Maria Taylor fährt mich nach Hause.

Wo bist du zu Hause?

Ist es dort, wo deine Wurzeln tief in den Boden des Landstrichs reichen, wo du dich als Kind in den Büschen versteckt hast? Am Meer, wo das Rauschen der Wellen und der endlose Horizont dich in den Bann schlagen? Vielleicht an Plätzen, wo man dich wiedererkennt, wo deine Lieben sind und dich lächelnde Augen begrüßen, sobald du den Raum betrittst und die Tasche von der Schulter gleiten lässt? Wo du weißt, in welche Richtung das Toilettenpapier rollt?


Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.


2005 konnte ich diese Fragen nach dem Zuhause nicht zuverlässig beantworten. An einem Punkt der Stagnation angekommen, wusste ich einzig, dass Köln – die Stadt, in der ich zu jener Zeit lebte und arbeitete – es nicht war und niemals werden würde. Ich war gefangen zwischen meiner provinziellen Herkunft, die ich hinter mir lassen wollte, und einer neuen Identität, aber als was und vor allem wo?

An einem unaufgeregten Scheißtag im Juni ’05 fragte mich mein Kumpel Dominik, ob wir Maria Taylor im Blue Shell live ansehen. Auf mein Schulterzucken erläuterte er, dass sie aus dem Saddle-Creek-Umfeld stammt, was ich vermutlich mit einem verächtlichen Raunen beantwortete.

Zu jener Zeit veröffentlichte das amerikanische Label Saddle Creek im Akkord Tonträger, die von der einschlägigen Musikpresse nahezu uneingeschränkt abgefeiert wurden. Labelgründer Conor Oberst, Teil von Bright Eyes, Indie-Posterboy, sehnsuchtsvolle Projektionsfläche und Heilsbringer, war eine Art omnipräsenter Messias, so wie aktuell Bad Bunny. In etwa. Was Conor berührte, wurde Gold. 

Im Dunstkreis des Labels tummelten sich allerlei Bands wie The Faint, Cursive, Lullaby for the Working Class. Ich hasste sie alle, weil sie alle liebten. Ich hatte sie mir nicht einmal angehört.

Maria Taylor war eine Hälfte des Duos Azure Ray, die elfenhaften Folk-Pop spielten. Authentisch und düster, wie ein Sonnenuntergang in den Sümpfen, wo Krokodile im trüben Wasser lauern.

An diesem Abend im Blue Shell verliebte ich mich zweimal. In die Musik von Maria Taylor und in die Frau eine Reihe vor mir, mit der ich im Anschluss an das Konzert eine Nacht quatsche. Diese Liebe blieb unerfüllt. Die zu Maria nicht, weil sie mich fortan bis heute mit sieben Alben und unzähligen Veröffentlichungen und Beteiligungen durch einige Höhen und Tiefen begleitet, die ein erfülltes Leben mit sich bringen. 

Vom Debüt 11:11 mit elektronischen Spielereien, dem melancholischen Folk-Album Lynn Teeter Flower oder dem poppigen, gradlinigen In the Next Life – jeder Song, egal in welchem Gewand, hat Tiefe und Sehnsucht und diesen gänzlich eigenen Taylor-Vibe.

Maria ist eine wunderschöne Frau, das ist nicht entscheidend, soll aber erwähnt sein. Es ist etwas in ihrer Stimme, das mich an Herz und Seele berührt. Ein lautes, eindringliches Flüstern. Etwas Raues in der Zartheit. Zerbrechlich und stark.

Maria eröffnete mir ein neues Universum. Durch sie überwand ich meine starrköpfige Ablehnung, die ich mit Haltung verwechselte, und fand ein musikalisches Zuhause: Saddle Creek. Bright Eyes, eine ebenso intensive Bindung, bis heute. Die Duette von Conor und Maria sind zum auf-die-Knie-Gehen. Und davon gibt es ein neues, das als Vorbote des neuesten Taylor Albums „Story’s End“ erschienen ist.

Es schien, als wären alle Acts auf dem Label eine große, glückliche Familie, die in den Kellern und Garagen von Omaha, wo das Label sitzt, gemeinsam Musik produziert, die nebenbei zufällig um die Welt geht. Aber eigentlich geht es nur um die Gemeinschaft. Diese Heimeligkeit ist genau das, was ich ’05 in Köln vermisst und gebraucht habe. 

Maria scheint zu Hause angekommen. Ihr Instagram ist ein kunterbuntes Familienalbum.

Und ich? Ich weiß es nicht. Oft dachte ich: Ja, das ist es, hier bin ich sicher, hier möchte ich bleiben. Dann ging die Reise weiter. Mal notgedrungen, mal mit dem Schwung der Überzeugung, auf zu neuen Ufern. Einiges habe ich selbst in Brand gesteckt. Manchmal wurde ich vertrieben. Ein Zuhause in mir selbst habe ich kreiert, ein Zuhause aus Liebe und Optimismus, aus Freunden. Und eine Freundin und Wegbegleiterin ist Maria Taylor.

Danke, Maria.

Autor:

René Grandjean

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