Alles ist alles: eine Reise auf dem Klangteppich

In ihrer Debut-EP Grundrauschen (erscheint am 10. April) schichten zwei Freunde aus elektronischen und analogen Sounds ein einzigartiges Klangerlebnis. Innerhalb eines Jahres haben die Jungs von alles ist alles dafür nicht nur Musik aufgenommen, sondern zu jedem der Tracks ein aufwändiges Musikvideo produziert.

Hinter alles ist alles stecken die Freunde Fabian Wolf und Edgar Thimm, die bereits seit ihrer Schulzeit in Hannover gemeinsam Musik machen. Gegründet wurde die Band schließlich 2013 in Berlin. Beide Künstler sind inzwischen Anfang dreißig und haben ihre EP Grundrauschen innerhalb eines Jahres in den zwei Großstädten entwickelt. Das Besondere: Alle kreativen Arbeitsschritte haben die Freunde selbst ausgeführt, von der Musikproduktion bis zum Videoschnitt. Die kurzen, selbstgedrehten Filme lassen einen noch tiefer in die Mantras der Lieder eintauchen und machen die EP zu einem Kurztrip in andere Sphären. Im Zweiwochentakt veröffentlichen die beiden seit gestern zu jedem der Tracks ein Video.
Alles beginnt mit einem Loop – jedenfalls bei der Band alles ist alles. Auf einen in Dauerschleife laufenden Klangteppich spielt das Duo mit vielen verschiedenen Instrumenten weitere Melodien. Es entsteht ein Mix, den die Band selbst als eine “Fusion aus organischen und digitalen Sounds” beschreibt. Neben zwei miteinander gekoppelten Laptops, Keyboard und Gitarren kommen bei alles ist alles auch Blechblasinstrumente zum Einsatz. Auf den sechs Tracks ihrer EP nutzen die Musiker diese Vielseitigkeit: jeder Song hat eine ganz eigene Machart und unterscheidet sich stark von den anderen.

Fazit: Fabian Wolf und Edgar Thimm hypnotisieren ihre Hörer durch viele Loops und abwechslungsreiche Melodien.

Autorin:

Carla Blecke für Musik unterm Radar

Katie Mahan im Interview: „Ich wusste mit vier, dass ich Pianistin werde“

Schon von weitem hört man das Klavier aus dem Übungsraum des Steinway & Sons in Berlin, wo die amerikanische Pianistin Katie Mahan ihr Interview gibt. Sechs Stunden übt sie am Tag, schon als Kind spielte sie erste Konzerte, gerade tourt sie mit dem Programm zu ihrer CD Classical Gershwin. In den letzten Jahren hat Katie Mahan unter anderem die Klavierwerke von Leonard Bernstein für die Deutsche Grammophon aufgenommen und ein Album mit Stücken von Debussy. Auf ihrer neuen CD spielt sie eigene Bearbeitungen von Klassikern wie „Fascinating Rhythm“, „I Got Rhythm“ oder „Rhapsody In Blue“. Auf ihrem Zwischenstopp in Berlin gab die Künstlerin Musik unterm Radar einen Einblick in ihre Arbeit.

Musik unterm Radar: Liebe Katie, lass uns über deine neue CD sprechen. Was macht die Musik von George Gershwin so besonders für dich, dass du ihm jetzt ein ganzes Album widmest?

Katie Mahan: Ich wusste, dass ich Pianistin werden wollte, seit ich mit vier in einem Konzert von Katia und Marielle Labèque saß. Die beiden haben an dem Abend auch Gershwin gespielt, so war seine Musik von Anfang an wichtig für mich. In Konzerten habe ich aber vor allem Debussy und die Wiener Klassiker gespielt. In Europa wurde ich dann oft gefragt, warum ich nicht mehr amerikanische Musik spiele, also habe ich bei Konzerten dann auch mal Gershwin gespielt. Inzwischen kann ich kaum ein Konzert ganz ohne Gershwin spielen, weil die Leute jetzt sagen: „Du kannst gern alles spielen, was du möchtest, aber am Ende bitte, bitte Gershwin!“

Würdest du sagen, dass du dich als Amerikanerin anders in Gershwins Musik wiederfindest, als jemand, der nicht aus den USA kommt?

