Live-Report: Bardentreffen 2017

Mit dem Titel "Musik-News" erscheinen an dieser Stelle von nun an mehr 
oder weniger regelmäßig Neuigkeiten über Bands, Alben, Tours und
andere Hintergrundgeschichten. Welche Musik-News sollten hier noch
unbedingt auftauchen? Schick gern eine Nachricht durch!

Auf dem Bardentreffen in Nürnberg spielen jedes Jahr Musiker aus aller Welt über die Stadt verteilt auf neun offiziellen Bühnen oder als Straßenmusikanten. Das diesjährige Festival fand vom 28.-30. Juli statt, der Eintritt war wie immer frei. Der Schwerpunkt lag auf internationaler Blasmusik und die neunzig Konzerte liefen deshalb unter dem Motto „Gegenwind“.

 

Fotos: © 2017 Katharina Köhler – alle Rechte vorbehalten

Links: https://bardentreffen.nuernberg.de/bardentreffen/das-festival/

Tim Vantol: Musiker mit Leib und Seele

„Er klingt ja, als wär‘ er besoffen!“ Dieser Ausruf war eine erste Reaktion auf das Lied „If We Go Down, We’ll Go Together“ von Tim Vantol, das unter seinen Fans längst zur Hymne geworden ist. Zwar ist davon auszugehen, dass der Sänger und Gitarrist zum Zeitpunkt der Aufnahme nüchtern gewesen ist, dennoch findet man die ein oder andere Eigenschaft, die angetrunkenen Menschen zugeschrieben wird, durchaus auch in Vantols Musik wieder (im positiven Sinne, versteht sich).

Der Niederländer spielt auf seinen drei veröffentlichten Alben vor allem Folk-Rock-Songs mit Anklängen aus dem Country. Dabei lebt seine Musik vom Unperfekten. Vantol braucht mit seiner charakteristischen, natürlichen Stimme keinen korrigierenden Computer; wenn mal ein Ton nicht auf den Kopf getroffen wird, macht ihn das nur umso authentischer. Denn es steckt so viel Emotion in seiner Stimme: Wenn Vantol singt, fühlt man die Überschwänglichkeit, den Mut, die Euphorie eines Menschen, der mitten im Leben steht. Die kratzig-raue Stimme, die so charakteristisch für ihn ist, lässt seine Freude an der Musik schnell auf alle Zuhörenden überschwappen. Diese positive Energie und seinen Idealismus was gesellschaftliche Themen anbelangt, macht er durch die Songs ebenso wie durch seine Konzerte damit möglichst vielen Menschen zugänglich.
Nachdem Tim Vantol 2014 bereits als Vorband des US-amerikanischen Folk-Sängers Chuck Ragan mit auf Tour war, ist er dieses Jahr auf seiner eigenen Deutschland-Tour unterwegs gewesen.

Fazit: Mit seiner Musik, die voll gepackt ist mit Ehrlichkeit und Spontanität, überzeugt Tim Vantol von Anfang an. Man wird gepackt von einer riesigen Lust auf Abenteuer und vor allem auf das Mitjohlen im Refrain. Reinhören wird dringend empfohlen!

Links: http://timvantol.com/music/
http://www1.wdr.de/fernsehen/rockpalast/bands/ueber-tim-vantol-100.html

Schuss aus der Hüfte

Wer Lust hat, mal wieder authentische Rockmusik zu hören, nichts außer Gitarre, Drums, Bass, Gesang, der ist bei Nico Vega an der richtigen Adresse.

Gegründet 2005 in Los Angeles hat die Band inzwischen mehrere EPs und zwei Alben herausgebracht, tourte als Vorband von Imagine Dragons durch die Welt und veröffentlichte das Lied „Beast“, das für das Computerspiel BioShock Infinite verwendet wurde.
Aja Volkman, Sängerin von Nico Vega und inzwischen auch solistisch unterwegs, beschreibt die Musik der Band gegenüber b-sides on air in einem Interview 2013 als „Schuss aus der Hüfte“, sie würden immer die Musik machen, die ihnen gerade durch den Kopf geht.
So kommt es, dass sich neben den durch und durch rockigen Songs auf den Aufnahmen auch immer wieder Titel finden, die in eine ganz andere Richtung gehen. Das aktuelle Album Lead To Light ist zum Beispiel schon etwas näher am Pop als das erste. Mit „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“, im Original von Cher, wagt sich die Band auf schwieriges Gebiet, schließlich stammt die wohl bekannteste Cover-Version von Nancy Sinatra. Doch auch hier überrascht die Gruppe: die bedrohliche Stimmung wird immer mehr gesteigert, bis es den HörerInnen schließlich kalt den Rücken herunterläuft.

