Das habe ich mir anders vorgestellt. Ein riesiges Ensemble über die Jahre liebgewonnener Protagonisten zieht in die finale Schlacht gegen einen übermächtigen Feind, siegt und – geht heim. Das war’s?
Was stand das Internet Kopf. Die Sorge um Fanliebling Steve Harrington aka Joe Keery trieb wilde Blüten. So auch bei mir. Die in Staffel eins als Vollidiot mit Scheißfrisur eingeführte Figur „King Steve“ wandelt sich im Folgenden zum Hüter der Verlorenen, Babysitter mit Herz und Baseballschläger.

Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.
Die Szene, in der Steve die Leiter hinaufsteigt und die Schmierereien über Nancy an der Kinoreklame wegputzt, die er dort in einem Moment der Kränkung hinterließ, ist auch die, in der er Verantwortung übernimmt und damit gleichzeitig zu einer neuen, aufrichtigen Version seiner selbst emporsteigt.
Das ist Erzählkunst.
Was wir hier beobachten, ist der Tod des alten Steve. Diese Szene ist die perfekte Metapher für echte Veränderung. Er putzt nicht nur Schmierereien weg – er putzt sein altes Ego weg. Nicht, weil er muss, sondern weil er die Größe hat, seinen Fehler einzusehen.
Eine gute Geschichte braucht Charakterentwicklung durch Schmerz, Einsicht und Fallhöhe. Hat das Handeln keine Konsequenzen, was soll es dann?
Dass Steve vorher von Jonathan Byers die Fresse poliert bekommt, ist verdient. Schickt Leuten, die euch in den Hintern treten, deshalb ruhig Blumen und eine Danksagung. Sie sind oft Geburtshelfer für die notwendige Kurskorrektur.
Denn wir alle haben unsere Monster zu bekämpfen.
Meistens suchen wir sie im Außen, in den großen Krisen oder den Verfehlungen der anderen. Aber das eigentliche „Upside Down“ ist die eigene Passivität – die Unfähigkeit, die Leiter hochzusteigen und den Dreck wegzuputzen, den man selbst verursacht hat. Wer Verantwortung für sein Handeln übernimmt, riskiert das Scheitern, aber er gewinnt etwas viel Kostbareres: die Hoheit über die eigene Geschichte.
Echte Rettung bedeutet nicht, dass jemand von außen kommt und den Baseballschläger für dich schwingt. Rettung bedeutet, dass man das Risiko eingeht, sich der eigenen Wahrheit zu stellen, auch wenn man dabei Gefahr läuft, allein und exponiert auf der Leiter zu stehen.
10 Newcomer, die ihr 2026 im Blick behalten solltet
Wer sie jetzt schon kennt, kann vielleicht irgendwann mal angeben: Unsere vielversprechendsten Lieblingsbands aus dem letzten Jahr.
Übernimmt eine Figur keine Verantwortung, treibt sie die Handlung nicht voran, sondern blockiert sie. Wer nur den Soundtrack zum Umbruch spielt, aber die Leiter nicht erklimmt, bleibt ein Statist im eigenen Leben.
Manchmal muss man die Schmierereien der Vergangenheit hinter sich lassen, damit der nächste Akt beginnen kann. Ohne Groll, aber mit der Konsequenz eines Steve Harrington, der weiß, dass man erst die Reklame putzen muss, bevor man wirklich frei ist.
Jahre her, ich irrte durch mein Upside-Down, da traf ich auf Katze Sue. Sie war verängstigt und scheu. Ich nahm sie mit nach Hause. Für Wochen wohnte sie in meiner Waschmaschine oder Badewanne, ich bekam sie selten zu sehen. Betrat ich den Raum, lief sie hinaus. Ich versorgte sie, ließ sie in Ruhe. Sue beobachtete mich. Die Distanz wurde kleiner.
Eines Nachts, als ich ihre Kotze vom Teppich wischte und ihr versicherte, alles cool, da begegneten wir uns auf dem Sofa. Sie miaute, warf sich auf den Rücken und ich streichelte ihren Bauch. Damit hörte ich im Folgenden acht Jahre nicht auf, bis sie starb.
Seitdem ziert eine Tätowierung ihres Pfotenabdrucks meinen Arm und die Geschichte der kleinen mutigen Katze, die ihren Weg aus dem Upside-Down zu mir fand, mein Herz. Schwer zu sagen, wer wessen Leiter war.
Die Message dieses Textes liegt wohl auf der Hand: Kotze auf dem Teppich ist nicht schlimm.
Enden kann das hier nur so:
Autor:
René Grandjean
Sei nicht so wie Steve in Staffel eins. Sei cool.
Wir schalten bei Musik unterm Radar weder Werbung noch gibt es Bezahlschranken oder gekaufte Produktempfehlungen. Das ganze Team arbeitet ehrenamtlich, weil uns etwas daran liegt, Newcomern eine Plattform zu bieten und euch gute Mucke zu zeigen. Weil bei jeder Website aber Kosten anfallen, machen wir Miese. Wenn dir gefällt, was wir schreiben, würden wir uns sehr über ein paar wenige Euro Unterstützung freuen!
2,00 €
Die letzten Folgen „riffs & rants“:
Neues Jahr, neuer Migräneanfall
René gibt euch in seiner Kolumne „riffs & rants“ noch was Besinnliches mit in die Feiertage.
David Nevory und die Gilmore Girls im Herbst
Die kalte Jahreszeit kommt und René guckt lieber Gilmore Girls als nach draußen zu gehen. Doch plötzlich stimmt was nicht…
Ist Berlin geiler als Bonn? (Spoiler: nein!)
Berlin hat fünftausend Wildschweine, Bonn hat tausend Nutrias plus einen neuen konservativen Bürgermeister – und René hat genug. Unser Kolumnist versucht rauszufinden, wo denn nun das Gras der Subkultur grüner ist.
Neue Empfehlungen von uns:
Ho99o9: Dieses Hiphop-Punk-Gewitter lässt Trommelfell und Hirn wackeln
Punk, Metal, Hip-Hop und Dubstep in einem? Ein amerikanisches Duo lässt an revolutionäre The-Prodigy-Zeiten erinnern: Ho99o9 ist da! Und das lauter denn je.
Kodder: Punkrock ohne doppelten Boden
Bei Kodder geht’s um sinnlose Privilegien, kapitalistische Ausbeutung, Faschismus und andere Dinge, gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Klassisch-punkiges Gitarren-Schlagzeug-Gedresche wird dabei mit Texten ohne Doppeldeutigkeit ergänzt.
NerdbyNature: Handmade-Rap mit Indie-Energie
In ihren Songs erzählt die Duisburger Band von persönlichen Erfahrungen, von Verlust, Liebeskomplikationen und Selbstreflexion. Dabei verbinden sie eingängige Hooks mit tiefgründigen Texten.