Cressy Jaw: Trio mit Biss

Ein bisschen Weltverbesserertum bekäme uns wohl allen gut in diesen Tagen. Schon in den Startlöchern für diese bessere Welt stehen drei musikbegeisterte Gießener Jungs. Wer also gleich heute loslegt, um die Probleme unserer Gesellschaft anzugehen, der bekommt von Cressy Jaw den passenden Soundtrack dazu.

Gegründet 2009 von drei Brüdern, hat die Band inzwischen einiges vorzuweisen: zwei EPs und mehrere selbstgebrannte Demos, Touren durch Deutschland, die Niederlande, Ungarn und Polen, ein Album. Nach einem Besetzungswechsel besteht das Trio seit 2014 unverändert aus Alex (Lead-Gesang, Gitarre), Basti (Gesang, Bass) und Arne (Schlagzeug).
In ihren Texten verarbeiten Cressy Jaw unter anderem ihre Gedanken zu Klimawandel, Kriegen und der Verlagerung nach rechts, die sie in Europa beobachten. Auch Kapitalismuskritik findet einen Platz in ihren Songs. Doch Cressy Jaw machen nicht nur den Mund auf, sondern packen auch selbst mit an: Konzerte für Amnesty International, Viva Con Agua und eine ganze Reihe anderer Bündnisse haben sie schon gespielt und bei ihren aktuellen Gigs unterstützen sie eine Petition von Oxfam. Passend zu den Texten verzichtet die Band auch in den musikalischen Strukturen auf simple Popkadenzen, dafür gibt’s ein bisschen Dramatik, anklagende Töne, vielleicht eine Spur Schwermut aber genauso aufbauende Beats und Basslines und Gitarrenriffs, die im Ohr bleiben. Dass die Jungs beim Schreiben ihrer Musik schon Bock auf die energiegeladene, laute Show haben, hört man schon auf den Aufnahmen.

Fazit: Cressy Jaw ist eine Band, die für ihre Überzeugungen einsteht und die es sich zum Ziel gesetzt hat, durch die Musik und auch darüber hinaus Aufmerksamkeit auf kritische Themen zu lenken.

The Quiet American: ein harmonierendes Paar

Nicole und Aaron Keim sind ein Ehepaar, das gemeinsam Musik lebt. Als Duo The Quiet American warten sie mit einem Folk-Country-Mix auf, der Spaß macht und aus dem große musikalische Leidenschaft spricht.

Angefangen haben beide ihren Weg durch ein Studium der Musikpädagogik in den Staaten. Nicole Keim war außerdem als Sängerin unterwegs, hat Musik unterrichtet und Gesangs- und Ukulelestunden gegeben. Aaron gibt auf seinem YouTube-Kanal ebenfalls Tipps für Neulinge an der Ukulele und ist Instrumentenbauer für Mya-Moe ukuleles. Gemeinsam hat das Paar bereits einige Lehrbücher entwickelt und veröffentlicht und als The Quiet American mehrere Alben aufgenommen.
Auf YouTube veröffentlichen die beiden regelmäßig Videos, in denen sie Titel aus ihren Songbooks vorspielen oder sich von anderen Musikern unterstützen lassen. Genretypisch liegen die beiden Schwerpunkte des Duos zum einen auf Saiteninstrumenten wie Banjo, verschiedenen Gitarren und natürlich der Ukulele sowie auf dem zweistimmigen Gesang des Ehepaares.

Fazit: Nicole und Aaron Keim scheinen im Musizieren und der pädagogischen Arbeit ihre gemeinsamen Leidenschaften gefunden zu haben. Dementsprechend gut harmonieren die beiden sowohl musikalisch als auch vom Auftreten her.

Me + Marie: ein Duo, das seinesgleichen sucht

Eigentlich sind sie zwei Gegenpole: Maria Moling, eigentlich Teil der Gruppe Ganes, klare Stimme, harmonisch, verträumt. Auf der anderen Seite Roland Vögtli, musikalische Erfahrung vor allem aus Rockbands, eine Stimme wie von Wind und Wetter gebeutelt, Powerchords, Soli mit Overdrive. Trotz allem passt das Ganze wie die Faust aufs Auge.

Kennengelernt haben sich die beiden Musiker bei einem Radiosender, die ersten Projekte entstanden, sie schrieben Songs zusammen, bis es nach drei Jahren reichte, daraus eine Platte zu machen. Me + Marie war geboren.
Zehn Titel gibt es auf One Eyed Love zu hören. Die studierte Schlagzeugerin Moling liefert den Beat, ihr Kollege Vögtli übernimmt die Gitarre, gesungen wird zweistimmig. Was daraus entstanden ist, ist eine starke Mischung aus Rückbesinnung auf das Wesentliche, Tiefgang und auch einer kleinen Portion Dramatik.

