Reggea auf französisch?!

Dass Reggea nicht nur auf englisch mit jamaikanischem Akzent möglich ist, beweisen die Mitglieder von Kana, einer überzeugten Reggeaband aus Frankreich.

Die Texte von Kana sind dabei hauptsächlich in ihrer Muttersprache geschrieben, nur vereinzelt finden sich auch Titel auf englisch, portugiesisch oder spanisch auf ihren vier veröffentlichten Alben. Der bekannte Off-beat-Rhythmus des Genres lässt auch bei Kanas Songs niemanden kalt und Sprache bewirkt, dass man mit einem akzeptablen Schulfranzösisch ungefähr ähnlich wenig versteht, wie mit fließenden Englischkenntnissen bei original jamaikanischen Sängern. Die Stimmung ist dabei trotz der untypischen Sprache ausgesprochen stilecht.
Interessant ist außerdem, dass sich die Band bereits zu Experimenten hinreißen ließ, wie dem Neuinterpretieren des Chansons „La Tendresse“ von Bourvil auf ihre eigene Art und Weise, was den ZuhörerInnen auch gut ein amüsiertes Lächeln aufs Gesicht zaubern kann.

Fazit: Kana machen Laune und versprühen das reggeatypische Gefühl von Freiheit und Unbekümmertheit.

Links: http://www.reggae.fr/lire-article/2642_Kana-Internacional.html

Sanfte Klänge aus Westafrika

Eine Kora ist ein harfenähnliches afrikanisches Saiteninstrument. Traditionellerweise ist das Erlernen der Kora nur in speziellen Musikerfamilien üblich und wird dort von der älteren Generation an die männlichen Nachkommen weitergegeben. Eine der wenigen professionellen weiblichen Kora-Spielerinnen ist Sona Jobarteh, eine Künstlerin aus London mit Wurzeln in einer solchen Musikerfamilie.

Jobartehs Spiel auf dem großen, klobigen Instrument ist gekonnt und der Klang ist angenehm und voller Wärme. Eine tolle Atmosphäre entsteht in Jobartehs Liedern auch durch den vielfachen Einsatz von verschiedenen Trommeln, Schlagzeug und Percussion.
Die studierte Musikerin besticht außerdem mit ihrer klaren, sanften Stimme, die den spannenden Instrumenten aber nicht die Show stiehlt. Als Gegenpol zu der sonst oft gehörten Hektik in Musikstücken lösen Jobartehs Lieder eher ein Gefühl innerer Ruhe aus.

Fazit: Jobarteh beherrscht ein interessantes Instrument, singt herausragend und ihre Musik wird durch eine tolle Band vervollständigt.

Links: http://www.sonajobarteh.com/

 

Mit der Jazz-Gitarre mal ohne Sting unterwegs

Eigentlich stellt dieser Künstler im Konzept von unterm Radar eine gewaltige Ausnahme dar. Er ist nämlich alles andere als unbekannt. Dominic Miller hat schon mit verschiedensten Größen zusammengearbeitet und ist seit zwei Jahrzehnten auch solistisch unterwegs, am besten kennt man ihn jedoch als Gitarristen des großartigen Musikers Sting. Mainstream allerdings ist Miller auf keinen Fall und so ist es wohl ein vertretbarer Tabubruch, hier über ihn zu schreiben. Soviel also als Vorwort.

Dominic Miller, in Argentinien geboren und in den USA und Großbritannien aufgewachsen, kam zwar erst mit 15 Jahren zur Gitarre, mit seinem Talent war das späte Einstiegsalter aber anscheinend kein Problem. Seit 1991 ist er an Stings Seite auf der Bühne zu sehen und ist für bekannte Gitarrenmelodien bei Klassikern wie dem fantastischen „Shape Of My Heart“ verantwortlich.
Abgesehen davon hat Miller inzwischen auch ein Dutzend Soloalben herausgebracht, auf denen er sich in verschiedenen Stilen ausprobiert. Dieses Jahr erschienen ist seine neueste CD Silent Light. Schon der Titel lässt einen aufhorchen und erzeugt so eine wunderbare Mischung aus Bekanntem und Rätselhaftem. Miller bewegt sich hier hauptsächlich im Jazz, teilweise auch im Latin und besticht mit gleichermaßen ruhigen wie virtuosen Kompositionen. Besonders ist an dieser Aufnahme, dass die einzelnen Tracks tatsächlich nur mit Miller an der Akustikgitarre und einem Percussionisten eingespielt wurden und so trotz der Komplexität einiger Melodien mit den vielen wiederkehrenden Bausteinen fast minimalistisch anmuten.