Das kann sein. Die „Rhapsody In Blue“ zum Beispiel ist absolut New York: Man sieht die Lichter, „Glitz and Glamour“ und das Interkulturelle. Und auch die Entstehungsgeschichte muss man kennen: 1923 hat der Bandleader Paul Whiteman Gershwin gefragt, ob er für ein besonderes Konzert etwas komponieren würde. Gershwin sagte zu und hörte dann aber bis zum nächsten Jahr nichts mehr davon. Vier Wochen vor dem Konzert stand dann in der Zeitung, dass Gershwin ein Klavierkonzert komponiert hätte. Er hatte bis dahin noch nicht einmal damit angefangen und schrieb die ganze „Rhapsody In Blue“ auf einer Zugfahrt von New York nach Boston. Wenn man diese Geschichte kennt, hört man das alles: den Zug, die Menschenmassen von New York, das Verkehrschaos, die kleinen Straßen in Brooklyn. Beim Spielen sehe ich alles vor mir und ich möchte erreichen, dass mein Publikum es auch sehen kann. Deshalb freue ich mich auch, dass ich neben der CD auch ein Video dazu gemacht habe, das war schon länger ein Wunsch von mir.

George Gershwin hat vor etwa 100 Jahren gelebt. Seitdem hat sich viel getan. Inwiefern passen seine Kompositionen auch noch in das moderne Leben?

Die meisten Menschen haben diese Songs irgendwann schon einmal gehört. Stücke wie „I Got Rhythm“ und auch die „Rhapsody In Blue“ sind so bekannt, dass sie echte Jazz-Standards geworden sind. Und seine Musik macht die Leute einfach glücklich, glaube ich.

Die „Rhapsody In Blue“ ist ursprünglich ein Werk für Klavier und Orchester, auf deiner CD spielst du sie allein auf dem Klavier. Worauf muss man achten, wenn man ein so Werk für ein einziges Instrument bearbeitet? Wie gehst du beim Arrangieren vor?

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Tommy Tornado & The Clerks: jazziges Saxophon

So gut wie keinen Text findet man bei den Jazzern und Reggae-Guys von Tommy Tornado & The Clerks. Dafür gibt es jede Menge Feeling und feine Eigenkompositionen.

Tommy Tornado heißt eigentlich Thomas Streutgers, ist Jazz-Saxophonist und Komponist. Als er 1997 den „Big Boss Jazz Award“ gewann, war der Musiker sogar noch minderjährig. Seit 2014 spielt der Solist auch zusammen mit der Kölner Ska-Band The Clerks. Daraus ist dieses Jahr schließlich ein gemeinsames CD-Projekt geworden: Back On Track ist seit Anfang des Monats erhältlich.
Die Rhythmusgruppe aus reggaetypischem Schlagzeug, präsentem Bass und der Gitarre auf dem Offbeat haben den passenden Unterbau für das jazzige Saxophon von Tommy Tornado parat. Mit starker Brass-Besetzung aus Trompetern und Posaunisten und aber auch Einwürfen von anderen Instrumenten wie Klavier, Querflöte oder Hammond-Orgel werden die Titel trotz der mit wenigen Ausnahmen rein instrumentalen Arrangements zu einer bunten Mischung. Die Clerks beherrschen jeder für sich ihre Instrumente, steuern hin und wieder Zwischenspiele und Soli bei und haben ansonsten ein Händchen für softe Schwingung in ihrer Begleitung.

Fazit: Das weiche Saxophonspiel von Tommy Tornado ist präzise, gefühlvoll und in sich geschlossen. Trotzdem ist das Album keine One-Man-Show und Tommy Tornado fügt sich klanglich schön in den Rückhalt der Band ein.

Mischpoke: Klezmer High Life

Mal wieder innerer Drang nach Offbeat-Fingerschnipsen? Mischpoke aus Hamburg sorgt fürs Setting.

Mischpoke sind die vier Berufsmusikerinnen und -musiker Magdalena Abrams an Klarinette und Gesang, Cornelia Gottesleben an der Geige, Gitarrist Frank Naruga und Maria Rothfuchs am Kontrabass. Dazu kommen immer wieder auch Gäste an Klavier, Akkordeon oder Trompete. Die Band gibt es jetzt seit gut zwei Jahrzehnten, sie haben mehrere CDs aufgenommen und touren fleißig durch die Republik.
Ob mit Hochschul-Lehrauftrag, als Workshopleitung oder im Theater, die vier von Mischpoke verstehen ihr Handwerk – ihre Virtuosität kommt also nicht als Überraschung. Der Gesang wirkt trotz klassischer Klezmer-Melancholie leicht und beschwingt, Rhythmik und Drive kommt von der Gitarre, Cornelia Gottesleben ist beeindruckend präzise und schnell auf ihren vier Geigenseiten unterwegs, die verspielte Klarinette tänzelt geradezu über die musikalische Basis der anderen Instrumentalisten und seien wir mal ehrlich: Es geht doch nichts über einen warmen, gezupften Bass.