Fazit: Me + Marie machen Musik für coole Socken: lässig-unimpressed aber überzeugt und selbstbewusst, wo es drauf ankommt.

Swirlpool: Dream Pop frisch aus der Plattenpresse

Wer auf der Suche nach starker alternativer Musik ist, ist bei Swirlpool richtig. Mit viel Gitarre und Drums fabriziert die Gruppe schön austarierte und variantenreiche Titel.

Nach ihrer Gründung im Jahre 2016 hat die Regensburger Band mit „Camomile“ und „Tired Eyes“ bereits zwei Singles herausgebracht. Die Debut-EP heißt ebenfalls Camomile und ist seit dem 25. Mai als Download, CD oder für Tape-Liebhaber auf Kassette erhältlich. Stilistisch macht die Gruppe feinsten Shoegaze und Dream Pop.
Die Mitglieder von Swirlpool toben sich auf ihrer Platte richtig aus. Sie spielen mit Hall, starken Betonungen und plötzlicher Entschleunigung und lassen den Gesang über einem sonst vollen Klangteppich schweben. Dieser Teppich artet dennoch nicht in einen undurchdringlichen Klangbrei aus, wie man es manchmal aus dem Genre kennt. Stattdessen nutzen Swirlpool die unterschiedlichen Möglichkeiten, die ihnen die Instrumente bieten, für ihre Zwecke und lassen alle gebührend zu Wort kommen. Die vier Titel sind abwechslungsreich und die beiden zusätzlichen Remixe zweier Songs eröffnen den Hörern außerdem noch einmal eine neue Ebene.

Fazit: Swirlpool haben schon mit ihrer ersten zusammenhängenden Veröffentlichung ihren eigenen Klang etabliert. Man darf gespannt sein, was noch kommt.

Catfish and the Bottlemen: abwechslungsreicher Indie Rock

Mit dem etwas ungewöhnlichen Namen Catfish and the Bottlemen machen vier junge Musiker aus Wales vielversprechende Indie-Musik.

In ihrer Heimat Großbritannien sind sie schon recht bekannt und auch in den USA haben sie sich bereits einen Namen gemacht, in Deutschland dagegen sind Catfish and the Bottlemen bisher noch eher Wenigen ein Begriff. Dabei besteht die Gruppe um Sänger Van McCann schon ein paar Jahre. Das erste Album The Balcony erschien 2014, zwei Jahre später knüpften sie mit The Ride an den Erfolg der ersten Veröffentlichung an.
Die vier Musiker haben einige schön kräftige Rocksongs im Repertoire, die trotz viel Klang und Schlagzeug glücklicherweise nicht überladen wirken, sondern vor allem dank der verschiedenen Begleitmuster in der Gitarre spannend und einzigartig bleiben. Bei Songs wie „Hourglass“ verstecken sie ihre rockigen Wurzeln dagegen ein wenig und trauen sich an eine etwas ruhigere Stimmung. Beide Seiten von Catfish and the Bottlemen sind lohnenswert und bleiben im Ohr. Der Schauspieler aus dem Musikvideo zu „Hourglass“ dürfte übrigens dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Tatsächlich handelt es sich um Ewan McGregor, bekannt für seine Rolle als Obi Wan Kenobi aus den Star-Wars-Filmen. McGregor wurde auf Catfish and the Bottlemen aufmerksam, als die Band mit einem Schlagzeug auf Tour war, auf dessen Bass Drum McGregors Gesicht abgebildet war. Da der Schauspieler auch selbst immer wieder als Sänger zu hören ist, enstand für „Hourglass“ eine (sehr gelungene!) Kooperation.

Fazit: Dank abwechslungsreicher Techniken und Spiel mit verschiedenen Richtungen insgesamt tolle Songs.

Lauren Napier: Acoustic-Folk voller Gefühl

Eine junge Musikerin, die mit Leidenschaft dabei ist, gute Texte hervorzaubert und eine bestechende Stimme besitzt: Lauren Napier ist eine besondere Künstlerin.