Fazit: Dominic Miller gehört zu den absoluten Großmeistern der heutigen Zeit. Silent Light beweist technische Fähigkeiten, musikalisches Einfühlvermögen und einen besonderen Sinn für einfache Schönheit.

Links: https://www.ndr.de/ndrkultur/Dominic-Miller-Silent-Light,audio326476.html

Mit rhythmischen Drums in die Discos

In Großbritannien spielen sie schon bei den ganz Großen mit: The Guardian’s „Single of the week“, BBC Radio 1, Reading-Festival, Nominierungen für diverse Preise. In Deutschland sind sie dagegen noch nicht bei der breiten Masse angekommen, ihr Mix aus Electro, Pop, Shoegazing- und Indie-Rock macht aber einiges her. Die Rede ist von dem Trio Friendly Fires aus England, seit 2006 auf britischen Bühnen unterwegs.

Ed Macfarlane, Jack Savidge und Edd Gibson machen zusammen Musik, seitdem sie 13 Jahre alt sind. Über diese Zeit hat die Band sich und ihre Musik stark entwickelt bis sie inzwischen mit zwei Alben, mehreren Singleauskopplungen und großen internationalen Touren die Musikwelt bereichert haben.
Die Friendly Fires füllen kleine Clubs genauso wie riesige Festivalgelände, und das, obwohl ihre Musik einen doch recht eigenwilligen Charakter hat. Viel Elektronik, verfremdene Effekte und Einflüsse aus dem Techno auf der einen Seite. Auf der anderen Seite kommt neben der typischen Club-Mucke auch die „echte“ Musik mit Gesang und Instrumenten nicht zu kurz. Es wird viel getrommelt, auch unüblichere Rhythmen, was für einen gewaltigen Schwung und eine von vergleichbaren Electro-Gruppen ungekannte Komplexität sorgt. Ed Macfarlanes hohe Stimme passt genau in diese Art von Musik, in der alles passieren kann und nichts passieren muss.

Fazit: Das Hangeln durch die verschiedenen Genres machen die Friendly Fires mit links. Dadurch, dass sich die Jungs eben nicht an vorgegebene Wege halten, sondern sich auch trauen, nicht nur die für Electro typischen Merkmale immer weiter durchzukauen, gewinnt die Musik in jeder Hinsicht. Das Ganze wirkt dadurch so, als hätten sich einfach drei Freunde zusammengesetzt und gemacht, worauf immer sie Lust hatten, ohne sich von außen reinreden zu lassen.

Links: http://www.laut.de/Friendly-Fires

Von Albträumen und goldenen Buchstaben

Das Nürnberger Akustik-Trio mit dem untypischen Namen The Rose And Crown lässt sich musikalisch schwer in Schubladen stecken. Gut, auch die Besetzung ist alles andere als alltäglich: eine Sängerin, eine (ebenfalls singende) Pianistin und ein Schlagzeuger als Unterstützung. Die Band bewegt sich durch verschiedene Genres, von Pop- und Folkmelodien über verträumt langsame Balladen bis hin zu Jazzriffs und fetzigen Rhythmen.

Das Album Golden Letter der Band ist eine Kollektion von abwechslungsreichen Songs, trotz der stets gleichen Besetzung jeder anders als der andere. Der gleichnamige Track auf dem Album klingt jazzig-cool und ist doch spannungsgeladen. Das Klavierintro ist ein vielversprechender Einstieg, und auch der Einsatz der Sängerin enttäuscht nicht: Gleichermaßen ausdrucksstark und kräftig nimmt sich Mercan Kumbolu stellenweise aber auch zurück und baut Spannung auf. Das Piano spielt die Melodie partiell mit, ohne für eine nervige Dopplung zu sorgen und lässt immer wieder kurze Jazzeinlagen hören.
Ganz anders klingt da schon „Scary Nightmares“: Angefangen mit düsteren und sich wiederholenden Rhythmen im Klavier wird in den Strophen von gruseligen Albträumen, wie dem Nachbarn, der mit Pistole und blutigem Messer traktiert wurde, berichtet.
Insgesamt beweisen The Rose And Crown, dass sie in mehreren musikalischen Richtungen zuhause sind; geboten werden der Hörerschaft außerdem eine Fülle von verschiedenen Stimmungen und eine spannende textliche Variabilität.

Fazit: The Rose And Crown sind drei sympathische Musiker, die mit guten Ideen dabei sind und ihr Handwerk verstehen. Interessant werden ihre Titel durch vielseitigen Einsatz zweier Instrumente und zwei tolle Stimmen. Positiv fallen außerdem die charakteristischen Klaviersoli und -fills sowie die rhythmische Ergänzung durch das Schlagzeug auf.