Fazit: Nico Vega haben ein großes Spektrum auf Lager: an erster Stelle steht unangefochten der Rock, aber die Band traut sich auch auf weniger ausgetretene Pfade, spielt alternative und auch mal schwer einzuordnende Musik.

Links: http://b-sides.tv/interviews/20130522-interview-nico-vega-talks-the-new-album-and-touring-with-imagine-dragons

Entspannen mit der versteinerten Gemeinschaft

Einen verregneten Nachmittag sollte man am besten auf einem bequemen Sofa mit einer Tasse Tee, einem guten Buch und dem Album Tell Where I Lie von Fossil Collective (= versteinerte bzw. fossile Gemeinschaft) verbringen.

Durch das gut abgestimmte Zusammspiel der Begleitinstrumente, das unaufdringliche Schlagzeug und den Verzicht auf allzu großen Spannungsaufbau entwickelt sich beim Hören schnell eine gewisse Tiefenentspanntheit. Die fließenden, oft noch lange ausklingenden Lieder mit ihren mehrstimmigen Passagen im Gesang nehmen spürbar die Hektik aus dem Alltag und sorgen für ein leichtes Zuhören.
Der Sänger überzeugt mit seiner sanften, klaren Stimme, die trotz eher hoch angesiedelten Melodien nicht zu sehr dominiert, sondern für einen angenehmen Klang sorgt. Die Akustikgitarre, die den wichtigsten Part der Instrumentation übernimmt, besticht währenddessen mit zur Melodie passender Einfachheit und beschränkt sich im Regelfall auf ein durchgehendes Schlag- oder Zupfmuster bei der Akkordbegleitung.
Auch andere Instrumente wie beispielsweise eine E-Gitarre treten ab und an auf und verleihen den ruhigen Melodien mit charakteristischen Intros oder Zwischeneinlagen einen besonderen Charme.

Fazit: Fossil Collective schaffen es jedes Mal aufs Neue, eine einzigartige Gelassenheit in ihrer Musik zu transportieren, indem die Musiker Instrumente wie Gesang gleichermaßen bescheiden wie pointiert einsetzen und den Fokus auf einen intensiven Gesamtklang statt auf Soloeinlagen oder einzelne Melodieführung legen.

Fossil Collective auf Soundcloud: https://soundcloud.com/fossilcollective

Der Zauber bleibt scheu, nur dem Staunenden treu

Ein nuschelnder Singer/Songwriter mit Gitarre und Mundharmonika – der Vergleich mit Bob Dylan ließ naturgemäß nicht lange auf sich warten.

Max Prosa singt auf inzwischen drei im Folk beheimateten Alben über Liebe und Leben und schreckt auch vor politischen Texten nicht zurück. Während Prosa mit Die Phantasie wird siegen ein sehr breit aufgestelltes Debutalbum gelungen ist, sind auf dem zweiten Album Rangoon eher schwermütig-aufgewühlte aber auch sehr melodiöse Titel und mit Hallelujah eine Übertragung des Cohen-Klassikers ins Deutsche zu hören.
Dieses Jahr erschienen ist Keiner kämpft für mehr, das schon eher in Richtung Pop zu verorten ist. Die Stimme des jungen Künstlers klingt dort noch einmal deutlich selbstbewusster, die Klänge sind massiver und etwas experimenteller, die Texte nicht mehr so verträumt.
Mit „Chaossohn“, einem Track mit deutlich gesellschafts- und kapitalismuskritischen Anklängen aus Rangoon, gibt Prosa uns zum Schluss einen schönen Satz mit auf den Weg, den ein jeder sich ab und zu einmal durch den Kopf gehen lassen sollte: „Doch der Zauber bleibt scheu, nur dem Staunenden treu.“

Fazit: Max Prosa gelingt es, mit ausagekräftiger Musik und sensiblen Texten lebhafte Gefühle freizusetzen. Die drei bisher erschienenen Alben sind insgesamt recht unterschiedlich, aber alle auf ihre Art mehr als hörenswert.

Waschechter Blues aus München

Würde man Jesper Munk beim Singen nicht sehen, man würde meinen, diese Stimme gehöre einem über fünfzig jährigen Amerikaner, der sein Leben vornehmlich mit Rauchen und dem Trinken von Whisky verbracht haben. Stattdessen rockt und bluest dort auf der Bühne ein blonder, blauäugiger, deutsch-dänischer Mitte-zwanzig-Jähriger aus München.