Fazit: Die Mitglieder von Mischpoke sind grandiose Musiker, bei denen sichtbar auch die Freude an der Musik nicht zu kurz kommt. Einen Heidenspaß macht es, den jüdischen Skalen zu lauschen und die flinken Finger der Musiker zu beobachten.

  • Meisterwerk: „Abi Gezunt“
  • Meilensteine:
    • 2007 Debut Klezmer High Life!
  • Umleitung:

Luc Stargazer: epischer Shoegaze

Das Rock-Quartett Luc Stargazer legt einen fetten Sound an den Tag.

Obwohl die Band sich bereits 2010 gegründet hatte, war sie bis vor kurzem abgesehen von einer EP recht zurückhaltend, was Studioaufnahmen angeht. Ende August kam dafür endlich ein komplettes Album auf den Markt. Und das Warten hat sich gelohnt: Lunascape ist eine starke Platte geworden.
Dass Luc Stargazer seit ihrer Gründung vor fast einem Jahrzehnt einiges an Banderfahrung sammeln konnten, spiegelt sich nämlich auch in Lunascape wieder. Das Album ist angenehm ausgereift, die Band wirkt selbstsicher und routiniert. Die Tracks klingen im Allgemeinen sphärisch, aber dennoch bodenständig und nicht überzogen. Wirklich Spaß machen die saftigen Rock-Riffs der Gitarre und das wuchtige Schlagzeug. Zusammen mit der intensiven Stimme des Sängers und dem gut dosierten Hall werden die Songs richtig episch. Sehr schön auch, wie diese aufgeladene Atmosphäre immer wieder von ruhigen, rein instrumentalen Interludes durchbrochen wird. Tracks wie „4 A.M.“ oder „Saturn“ holen die Hörerschaft wieder auf den Boden zurück, verbreiten Melancholie und scheinen eine ganz eigene geheime Geschichte zu erzählen.

Fazit: Zwei Pole in der Musik zu verbinden, ist keine leichte Sache. Luc Stargazer bringen es fertig, auf einen Song voller Power einen zweiten mit fast zerbrechlichen Tönen folgen zu lassen, ohne dass es unpassend klingt.


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Chuck Ragan: rastlos schöne Folk-Songs

Der Singer-Songwriter Chuck Ragan klingt nicht selten wie ein verzweifelter, einsamer Wolf. Und doch hat sein Gesang auch etwas von Halt und Sicherheit, vielleicht ein bisschen so, wie ein fester Felsen im Meer den hohen Wellen trotzt.

Angefangen hat Ragan in den 90ern mit der Gründung der Band Hot Water Music. Für die war nach mehreren Alben schließlich Schluss: Im Jahr 2005 wurde die Auflösung beschlossen. Glücklicherweise war Ragans Musikeraufbahn damit nicht beendet, sondern fing mit seinen Soloprojekten erst richtig an. Neue musikalische Heimat wurde eine Folk-Country-Mischung, zu der seine kratzig-kantige Stimme hervorragend passt.
Mit viel Gitarre und Mundharmonika gelingen Ragan melancholische und gefühlvolle Titel bei denen man als ZuhörerIn schnell das Bild einer weiten Landschaft, oder vielleicht die vergebliche Suche nach einem Zuhause im Kopf hat. Das Lied „The Flame In The Flood“ – ebenfalls Namensgeber für das neueste Album – ist so eins: Da hört man raue Natur, Angst, Verzweiflung aber auch Hoffnung und Freiheit. Gleichermaßen schön sind außerdem reine Akustiktitel wie „In The Eddy“ vom selben Album, in denen Ragan ganz auf den Gesang verzichtet; und das klappt gut, obwohl man die charakteristische Stimme Ragans natürlich schnell als eigentliches Aushängeschlid ausmacht.

Fazit: Chuck Ragans Musik löst nicht selten einen Gefühlsmischmasch aus. Schöne Melodien für Träumereien, Moll-Tonarten und eine intensive Stimme für die herzzerreißenden Momente, statische Basstöne und Ausdrucksstärke für die Zuversicht.

