Stefanie B., 37, Journalistin, sitzt um 10:15 Uhr im Café. Es ist ihr dritter Chai Latte (mit Hafermilch, natürlich, wegen der Achtsamkeit). Vor ihr leuchtet das MacBook Pro – ein Geschenk aus besseren Tagen, als der Ex noch Hardware und Seelenheil finanzierte. Der Cursor auf dem weißen Bildschirm blinkt im Takt ihres Herzschlags: nichts, nichts, wieder nichts.
Sie seufzt und verbirgt die Hände in den Ärmeln ihres Kuschelpullis.

Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.
Seit die Furunkel-Mediengruppe das Online-Magazin Sanftes Muttersein übernahm, für das Stefanie seit der Trennung von Timm schreibt, brennt die Hütte. Zuvor, ja, da war sie die intellektuelle Edelfeder, die sich wöchentlich remote in die Redaktionskonferenz dazuschaltete und mit sanfter Stimme und wenig Worten Eindruck machte. Und während die anderen gewöhnlichen Content kreierten, der Klicks brachte, aber keine Erkenntnisse, keine Herzenswärme, keine Bewunderung, war sie die Frau für die Tiefe.
„Du bist das zarteste Wesen, das wir kennen“, hauchten ihre Kolleginnen bloß, wie um Stefanie nicht zu erschrecken, und sie lächelte milde und senkte verlegen den Blick. Das anstrengende Leben wochenweise alleinerziehender Mütter mit Teilzeitjob und reichem Ex war ihr erfolgreichster und gleichzeitig kontroversester Titel gewesen. Was konnte Stefanie dafür, dass andere bereits um sechs am Fließband standen? Den Pöbel auf Social Media ignorierte sie seitdem.
Dieser Erfolg lag allerdings nun eine Weile zurück, und der Glanz verblasste. Der Kellner nickt Stefanie im Vorbeigehen freundlich zu, man kennt sich, sie arbeitet täglich hier.
„Ein Artikel pro Woche, Frau B., ist weit von unseren Zielen entfernt“, hatte die Furunkel-HR-Dame süffisant lächelnd gesagt. „Das schaffen ihre jüngeren Kollegen am Tag.“ Stefanie rümpfte die Nase. „Die fabrizieren Schund“, erwiderte sie. „Ich schaffe Kunst, Bleibendes.“
Die Furunkel-HR-Dame wechselte das Thema zum Ende der Remote-Arbeitsprivilegien. Stefanie zog den Joker, was sie stets in derlei Situationen tat: Sie weinte und lief hinaus. Seitdem stand Stefanie unter Druck, und Druck, das weiß ja wirklich jeder, ist der Feind jeglicher Kreativität. Ergo, selbst schuld, Furunkel-Mediengruppe, dass von Stefanie nichts kommt.
Um elf erwartet sie Sibylle zum Co-working. Der Cursor blinkt. Der Kellner lächelt. „So ein stressiger Tag“, denkt sie.
Sie lehnt sich zurück, nippt an ihrer Tasse, die sie mit beiden Händen festhält, und lässt den Blick schweifen. Sie braucht unbedingt noch etwas Deepes für ihren WhatsApp-Status, bevor das Yoga beginnt. Dort wird sie wieder diesen süßen Typen mit den Tattoos sehen. Vielleicht spricht er sie heute endlich an?
Draußen parkt ein Amazon-Lieferwagen in zweiter Reihe und verursacht ein Hupkonzert. Stefanie rümpft die Nase. Wie soll sie sich bei dem Lärm konzentrieren?
Lukas fährt für Amazon bloß nebenbei, um sein Studium der Informatik zu finanzieren. Er steht auf der Ladefläche, sucht die richtigen Pakete heraus, während die Fahrerinnen der Autos hinter ihm brüllen. Lukas springt herab und geht ruhigen Fußes, seine Fracht jonglierend, seinem Ziel entgegen, Hausnummer 2. Er denkt an die Seminararbeit, die bald fällig ist, als die Tür zur 2 aufgeht. Lukas erschrickt und die Pakete fallen ihm herunter.
Vor ihm steht ein schlanker Mann mit grauen Haaren und tätowierten Armen. Der entschuldigt sich und hilft Lukas, die Pakete aufzusammeln. Er schaut auf die Adressaufkleber. „Das ist alles für mich“, sagt er lachend. „Sie bestellen eine Menge Scheiß“, erwidert Lukas.
Während Stefanie B. drinnen die Stirn in tiefe Falten legt, weil das Hupen ihre „Schaffensphase“ stört, balanciert draußen vor dem Fenster Ayşe (24) drei Tabletts mit dampfender Pide über den Bürgersteig. Sie führt den kleinen Familienbetrieb zwei Häuser weiter. Sie ist in Eile.
Sie sieht Stefanie hinter der Scheibe am MacBook sitzen und denkt kurz: „Die muss ja wichtige Probleme lösen, so wie die schaut.“
Ayşe lächelt Lukas, den Amazon-Fahrer, im Vorbeigehen an, während Stefanie drinnen tippt: „Die Vereinsamung der urbanen Gesellschaft ist das wahre Virus unserer Zeit.“
Ein paar Meter weiter, vor der Hausnummer 4, stellt Herr Kramer (72) sein Fahrrad ab. Er war auf dem Wochenmarkt und rechnet im Kopf aus, ob die Rente für den guten Käse gereicht hat, als er den Mann mit den Tattoos aus Nummer 2 bemerkt und ruft: „Na, wieder beim Gärtnern heute Nachmittag? Ich habe noch eine Rolle Draht im Keller, falls Sie die brauchen.“ Der Mann mit den Tattoos lacht und winkt ab: „Danke, Herr Kramer, ich komme klar.“
Um 11:15 Uhr klappt Stefanie B. ihr MacBook mit einem heroischen Seufzer zu. „Ich kann hier nicht arbeiten, Sibylle. Die Energie ist heute zu… materiell.“ Sie packt ihre Sachen in die Tasche aus recyceltem Meeresplastik. „Ich muss los, mich für das Yoga zentrieren, mein sozialer Akku ist für heute restlos leer.“
Sie tritt aus dem Café, den Blick bereits auf ihr Handy gerichtet, um zu prüfen, ob die Welt ihren Status gesehen hat. Sie ist so versunken in ihre digitale Inszenierung, dass sie Ayşe fast umrennt, die gerade mit leeren Tabletts zurückläuft. Stefanie rümpft die Nase über den Geruch von Knoblauch, da bekommt sie eine Push-Benachrichtigung. Es ist eine Erinnerung ihres Kalenders: „11:30 Uhr – Yoga“.
Sie sieht, wie der Mann mit den grauen Haaren und den Tattoos die Tür mit dem Fuß zudrückt, beide Hände voll mit den Paketen, die er mit Lukas aufgesammelt hat. Er lacht noch über einen letzten Zuruf von Herrn Kramer, dreht sich um und verschwindet im dunklen Hausflur.
Stefanie zupft ihren Kuschelpulli zurecht und streicht sich eine Locke aus der Stirn. Der süße Typ vom Yoga kauft bei Amazon. Sie schüttelt den Kopf und tippt eine letzte Ergänzung in ihren Status: „Manche Menschen horten Dinge, um die Leere zu füllen. Ich sammle Momente. #YogaReady #DeepSpirit“.
Sie setzt ihren Kopfhörer auf, blendet den Alltag aus, die Straße, den Lärm, öffnet Spotify, drückt auf Play und macht sich auf den Weg.
Autor:
René Grandjean
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