
© Jack Burling Nebe
Als die Scheinwerfer angehen, wird der ganze Raum in ein helles Lila getaucht. Die Stimmung im Lark in der Berliner Holzmarktstraße ist heiter, locker, und wie man es von Punkkonzerten kennt, ist die Mischung an Menschen besonders bunt. Erwartet werden Panic Shack, deren Name Programm ist.
Als die vier schließlich auftreten, und dabei locker mit dem Publikum ins Gespräch kommen, knallt einem ihre Bühnenpräsenz bereits entgegen. Es wird das erste Lied angestimmt: „Gok Wan“ vom im Juli erschienenen Debütalbum, das ebenfalls Panic Shack heißt.
Sängerin Sarah Harvey setzt ein „I squat for two hours a day / Not enough to keep the red ring of shame away” während ihre Bandkolleginnen Meg Fretwell, Emily Smith und Romi Lawrence mit dem Rücken zum Publikum stehend Kniebeugen machen. Drummer Nick Boherty-Williams bringt das Tempo. Der Song rechnet auf ironische Art mit Erwartungen an weibliche Körperbilder ab und entfaltet seine Message durch die energiegeladene Performance der Interpretinnen, die vieles zu sagen haben, und alles auf den Punkt bringen.
Cardiff hatte schon genug „boys in bands“
Zu Panic Shack zusammengeschlossen haben sich die vier Frauen und ihr Drummer 2018 in ihrer Heimatstadt Cardiff. Auf die Frage nach dem Einfluss von Cardiffs Musikszene auf ihre Gründung und musikalische Entwicklung antworten die Vier: Die Hauptmotivation sei wohl die Tatsache gewesen, dass Cardiff besonders viele „boys in bands“ vorzuweisen hatte, aber kaum Frauen in der Musikszene auftauchten. So trafen sie die Entscheidung, selbst eine Band zu gründen – und das, ohne jemals vorher Musik gemacht zu haben.
Punk, sagen sie, sei ihr Fuß in der Tür gewesen, um dem Sound und der Bühnenenergie, die sie sich gemeinsam vorgestellt hatten, näherzukommen. Das haben sie dieses Jahr auf jeden Fall geschafft – ihr kürzlich erschienenes Album wurde zurecht mit Begeisterung aufgenommen und heute spielen sie weit über Cardiff hinaus auf internationalen Bühnen.
„I didn’t get straight A’s, I got Double-D‘s“
~ Panic Shack in „Tit School“
Das Album allein hat es schon in sich, aber wer Panic Shack schon einmal live erlebt hat, der wird sie so schnell nicht vergessen. Ihrem selbsterklärten Anspruch, nicht langweilig zu sein, machen sie mit ihrem Auftritt in Berlin alle Ehre. In jeden Song stecken sie so viel Energie, wie man es von so manchem Künstler während eines ganzen Sets nicht sieht, und die Pausen zwischen den Songs werden mit kleinen Anekdoten geschmückt. Der direkte Draht zwischen Band und Publikum ist super sympathisch und die bemerkenswerte Bühnenpräsenz von Panic Shack übersetzt sich auch durch ihre Songs, deren Lyrics und Sounds alle punchy sind und immer auch eine Botschaft haben.
Als das Lied „Tit School“, das sich mit Bildungsungleichheit in UK auseinandersetzt, angestimmt wird, tobt das Publikum. Mit der Zeile „I didn’t get straight A’s, I got Double-D‘s” übersetzt sich eine gewaltige Energie von der Bühne in die Menge, und die Menge geht mit.
Im Interview vor dem Konzert erwähnen Panic Shack, dass sie sich selbst eigentlich nie als explizit politisch betrachet haben, und dass ihre Songs eher aus ihrer gelebten Realität und ihren persönlichen Erfahrungen heraus entstehen. Die Bühne und das Livespielen haben somit etwas Kathartisches für sie. Welche Energie und Begeisterung dadurch entstehen können, das zeigt ihr Auftritt in Berlin. Und was, wenn nicht genau das, ist denn politisch?