Unterstützt von Schlagzeug und Bass spielt Munk virtuose Gitarrensoli und zarte Klavierakkorde. Gleichzeitig singt er mit solch einer kratzigen, von Gefühlen strotzenden Stimme, dass einem die Haare zu Berge stehen.
Schon zu Schulzeiten entdeckte Munk seine Liebe zum Blues, das erste Album For In My Way It Lies entstand nach dem Abi, damals noch mit väterlicher Unterstützung am Bass. Inzwischen ist mit Claim ein großartiges Nachfolgewerk entstanden. Aufgenommen wurde dieses Mal unter anderem mit renommierten Größen aus dem Business in den USA.
Lieder wie „Guilty“, „I Love You“ oder „Morning Coffee“ bestechen mit ihrem ruhigen Klangteppich, der den Gesang unangefochten im Vordergrund stehen lässt. „Hungry For Love“ oder „Smalltalk Gentlemen“ gehen dafür mit einprägsamen Gitarrenriffs und mehr Schlagzeug eher in Richtung Rock. Beides liegt Munk und Band hörbar.

Fazit: Jesper Munk verfügt über großes musikalisches Talent und eine einzigartige Stimme. Herausgekommen sind dabei zwei ausgezeichnete Alben mit einer hohen musikalischen und textlichen Variabilität.

Links: http://www.br.de/puls/musik/bands/jesper-munk-band-der-woche-100.html

Eine Rose wird plötzlich geisteskrank

A ghost by any other name
She’s just a frozen satellite
She’ll close her mouth and kiss with her eyes
A rose just goes insane
She spoke soft prose in Catalan
But goes further south when she speaks her mind

Die erste Strophe des Liedes mit dem gleichsam mysteriösen wie gruseligen Namen „Extreme Wealth and Casual Cruelty“ hinterlässt schon einen recht passenden ersten Eindruck für das Album Multi-Love des geheimnisvollen Unknown Mortal Orchestra.
Grob einordnen lässt sich die Musik vermutlich im Psychedelic Rock, obwohl der Rock zumeist einer Art bedrohlichen Gelassenheit weichen muss, die über allem schwebt. Insgesamt liegt ein wunderbares Zusammenspiel von musikalisch hervorgerufener Atmosphäre (zum Beispiel durch unverhoffte Saxophoneinlagen) und zwar vagen, aber ebenso faszinierenden Texten vor.
Denn die Beschäftigung mit den Lyrics sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Wo sonst findet man Zeilen wie „She made me buy her a chamaleon with each eye on a different sun“, „Nobody can get a tan in the moonlight“ oder „Einstein’s brain is kept at Princeton University. Please don’t ask it questions“?
Verzapft hat das Ganze der US-Amerikaner Ruban Nielson, der in seinem privaten Keller ein bisschen vor sich hin probiert hatte und wobei der Titel „Ffunny Ffrends“ herausgekommen ist. Nach plötzlichem Erfolg des Songs enstanden drei weitere Alben unter dem Pseudonym des Unknown Mortal Orchestra und auch eine gleichnamige Formation für Liveauftritte hat sich gebildet.

Fazit: Wie das so ist mit psychedelischer Musik, muss man für das UMO in der passenden Stimmung sein. Dann aber bekommt man die volle Bandbreite außergewöhnlicher Klänge und Texte, in denen man sich seinen eigenen düsteren Gedanken hingeben kann.

Links: http://www.laut.de/Unknown-Mortal-Orchestra

 

HipHop zum Grübeln

Talk Show-Interessierten sind The Roots vielleicht als Hausband von Late Night-Ikone Jimmy Fallon aus den Staaten ein Begriff. Ihre Arbeit außerhalb der Show kennen vor allem hierzulande eher wenige.

Über markanten Riffs und soften Beats rappen die HipHoper in ihrem Album Undun, das als eines der wenigen Konzeptalben der heutigen Zeit gelten dürfte, über den Weg eines Jugendlichen in die Kriminalität. Der Clou an der Sache: die Geschichte läuft rückwärts. Begonnen wird mit mit dem frühen Tod der Hauptperson, die Hintergründe ergeben sich erst im Laufe des Albums.
Trotz der vulgären Sprache der amerikanischen Rapper finden sich gleich mehrere Instrumentalstücke unter den Titeln. Die sorgen dafür, dass einem die Atmosphäre und die einzelnen Gefühlswogen, die durch die Texte hervorgerufen werden, noch einmal deutlich näher gehen. Mithilfe von teils recht bizarren Klängen, Streicherpassagen, weichen und melancholisch anmutenden Akkorden im Klavier und dem Wechsel von einer ungekannten Einfachheit zu komplexen Rhythmen gelingt es der Band, einen das Gefühlschaos und die Dunkelheit spüren zu lassen, in die der Protagonist gestürzt ist.

