrin: In den letzten zwei Jahren waren wahrscheinlich viele Bands damit konfrontiert, so zu arbeiten, wie Dave und ich schon immer arbeiten. Wir haben als Band noch nie an einem Ort gewohnt. Dave war ja auch eine Zeit in London, ich wohne in Hamburg, bin aber auch beruflich viel am Tingeln, wenn ich am Theater bin. Hamburg-Berlin ist also schon die kürzeste Entfernung. Sich Fragmente hin und her zu schicken, geht auch super digital. Wir treffen uns regelmäßig drei, vier Tage und machen dann das, was ansteht. Wir sind also keine Band, die sich immer mittwochs im Proberaum trifft und dann kommt nichts heraus.

David: Man arbeitet viel fokussierter so, als wenn man sich jeden Mittwoch trifft und einen Kasten Bier trinkt und danach gar nicht mehr weiß, was man eigentlich da gemacht hat. So ist das bei uns nicht. Es ist eher wie so ein Band-Wochenende, könnte man sagen.

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