© Jack Burling Nebe
Als das Set endet, verlangt die Menge nach einer Zugabe und gibt auch dann nicht auf, als die Band mehrmals ankündigt, dass es keine geben wird. Schließlich spielen sie (eine Berliner Ausnahme!) noch einmal den ersten Song, „Gok Wan“, und die Berlinerinnen und Berliner sind dankbare Abnehmer.
Vor der Show hatte die Band noch überlegt, wie die Berliner Crowd wohl sein würde – ob das Publikum von selbst mitgehen würde oder Animation bräuchte, es sei bisher auf der Tour so unterschiedlich gewesen. Als sie sich nach der Show verabschieden, sagen sie, Berlin sei die beste Crowd der Tour gewesen. Und auch Berlin hat mit Panic Shack sicherlich eine der besten neuen Livebands zum ersten und hoffentlich nicht zum letzten Mal gesehen.
Autorin:
Felicitas Richter
Wir wollten eigentlich reich werden – stattdessen machen wir Musikjournalismus.
Wir schalten bei Musik unterm Radar weder Werbung noch gibt es Bezahlschranken. Das ganze Team arbeitet ehrenamtlich, weil uns etwas daran liegt, Newcomern eine Plattform zu bieten und euch gute Mucke zu zeigen. Weil auch bei uns aber Kosten anfallen, machen wir Miese. Wenn dir gefällt, was wir schreiben, würden wir uns sehr über ein paar Euro Unterstützung freuen!
2,00 €
Acts, die Feli auch feiert 🤘
Ein Abend mit Zolani Mahola zwischen Freshlyground, „Waka Waka“ und neuen Geschichten
Den Berlinerinnen und Berlinern hat die großartige südafrikanische Musikerin Zolani Mahola als erstem Publikum überhaupt am Freitag ihr neues Soloalbum vorgestellt.
Der Sound der Sahara: Tinariwen in Berlin
Die Tuareg-Band Tinariwen kam am vergangenen Donnerstag für ein Konzert nach Berlin. Nischig? Auf keinen Fall. Huxley’s Neue Welt war ausverkauft und die Atmosphäre im Saal einzigartig. Tinariwen transportieren nicht nur den Sound einer Jahrtausende alten Kultur, sondern auch die Geschichte eines Volkes ohne festen Staat.
Unvergleichbar: Afrobeat-Legende Femi Kuti im Heimathafen Neukölln
So mitreißend wie bei Femi Kuti sind Konzerte selten. Neben Rhythmus, Groove und Bühnenenergie geht es dem Künstler und seiner Band ganz Afrobeat-typisch auch darum, soziale Missstände und politsches Zeitgeschehen zu kommentieren. Unsere Autorin findet: Femi Kuti ist in dieser aufwühlenden Zeit nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch eine gesellschaftliche Lichtgestalt.
Neuste Beiträge:
Die Manfreds live: Ich wollte doch bloß einen Zwiebelkuchen
In der Lebensrealität unseres Autors sind die Manfreds seit längerem allgegenwärtig. Uneingeladen. Kaum stehen drei Leute mit Bier vor einem Büdchen, schleichen sie mit Bollerwagen, Kazoo und Gitarren um die Ecke und machen Lärm wie unartige Kinder. René entschied: Don’t trust the hype. Bis zu einem Moment auf einem Dorfplatz, als er sich mit Bier…
Frauen an der Front – die neue Ära des Pop
Die Popwelt gehört den Frauen, schreibt unser Kolumnist, und liefert einige starke Belege mit, die ihr gehört haben solltet. Und er brieft euch, auf welchen Gig ihr eure Oma lieber nicht mitnehmen solltet.
Filiah: Indie-Folk fürs Loslassen, Neuanfangen und alles dazwischen
Ihren Stil beschreibt die österreichische Künstlerin Filiah als „Indie-Folk mit einem glitzernden Funkeln von Pop“. Warme Gitarren, und atmosphärische Arrangements bilden das Fundament ihrer Musik, dazu kommen Lyrics mit viel Intimität.