Lauren Napier ist schon viel rumgekommen. Einerseits geographisch gesprochen, schließlich hat sie bereits in verschiedensten Ländern auf dem Globus gelebt. Aber auch beruflich war sie schon gut unterwegs. Neben ihrem Musikerdasein hat Napier einige kreative Berufe ausprobiert: So hat sie bereits als Musikjournalistin für verschiedene Magazine gearbeitet, Tourmanagerin war sie schon und als Schriftstellerin gibt es auch das ein oder andere Buch von ihr zu kaufen.
In ihren Songs schwingt meist eine gewisse Melancholie, manchmal sogar echte Tragik mit. Mit der schlichten Gitarrenbegleitung ist dabei trotz der klagenden Stimme eine außerordentliche Sanftheit zu hören.

Fazit: Lauren Napiers akustische Titel berühren einen schnell durch deren oft minimalistische Besetzung und die melancholischen Melodien.

  • Meisterwerk: „There’s No Honour Among Thieves“
  • Meilensteine:
    2015 Void of Course EP
    2017 Bedroom Recordings
  • Getextet: „Sure the standards are high but what do you value?“ (There’s No Honour Among Thieves)
  • Umleitung: http://www.punkrockdoll.com

 

Eels and Escalators: Alternative-Rocker mit Feeling für Stimmung

Eine junge Band aus Bochum, im Gepäck schöne Gitarrenmotive, lässig-cooler Gesang und spannende Texte. Ihr Name Eels and Escalators ist dabei kein Produkt ihrer Suche nach der perfekten Alliteration, sondern aus einer amerikanischen Kinderserie „geklaut“.

Gegründet im Jahr 2014 von zwei Schulfreunden, haben sich Eels and Escalators direkt ans Songwriting und Komponieren gemacht und im Jahr darauf auch schon gleich mit Figures of Rain ihr Debut-Album hingelegt. Nach einem Wechsel innerhalb der Band steht seit Ende 2016 die aktuelle Besetzung. Die beiden Sänger und Gitarristen Tyrone Nalenz und Jannik Keindorf kümmern sich um die Texte, gemeinsam mit Bassist Dario Nachtigal und Leon Völkel an den Drums entsteht die Musik dazu.
Vor einem Monat haben die Jungs schließlich eine EP als Nachfolgewerk veröffentlicht. Darauf finden sich die beiden Songs „Heat Devil“ und „Deep Beneath The Sea“, zwei gute Beispiele für den charakteristischen Klang der Band. Los geht es mit einem verspielten Gitarrenintro, das als Thema auch im restlichen Stück zu hören ist, und spärlichem Bass. Zu dieser leicht schwebenden Atmosphäre kommt der ausdrucksstarke Gesang dazu. Mit Einsatz des Schlagzeugs und etwas mutigeren Gitarrenbackings baut sich das Ganze immer weiter auf, man hört die rockigen Wurzeln und plötzlich ist der volle Klang da. Die mal sanft-verträumte, mal draufgängerische Grundstimmung, die die Saiteninstrumente vorgeben, wird von Schlagzeuger Leon Völkel gut adaptiert und mit den passenden Beats unterlegt.

Fazit: Eels and Escalators sind dank harmonischer Melodien schön anzuhören, klingen dabei unaufgeregt und relaxed und sorgen trotzdem für Drive in ihrer Musik.

The Staves: Folk-Pop, der unter die Haut geht

Drei tolle Stimmen, dezentes Gitarrenzupfen, schöne Harmonien. Die jungen Frauen von The Staves wissen, wie man Atmosphäre einsetzt.

Dass Geschwister in einer musikalischen Familie auch mal gemeinsam musizieren, kommt sicher nicht selten vor. Dass aber drei Schwestern gemeinsam eine Band gründen, Alben produzieren und durchstarten, ist da schon seltener. Emily, Jessica und Camilla Staveley-Taylor haben genau das gemacht.
Durch den dreistimmigen Satz erlangen sie trotz der klaren, makellosen Stimmen eine vielfältige Farbigkeit in ihren Liedern. „Mexico“ ist so ein Titel: schön harmonisch, träumerisch, ein bisschen mystisch. Auch an die Titel von den ganz Großen haben sie sich schon herangewagt. In ihrem Cover von Bruce Springsteens „I’m On Fire“ haben sie die Stimmung schön eingefangen, drücken ihm aber auch ihren eigenen Stempel auf, trauen sich, die Töne mal ein bisschen anzuschleifen, setzen ihre Mehrstimmigkeit gekonnt und nicht zu aufdringlich ein.

Fazit: The Staves ist eine Band für diejenigen, die einfach gern schöne Musik hören. Unaufgeregt aber mit Liebe zum Detail, fragile Sounds aber selbstbewusste Einzelstimmen.

