Marathon: Post-Punk auf mehreren Etagen

Schon mal unbekannte Wege durch einen Wald oder neue Hinterhöfe bei einem Stadtspaziergang entdeckt? Kennt ihr diese Neugier, die einen nicht loslässt und dazu antreibt, immer weiter das Gefühl der positiven Spannung aufrecht zu erhalten?

Genau dieser Effekt setzt ein, wenn man sich in die musikalische Welt der Band Marathon hineinfallen lässt. Das Post-Punk-Quintett aus Amsterdam baut mit seinen Songs Räume, die sich wie ein Gebilde zusammensetzen, in dem man hinter jeder Tür schauen möchte.

Marathon verbindet eine musikalische Geschichte, die bis in die Schulzeit zurückreicht. Zunächst als Trio gestartet, wirbelten Kay (Vocals/Gitarre), Nina (Bass) und Lennart (Drums) mit ihrer ersten und selbstbetitelten EP Marathon ordentlich Staub auf. Über die Jahre hinweg haben die Musiker*innen ihre Leidenschaft zur Musik und ihre Verbundenheit gepflegt und weiterentwickelt – bis sie sich mit Victor (Gitarre) und Sofie (Keys) zum Quintett vervollständigten.

Genau diese gewachsene Energie spürt man auf ihrem Debütalbum Fading Image. Der Bandname ist dabei Programm: Marathon steht für Ausdauer statt Kurzlebigkeit, für musikalische Identität und Unverwechselbarkeit statt dem Versuch, mit einer bestimmten Hook einen viralen Hit zu landen. Die Band baut eine musikalische Atmosphäre auf, die betreten werden möchte und einen dann nicht mehr loslassen wird. Klanglich bewegen sich Marathon im modernen Post-Punk – echogetränkt, mit treibenden Basslinien und einer düsteren Eleganz, die dem Sound eine gewisse Monumentalität und melancholische Weite verleiht.

Marathon erschaffen Räume, in denen man sich zurückziehen und mit offenen Augen träumen kann. Doch schon der nächste Schritt in den nächsten Raum ist der Sprung ins Ungeordnete. Eine intensive Klangwelt ohne große Schnörkeleien.

Der Bass zieht sich durch die Songs wie ein stetiger Puls, legt das Fundament und gibt Richtung vor. Das Besondere dabei ist, dass Bassistin Nina den außergewöhnlichen 6-Saiten-Bass spielt, den einst auch John Lennon nutzte, wenn Paul McCartney am Klavier saß. Das gibt dem Gesamtsound der Band noch mehr Fülle und einen warmen Vintage-Charakter. Die Gitarre bewegt sich dynamisch durch verschiedene Rollen – von verzerrten, nach vorne drängenden Riffs über warme, volle Grunge-Texturen bis hin zu melodisch fließenden Passagen. Der Gesang bewegt sich oft im Sprechgesang, entschlossen und direkt, doch die Melodien sind eine Einladung, sich fallen zu lassen – wie etwa in „Gold“, wo Marathon genau diese Balance zwischen Dringlichkeit und Hingabe finden.

Marathon verstehen es, explosive Ausbrüche in ihre Kompositionen einzubauen und im nächsten Moment wieder in sanftere, nachdenkliche Passagen zu gleiten. Diese Dynamik hält die Aufmerksamkeit konstant hoch und lässt keinen Raum für Langeweile.

Fazit: Marathon aus Amsterdam liefern mit ihren Tracks und ihrem Sound eine Reise durch moderne Post-Punk-Landschaften. Keine kurzlebigen Hits, sondern durchdachte, atmosphärische Kompositionen, die ihre Wirkung bei jedem weiterem Hören immer mehr entfalten.

Autor:

Marius Schieke


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