Fazit: Die ursprünglichen Einflüsse aus Soul und Jazz sind in der typisch coolen „laid-back“-Stimmung der Musik und den erstaunlich spannungsgeladenen Akkorden immer noch spürbar. Die Musik wirkt authentisch und obwohl sich am Rap nicht selten die Geister scheiden: dass die Mitglieder der Truppe, allen voran Drummer „Questlove“, musikalisch einiges auf dem Kasten haben, wird wohl kaum einer bestreiten können.

Links: http://www.bbc.co.uk/music/reviews/5n9p/

Kommt Beyoncé in den Saloon…

Songs von Adele, Beyoncé und Kanye West passen nicht zu Country-Musik? Falsch gedacht! The Pigs covern die weltbekannten Lieder, als wären sie von Anfang an für den Bluegrass geschrieben worden. Stilecht mit dem „Yee-haw“ des Wilden Westen und countrytypischer Instrumentation geht so manches Cowboyherz auf.

Und trotzdem: man muss kein Fan von diesem Genre sein, um die Pigs toll zu finden. Die sympathische Art der country-verliebten Australier, die lockeren Sprüche auf den Livekonzerten, die witzigen Texte aus eigener Feder (Hey Christina), das Outfit (bestehend aus schlichten blauen Tanktops, Cowboyhut und nackten Füßen), die Übertragung bekannter Popmotive auf Banjo und Westerngitarre, der vielseitige Umgang mit einer vielleicht verkannten Musikrichtung… all das sind Gründe, warum die Jungs gehört werden sollten.

Fazit: Die Pigs haben eine bute Farbenpalette voller guter Laune im Gepäck, die keinen Zuhörer ohne Kleckse nach Hause gehen lassen wird.

  • Meisterwerk: „Single Ladies“ – Beyoncé
  • Getextet: „Hope you loose your car at IKEA | hope you never find a comfortable bra | Hope you get bad feedback on ebay today“ (Hey Christina)
  • So klingt’s: witziger Bluegrass und Country

Der Sound eines Reisenden

Indie Rock trifft auf Folk, traditionelle Klänge aus dem Balkan auf chanson-ähnliche Passagen, unterstützt wird alles von Blechbläsern und Sänger Zach Condons einzigartigen Melodiefolgen. Kurz gesagt: Die Musik von Beirut ist schwer zu beschreiben.

Ähnlich schwer einzuordnen wie das Genre sind die Texte aus Condons Feder. Poetisch und gut ausgedrückt wie sie sind, lassen sie doch nicht selten nur schwer erahnen, welche Aussage sie uns mit auf den Weg geben sollen. Zu dieser entstehenden Verwirrung tragen außerdem die oftmals ausgesprochen skurrilen Musikvideos bei. So sieht man im Hintergrund von No No No einen Herrn auf einer Leiter die Wand hinter der Band streichen, der Pianist bewegt die Finger statt auf einem Klavier auf einem Küchenrost und ein älterer Mann zieht dem davon völlig unbeeindruckten Condon von hinten eine Flasche aus Zuckerglas über den Kopf. Zum Schluss erscheinen verschiedene Hände im Bild, die den in der Luft schwebenden Musikinstrumenten applaudieren. Nichtsdestotrotz zieht es das Publikum augenblicklich in diese abstrakte Welt mit hinein, denn gut gemacht sind die Videos allemal.

Die Titel der einzelnen Songs lassen auf weitgereiste Menschen schließen: Von Prenzlauerberg, Rhineland und Postcards from Italy auf dem ersten Album The Gulag Orkestar geht es nach Nantes, East Harlem, Brazil und Gibraltar bis ins August Holland und La Banlieue (die französische, meist von Armut geprägte Vorstadt), um nur einige Beispiele zu nennen. Und der Schein trügt nicht: Gründer Zach Condon, sechzehnjähriger high school dropout, also Schulabgänger ohne Abschluss, verließ das heimatliche New Mexico, um auf Europareise zu gehen (Stationen unter anderem: Paris, Amsterdam und natürlich Osteuropa). Die klangliche Vielfalt, die sich dem jungen Musiker während dieser Zeit aufgetan hat, muss er unaufhaltsam in sich aufgesogen haben. Nur deshalb kann die Zuhörerschaft seiner Alben sich ganz der musikalischen Diversität und Vielschichtigkeit hingeben, die Condon und seine Band in ihren Werken vereinen.

Fazit: Beiruts musikalischer Stil eignet sich zwar besonders am Anfang nicht unbedingt zum Mitsingen, gehört aber mit ihrer Mischung aus Melancholie und Guter-Laune-Musik plus der zum Teil einzigartigen Instrumentation und des herausragenden Talents Zach Condons bestimmt in jedes gut sortierte CD-Regal.

Links: https://detektor.fm/musik/album-der-woche-beirut-the-rip-tide