Chuck Ragan: rastlos schöne Folk-Songs

Der Singer-Songwriter Chuck Ragan klingt nicht selten wie ein verzweifelter, einsamer Wolf. Und doch hat sein Gesang auch etwas von Halt und Sicherheit, vielleicht ein bisschen so, wie ein fester Felsen im Meer den hohen Wellen trotzt.

Angefangen hat Ragan in den 90ern mit der Gründung der Band Hot Water Music. Für die war nach mehreren Alben schließlich Schluss: Im Jahr 2005 wurde die Auflösung beschlossen. Glücklicherweise war Ragans Musikeraufbahn damit nicht beendet, sondern fing mit seinen Soloprojekten erst richtig an. Neue musikalische Heimat wurde eine Folk-Country-Mischung, zu der seine kratzig-kantige Stimme hervorragend passt.
Mit viel Gitarre und Mundharmonika gelingen Ragan melancholische und gefühlvolle Titel bei denen man als ZuhörerIn schnell das Bild einer weiten Landschaft, oder vielleicht die vergebliche Suche nach einem Zuhause im Kopf hat. Das Lied „The Flame In The Flood“ – ebenfalls Namensgeber für das neueste Album – ist so eins: Da hört man raue Natur, Angst, Verzweiflung aber auch Hoffnung und Freiheit. Gleichermaßen schön sind außerdem reine Akustiktitel wie „In The Eddy“ vom selben Album, in denen Ragan ganz auf den Gesang verzichtet; und das klappt gut, obwohl man die charakteristische Stimme Ragans natürlich schnell als eigentliches Aushängeschlid ausmacht.

Fazit: Chuck Ragans Musik löst nicht selten einen Gefühlsmischmasch aus. Schöne Melodien für Träumereien, Moll-Tonarten und eine intensive Stimme für die herzzerreißenden Momente, statische Basstöne und Ausdrucksstärke für die Zuversicht.

  • O-Ton: „Chuck Ragan (…) besitzt ein Organ, das stets nach einer durchzechten Nacht klingt.“ – laut.de
  • Meisterwerk: „The Flame In The Flood“
  • Meilensteine:
    2005 Beginn Solokarriere nach Auflösung von Hot Water Music
    2007 Feast Or Famine
    2009 Cold Country
    2011 Covering Ground
    2014 Till Midnight
    2016 The Flame In The Flood
  • So klingt’s: viel Folk-Rock, bisschen Country
  • Getextet: „Keep my eyes opened | Keep my ears sharpened | There’s nothing to fear but fear itself“ (The Flame In The Flood)
  • Umleitung: http://www.laut.de/Chuck-Ragan

The Big Moon: Lässig an der E-Gitarre

Kein Hardrock zwar, aber doch alles andere als „Softie-Pop“. The Big Moon, das ist ein preisgekröntes britisches Indie-Quartett, das schon mit Ezra Furmann und The Vaccines auf der Bühne stand und bei der BBC zu sehen war.

Sängerin Jules Jackson schreibt schon seit Ewigkeiten Songs. Seit sie in Soph Nathan (Gitarre), Celia Archer (Bass) und Fern Ford (Schlagzeug) die passenden Unterstützerinnen gefunden hat, sind daraus die EP The Road und im vergangenen Jahr schließlich das Debut Love In The 4th Dimension entstanden.
In einem Interview mit dem britischen Musikmagazin DIY erzählt Frontwoman Jackson von der Single „Formidable“, einem Song über die Wichtigkeit, einem vom Schicksal getroffenen Menschen beizustehen. Und wie stellt sie sich die vierte Dimension nun vor? „It’s about 3 miles above the surface of the earth (…) Everything up there is kind of square, and half plasticine, half CGI graphics. It looks weird. If you make a paper aeroplane, and throw it, it goes backwards instead of forward. It’s that kind of place.“1 Aha. Jetzt wissen wir Bescheid.

Fazit: The Big Moon komponieren auf eine frisch unkonventionelle Art und heben sich dadurch von den typischen Poprock-Bands ab. Außerdem haben sie mit Jules Jackson eine Sängerin mit cooler Austrahlung und einer Stimme, die ausdrucksstark und selbstbewusst in angenehm mittlerer Lage zuhause ist.

1 http://diymag.com/2016/11/16/the-big-moon-love-in-the-4th-dimension-announce-interview-formidable (von El Hunt am 16.11.2016, letztes Abrufdatum: 19.2.2018, 20:13)