Links: http://theroseandcrown.de/

 

Assaf Tuvia: Wie auf wogenden Wellen

Sanfter Elektropop, verspielt wehmütige Akkorde, dazu eine halb verträumte und doch irgendwie bodenständige Stimme. Bühne frei für einen Newcomer mit Potential.

Assaf Tuvia ist ohne Frage vielseitig begabt. Nach seiner Ausbildung als Toningenieur in seinem Heimatland Israel kam er vor wenigen Jahren nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin. Der Musiker spielt Gitarre, E-Bass und Synthesizer, er ist Sänger, Komponist, Texter und Produzent. Nachdem er lange in verschiedenen Bands gespielt hat, bringt er nun bald sein erstes Album Sad but Happy in Eigenregie heraus.
Besonders charakteristisch für Tuvias Kompositionen sind wohl die beinahe tranceartigen Gitarrenklänge sowie der schwerwiegende, geruhsame Beat, durch den das Ganze aber erfreulicherweise dennoch nicht getragen wirkt. Seine Musik fühlt sich eher an, als würde in einer eigens erschaffenen Welt die Zeit verlangsamt. So liegt in Songs wie „Three Ways“ eine besondere Energie, die die Hörerschaft entspannen und in die Ferne träumen lässt.

Fazit: Assaf Tuvia experimentiert viel mit Stimmung und Atmosphäre. Seine Tracks laden ein, die Gedanken schweifen zu lassen und sein musikalisches Können scheint mühelos und anmutig. Die Tatsache, dass die Songs vom Künstler selbst produziert und größtenteils auch selbst eingespielt werden, lassen außerdem eine einzigartige Möglichkeit zur Selbstentfaltung zu.

Links: https://www.facebook.com/TUVIA-846662932149641/

Verflucht oder geheilt?

Eine Mumie wird ausgegraben und erwacht nach tausenden von Jahren wieder zum Leben. Nach einiger Zeit des Totstellens in einem New Yorker Museum öffnet sie die Vitrine, in der sie liegen musste und macht sich auf den Weg in die heutige Welt…

Was zuerst nach einem waschechten Horrorfilm klingt, dreht Josh Ritter in seinem Lied „The Curse“ in eine Liebesgeschichte. Die erste Bewegung der Mumie: das Berühren der Haare seiner Entdeckerin. Seine ersten Worte: in ihrer Sprache. Seine ersten Leseversuche: ihre wissenschaftlichen Paper, die sie über ihn verfasst hat (nebenbei hilft er ihr als Fachmann bei der Korrektur). Zwischendurch kommt immer wieder ihre Frage: Bist du verflucht? Und er antwortet stattdessen mit der Gewissheit, geheilt zu sein.
Als er sich der Außenwelt zeigt, werden beide berühmt. Sie touren in Limousinen durchs Land; sie ist inzwischen älter geworden und er muss sie stützen. Schließlich folgt ein trauriges Ende: während er andere Frauen kennenlernt, stirbt sie langsam und lässt ihn mit seinen Erinnerungen an sie allein.
Das Ganze singt Singer-Songwriter Ritter in seiner sanften Art mit simpler Klavieruntermalung. Der fließende Charakter des Liedes würde einen kaum vermuten lassen, was für eine bizarre Geschichte gerade erzählt wird. Denn tatsächlich ist es bei Ritters schönen Folkmelodien oder country-rockigen Klängen nicht selten so, dass man bei genauerem Hinhören neben der angenehmen Musik ganz einzigartige Erzählungen bemerkt.

Fazit: Josh Ritter ist ein Mann für Überraschungen. Und für Fantasie. Und für wirklich schöne Musik.

Links: http://www.songtexte.com/songtext/josh-ritter/the-curse-7beace18.html

Karibische Sounds aus dem hohen Norden

Acht Musiker spielen Reggae, nennen sich nach dem Geburtsort der Tanzmusik Calypso und betreiben mit ihren Texten etwas, das der Guardian als „aktivistischen Journalismus“ beschreibt; und das ausgerechnet in Kanada. Klingt skurril? Ist es auch.

Allerdings bringt die Band Kobo Town neben einem außerordentlichen Vibe in ihrer Musik durch ihre durchmischte Zusammensetzung auch eine große Glaubwürdigkeit mit. In Trinidad und Tobago geboren, zieht Gründer und Sänger Drew Gonsalves im Teenager-Alter nach Kanada, wo er 2004 die Band Kobo Town gründet. Inzwischen besteht die Besetzung weiter aus Gitarrist, Schlagzeuger, Saxophonist, Percussionist, Bassist und Trompeter und hat einen vollen, aber keineswegs überladenen Sound auf Lager.
Gonsalves vervollständigt die exotische Stimmung durch den für den karibischen Raum typischen Akzent bei der Aussprache englischer Texte. Die einzelnen Zeilen, die die anderen Musiker einstimmig mitsingen, sorgen außerdem für einen lebhaften Schwung.