  • O-Ton: „Chuck Ragan (…) besitzt ein Organ, das stets nach einer durchzechten Nacht klingt.“ – laut.de
  • Meisterwerk: „The Flame In The Flood“
  • Meilensteine:
    2005 Beginn Solokarriere nach Auflösung von Hot Water Music
    2007 Feast Or Famine
    2009 Cold Country
    2011 Covering Ground
    2014 Till Midnight
    2016 The Flame In The Flood
  • So klingt’s: viel Folk-Rock, bisschen Country
  • Getextet: „Keep my eyes opened | Keep my ears sharpened | There’s nothing to fear but fear itself“ (The Flame In The Flood)
  • Umleitung: http://www.laut.de/Chuck-Ragan

City of the Sun: Mitreisende Akustik-Performance

Zwei Gitarren, ein Percussionist. Klingt erst einmal nach Fahrstuhlmusik. Dass diese Konstellation sehr viel mehr Potential hat, wenn man nur die richtigen Musiker an den Instrumenten sitzen hat, zeigen City of the Sun aus New York.

Das Trio hat bereits mehrere EPs und Alben auf den Markt gebracht, spielt immer wieder Live-Konzerte und war unter anderem schon mehrmals bei TEDx zu sehen.
Wer die drei jungen Männer beim Spielen beobachtet, wird von ihren Songs bald ähnlich mitgerissen wie wenn eine bekannte Rockband spielt. Man sieht ihnen sofort an, wieviel Herzblut in ihrer Musik steckt und dafür braucht es erstaunlicherweise keinen Sänger und keine Texte, die vom Publikum mitgesungen werden könnten.
Ausgemacht wird ihr Stil vor allem durch die vielen verschiedenen Genres, die die Band zusammen führt. Die Kompositionen von City of the Sun könnte man vereinfacht als Akustikpop bezeichnen, tatsächlich steckt aber deutlich mehr darin: man findet jazzige und bluesige Sounds genauso wie Indierock und Folk oder auch ganz exotisch klingende Skalen. iTunes macht es sich leicht und stuft die Band ganz einfach als „Alternative“ ein.

Fazit: Bei weitem nicht alle Bands beherrschen es, mit ihrer Musik so viel Stimmung, Spannung und Atmosphäre aufzubauen wie City of the Sun. Und das ganz ohne Texte.

Links: https://wearecityofthesun.com/

Mit der Jazz-Gitarre mal ohne Sting unterwegs

Eigentlich stellt dieser Künstler im Konzept von unterm Radar eine gewaltige Ausnahme dar. Er ist nämlich alles andere als unbekannt. Dominic Miller hat schon mit verschiedensten Größen zusammengearbeitet und ist seit zwei Jahrzehnten auch solistisch unterwegs, am besten kennt man ihn jedoch als Gitarristen des großartigen Musikers Sting. Mainstream allerdings ist Miller auf keinen Fall und so ist es wohl ein vertretbarer Tabubruch, hier über ihn zu schreiben. Soviel also als Vorwort.

Dominic Miller, in Argentinien geboren und in den USA und Großbritannien aufgewachsen, kam zwar erst mit 15 Jahren zur Gitarre, mit seinem Talent war das späte Einstiegsalter aber anscheinend kein Problem. Seit 1991 ist er an Stings Seite auf der Bühne zu sehen und ist für bekannte Gitarrenmelodien bei Klassikern wie dem fantastischen „Shape Of My Heart“ verantwortlich.
Abgesehen davon hat Miller inzwischen auch ein Dutzend Soloalben herausgebracht, auf denen er sich in verschiedenen Stilen ausprobiert. Dieses Jahr erschienen ist seine neueste CD Silent Light. Schon der Titel lässt einen aufhorchen und erzeugt so eine wunderbare Mischung aus Bekanntem und Rätselhaftem. Miller bewegt sich hier hauptsächlich im Jazz, teilweise auch im Latin und besticht mit gleichermaßen ruhigen wie virtuosen Kompositionen. Besonders ist an dieser Aufnahme, dass die einzelnen Tracks tatsächlich nur mit Miller an der Akustikgitarre und einem Percussionisten eingespielt wurden und so trotz der Komplexität einiger Melodien mit den vielen wiederkehrenden Bausteinen fast minimalistisch anmuten.

Fazit: Dominic Miller gehört zu den absoluten Großmeistern der heutigen Zeit. Silent Light beweist technische Fähigkeiten, musikalisches Einfühlvermögen und einen besonderen Sinn für einfache Schönheit.

Links: https://www.ndr.de/ndrkultur/Dominic-Miller-Silent-Light,audio326476.html