Unvergleichbar: Afrobeat-Legende Femi Kuti im Heimathafen Neukölln

Konzerte sind immer Orte kollektiven musikalischen Erlebens, aber selten sind sie so mitreißend wie bei Femi Kuti. Die Bühnenenergie, das Zusammenspiel der Band, und auch die politischen Inhalte seiner Tracks schaffen in der Kombination eine unvergleichbare Stimmung.

An diesem Mittwochabend ist es noch hell, als der Heimathafen in Berlin-Neukölln seine Türen öffnet: Femi Kuti und seine Band The Positive Force werden hier heute Abend zum Konzert im Rahmen von Kutis “Journey Through Life”-Tour erwartet. Vor der Venue mischen sich Menschen allen Alters und man hört unzählige unterschiedliche Sprachschnipsel im Eingangsbereich.

Als es im Raum dunkler wird, treten erst die Band und die Tänzerinnen (eine davon Kutis Ehefrau) auf die Bühne, bevor der 63-jährige schließlich gut gelaunt und mit erstaunlicher Ausstrahlung erscheint. Nachdem die Band zu spielen beginnt, überträgt sich Femi Kutis Energie innerhalb von Sekunden auf das Publikum. Der gemeinsame Groove der Menge bleibt das knapp zweistündige Set über durchweg bestehen.

Die enorme Kraft und energetische Atmosphäre, die Kutis Auftritt mit sich bringen, mögen auch am Genre liegen: Afrobeat ist eine Musik des Rhythmus, des Funk und des Grooves, die ihre Kraft auch aus den Inhalten zieht und zugleich politisches Zeitgeschehen und soziale Missstände kommentiert. Treffender könnte nicht sein, dass der Vater des Afrobeat, die nigerianische Musiklegende Fela Kuti, Femi Kutis Vater ist. Fela Kuti begründete durch seinen Musikstil, der Jazz und Funk mit westafrikanischen Rhythmen und Highlife-Elementen verbindet, und dabei sehr politisch ist, einen wesentlichen Teil des Afrobeat: Musik als Antreiber für sozialen Wandel.

Kuts Musik steht auch im Kontext der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur langsam voranschreitenden Dekolonisierung Afrikas. Noch immer ist das Vermächtnis des Kolonialismus sowohl in den ehemaligen Kolonialmächten als auch in afrikanischen Staaten nicht überwunden – und so bekommt Fela Kutis Musik eine noch größere Bedeutung. Denn in dieser Tradition steht auch seine künstlerische und musikalische Arbeit, mit der er das Erbe seines Vaters fortführt.

Auf Femi Kutis neuestem Album Journey Through Life, das auch der Titel dieser Tour ist, finden sich Tracks wie “Corruption Na Stealing” oder “Politics Don Expose Them”, in denen Kuti heuchlerische Politik anprangert. Untermauert werden seine Songs immer von schnellen Schlagzeug- und Trommelrhythmen, Gitarren, Trompeten und Saxofonen aus seiner Band.

The Positive Force bilden zweifelsohne das Grundgerüst für Kutis Kunst, doch auch Kutis bemerkenswerte Bühnenpräsenz schaffen einen Groove, der mit anderen Konzertkontexten schwer vergleichbar ist. Genauso ist Kutis eigene Virtuosität unbedingt hervorzuheben: Er wechselt zwischen Gesang, Saxofon, Trompete und der für Afrobeat so typischen Hammond-Orgel (beziehungsweise einer bühnenangepassten Version der letzteren).

Zwischen den Songs, manche davon werden als bühnenwirksame Medleys präsentiert, bezieht Femi Kuti immer wieder das Publikum ein – mittanzen, mitsingen, sich den Konzertabend wie eine gemeinsame Reise vorstellen. Flugnummer FKPFAB, wiederholt Kuti immer, das steht für Femi Kuti and the Positive Force Afrobeat.

Im Verlauf des Abends wird tatsächlich spürbar, dass Afrobeat im Allgemeinen und Femi Kuti mit seiner Positive Force im Besonderen eine Energie transportieren, die ganz wesentliche Elemente des Mensch-Seins vereint: Da ist die Freude am Rhythmus, am Tanz und am Groove, und zugleich das Wissen über Ungleichheit und Ungerechtigkeit, das in diesem Rahmen aber keine niederschmetternde, sondern eine motivierende Wirkung hat. Und genau das ist es, was Musik in der Tradition des Afrobeat als Driver for Social Change ausmacht – dieses kollektive Erleben kann vielleicht nur durch die Mischung aus Musik und politischem Bewusstsein entstehen. Femi Kuti ist in politisch aufwühlenden Zeiten wie diesen nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch eine gesellschaftliche Lichtgestalt.

Autorin:

Felicitas Richter

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