Fazit: Kobo Town machen rhythmischen Reggae, indem sie ihre Instrumente gekonnt einsetzen, eingängige Melodien sowie schwer verständliche Texte entwerfen und Ländergrenzen nicht als Barrieren verstehen.

Links: https://www.kobotown.com/

Diese Frau hat den Groove gefunden

Ester Rada macht Musik, die man buchstäblich fühlen kann. Ohne großen Aufwand schafft es die Musikerin, mit ihrer Band dafür zu sorgen, dass ein jeder den Rhythmus in sich aufnimmt und sich unwillkürlich im Takt wiegt.

Die Israelin mit äthiopischen Wurzeln ist in ihrem Heimatland vor allem als Schauspielerin bekannt. Obwohl sie in ihrer Jugend bereits Zugang zur Musik gefunden hatte, dauerte es nach eigenen Angaben ein Zeit, bis sie sich nun wieder auf ihre Liebe zur Musik zurückbesinnt. Zum großen Glück für die Menschheit. Denn Rada hat eine fantastische Soul-Stimme, voll und weich, in angenehmer Lage ohne störende Höhen und mit einer einzigartigen Färbung.
Besonders bei ihrem Titel „Out“ klingt der Ethno-Jazz in ihrer Soul-Funk-Mischung mit ein: das triolische Swing-Feeling im Schlagzeug, die Einwürfe von Saxophon, Trompete und Posaune, die jazzigen Akkorde in E-Gitarre und Piano verhelfen dem Lied zu einer fantastischen Klangfülle.

Fazit: Ester Rada ist ohne Zweifel eine besondere Musikerin. Wer ihr zuhört, wird vom Groove gepackt und von der Stimme begeistert sein und noch dazu einen Ohrwurm für die nächsten zwei Tage haben.

Links: http://www.deutschlandfunkkultur.de/saengerin-ester-rada-eigener-glaube-eigener-sound.2177.de.html?dram:article_id=330712

Sarah Lesch: Dem System den Kampf ansagen

Sie ist gegen Konformität, Lehrpläne, RTL 2, Gefühllosigkeit und blinden Konsum – und sie sagt es frei heraus. Sarah Lesch ist in ihrer unverblümten Art mit ungehobelter Wortwahl und gesundem Selbstbewusstsein so authentisch wie nur irgend möglich.

Bewaffnet mit Gitarre oder Ukulele singt die bereits mehrfach ausgezeichnete Liedermacherin, wonach ihr der Sinn steht. Ab und an lässt sie sich auch von Männern begleiten, zum Beispiel am Schlagzeug, die Hauptperson bleibt sie aber auch bei solchen Gelegenheiten unangefochten.
Bei ihren oft Chanson-ähnlichen Liedern lässt Lesch eine angenehme, klare Singstimme hören, meistens schwingt jedoch auch ein frecher Unterton mit oder man bemerkt einen despektierlichen Blick mit spöttisch zuckender Augenbraue, wenn es wieder um unsere allzu angepasste Gesellschaft geht.
Was der Musikerin ebefalls liegt, ist, die Stimmung einzufangen. Allein mit der Gitarre und einer Gesangsmelodie erreicht Lesch die Zuhörerschaft auf einer emotionalen Ebene, selbst wenn nicht auf den Text geachtet wird.

Fazit: Ausgemacht wird die Musik von Sarah Lesch von sehr pointierten Texten, mutigen Themen und passenden Melodien sowie Gitarrenbegleitungen. Auf ihre direkte Art werden die Einen mit Bewunderung reagieren, die Anderen mit Ablehnung, was der Künstlerin selbst aber vermutlich egal sein dürfte…

  • Meisterwerk: „Testament“
  • So klingt’s: Singer/Songwriter
  • Getextet: „Und denkt dran bevor ihr antwortet: Ihr seid auch nur verletzte Kinder | Am Ende gibt’s wieder ganz neue Symptome, und ihr wart die Erfinder | Und dann sagt ihnen wieder, wie es richtig geht: ‚Werd erwachsen‘ und ‚bist du naiv‘ | Predigt Formeln, lasst alles in Hefte schreiben | Die Götter lachen sich schief“ (Testament)
  • Umleitung: https://www.sarahlesch.de/