Anatolischer Rock der 70er ist so eine Sache. Wer ihn kennt, liebt ihn meistens sofort. Diese Mischung aus Saz, treibenden Rhythmen und Stimmen, die klingen, als würden sie direkt aus dem Boden wachsen. Barış Manço, Selda Bağcan, Derya Yıldırım: Musik, die irgendwie zeitlos ist, weil sie nie versucht hat, irgendetwas zu sein außer sie selbst. Und dann kommen drei Leute aus Kopenhagen und machen daraus etwas, das man so noch nicht gehört hat.
AySay bestehen aus Luna Bülow Ersahin (Saz, Gesang), Aske Døssing Bendixen (Drums) und Carl West Hosbond (Gitarre), und ihr Sound ist im besten Sinne schwer zu fassen. Anatolische Folklore trifft auf kurdische Musiktradition, dänische Abgeklärtheit auf orientalische Wärme. Das klingt auf dem Papier nach viel, fühlt sich beim Hören aber sehr natürlich an.
Die Saz ist dabei kein folkloristisches Accessoire, sondern ein gleichberechtigtes Instrument, das den Songs Textur gibt. Lunas Stimme ist das Herzstück: Sie trägt die Songs mit Ruhe und Kraft. Aske und Carl halten das Ganze rhythmisch zusammen, ohne es zu erden, eher so, als würden sie den Songs Flügel verpassen.
Dass AySay keine Band sind, die Musik um der Musik willen macht, merkt man spätestens bei „Malala“. Die Single zieht ihre Energie aus Lunas Lektüre von Malala Yousafzais Autobiografie, der Geschichte eines Mädchens, das von den Taliban angeschossen wurde und überlebte. Luna stellt dieser Geschichte die von Jina Mahsa Amini gegenüber, der kurdischen Iranerin, die bei Protesten getötet wurde. Zwei junge Frauen, zwei Schicksale, ein Widerspruch, den man nicht einfach auflösen kann.
„Malala survived. Her Kurdish sister in Iran, Jina Mahsa Amini, didn’t. I carry that contradiction with me“, sagt Luna. Der Song macht aus diesem persönlichen Widerspruch etwas Kollektives. Der finale Refrain „I am Malala, you are Malala, we are Malala“ ist kein erhobener Zeigefinger, eher ein Bekenntnis. Eine Erinnerung daran, dass diese Geschichten nicht weit weg sind, sondern uns alle angehen.
Der Titel ihres dritten Album „Mal“ trägt mehr in sich, als man zunächst denkt. „Mal“ bedeutet auf Kurdisch „Zuhause“, ein Wort, das bei AySay nie so dahingesagt wird, sondern immer auch die Frage stellt, was Heimat eigentlich bedeutet, in einem Leben zwischen Kulturen, Sprachen und Kontinenten. Das Album setzt fort, was die Band seit ihren Anfängen antreibt: Musik als Raum für Ehrlichkeit, Verletzlichkeit und Widerstand. Nicht laut um des Lautseins willen, sondern weil manche Dinge gesagt werden müssen.
Der Song „Haydi Gidelim“ kreist um ein Gefühl, das wohl fast jeder kennt, nur vielleicht nicht unbedingt ausspricht. Es geht um Versprechen, die nicht gehalten werden. Als Kind, das auf die Eltern wartet, die zum Spielen kommen wollten und es dann doch nicht tun. Als verliebter Mensch, dem das Vertrauen entzogen wird. Als jemand, der laut wird gegen Ungerechtigkeit und auf Stille trifft.
Der Titel bedeutet „Komm, lass uns gehen“, aber mit Aufbruchsstimmung lässt uns das Lied davon kommen. Zurück bleibt eine trockene Kehle und Wut, die nirgendwo hin kann.
Musikalisch ist der Track eine Hommage an die anatolische Rockbewegung der 70er. Treibende Saz, druckvolle Gitarre und ein tranceartiger Groove, der einen fast unbemerkt mitnimmt, während Luna die Themen Unschuld, Sehnsucht, Liebe und Verrat ausbreitet. Und ihre Stimme transportiert das so stark, dass man auch ohne Türkischkenntnisse fühlt, worum es geht.
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