Jono McCleery: sanfte Akustik aus London

Der britische Sänger Jono McCleery war seine ersten vier Lebensjahre taub. Vielleicht erklärt das den filigranen und sanften Stil seiner Musik, einem Mix aus akustischen Gitarrentönen und verspielten Rhythmen. McCleerys warme Stimme, die etwas an Coldplay erinnert, vereint all das und verleitet dazu, ihm stundenlang zu lauschen. 

Nach seinen Alben Darkest Light (2008), Pagodes (2015), Seed of a Dandelion (2018) veröffentlichte der Londoner im November das Album Here I Am and There You Are. Der Titel ist eine Referenz zu einem Song des Jazzgitarristen Terry Callier. 
Im Song “Call me” beschreibt der Künstler in seiner gewohnt zarten Art die Sehnsucht einer Fernbeziehung. “I thought I was in flight, out where the planets are, moving between day and night, here I am there you are.” McCleery beweist auf seinem Album nicht nur ein feinsinniges Gefühl für Harmonien, sondern auch für Poesie, viele der Lyrics lesen sich wie ein Gedicht. In “Promise of Spring” etwa singt er: “So is there anything; you can find to stop me; from loving you. Soon I will have made my mind; and the dream that hangs between us; draws me to you.” 

Fazit: Here I Am and There You Are ist wie eine warme Decke, eine Flucht aus dem kalten und von Isolation geprägten Winter. Wer Künstler wie Ben Howard und Fink mag, sollte sich Jono McCleery unbedingt anhören. 

  • Meilensteine:
    • 2008 Darkest Light
    • 2015 Pagodes
    • 2018 Seed of a Dandelion
    • 2020 Here I Am and There You Are
  • Links:

Autorin:

Carla Blecke

Übrigens: Neben Musik unterm Radar schreibt Carla Blecke auch auf Goldwaage, dem ehrlichen Blog zur Frage, wie man das Jurastudium überlebt. Für alle Studierenden, Studieninteressierten und sonstigen Jura-Fans.

Apollo Apes: Pop-Rock aus Franken

Der Name Apollo Apes klingt etwas nach Affen auf Weltraummission – der Sound der Band ist zwar nicht ganz so spacig wie man jetzt vermuten könnte, allerdings sind die vier Rock- und Funk-Fans aus der Gegend um Coburg durchaus experimentierfreudig.

Ihr erstes Album haben Apollo Apes vor zwei Jahren veröffentlicht. Nach einiger Zeit der Funkstille wagen sich die vier jetzt in neue Gefilde: Poppiger soll es klingen und vom Aufnahmeprozess bis zum Musikvideo in Eigenregie entstehen. Zwei neue Singles hat die Band so jetzt schon auf Lager.
Funkig, rockig aber auch etwas psychedelisch-sphärisch sind Apollo Apes unterwegs. Ob mit lässigen Tiefen, Kopfstimme oder dezenten Backings probiert die Band auch gesanglich herum und überhaupt experimentieren die vier augenscheinlich gern mit musikalischen Überraschungen. Apollo Apes stellen vollem Instrumentensound plötzlich minimalistische Passagen gegenüber und neben charakteristischen, funkigen Basslines und Gitarrenakkorden kommen auch mal Drumcomputer oder Synthies zum Einsatz.

Fazit: Apollo Apes probieren sich aus und sehen Genrekategorien als Inspirationsquelle statt als Einschränkung.

Seasoul: softer Hauptstadt-Pop

Klassischer Singer/Songwriter-Charakter und Ausflüge in Richtung Pop – die Sängerin Seasoul probiert sich in verschiedenen musikalischen Ecken aus. Bestes Beispiel dafür ist die kommende EP.

In Berlin landet die Baden-Württembergerin Vanessa Sonnenfroh alias Seasoul ursprünglich für ihr Studium im Bereich der Musikproduktion. Ein erstes Album und weitere einzelne Veröffentlichungen folgen bald. Die nächste EP Moth soll Ende Dezember auf den Markt kommen.
Besonders auf früheren Aufnahmen hält Musikerin Seasoul die Begleitung oft noch recht minimalistisch, nur einzelne Klaviertöne oder Gitarrenakkorde stützen den Gesang. In der neuen EP wird der Klang etwas experimenteller. Von Produzent DRMMKR unterstützt, finden neue Ideen und Genres Einzug in Seasouls Musik. Wechselweise ist ihre Stimme dabei sanft-fragil oder kräftig und ausdrucksstark. Etwas mysteriöse Stimmung oder eine hin und wieder eingestreute vorsichtige Zweistimmigkeit verleihen den Songs Tiefe.

Fazit: Ob klare Kopftimme oder ein Sound, der mutig in die Vollen geht: Seasouls Stimme zündet mit Vielseitigkeit.

Sperling: spannende DIY-Band

Eine markante Stimme, viel Atmosphäre und ein eigenwilliger Sound: Wer Sperling das erste Mal hört, kriegt die Band möglicherweise so schnell nicht aus dem Kopf.

Die fünf Jungs von Sperling verstehen sich als Do-It-Yourself-Projekt. Nach ersten kleineren Veröffentlichungen in den letzten Jahren plant die Band nun für Anfang nächsten Jahres ein Album.
Ob melodisch oder mit rhythmischem Sprechgesang: Die raue Stimme des Sängers klingt, wie vom Leben gezeichnet und fügt sich wunderbar ein in die recht düstere Stimmung der Songs. Getragen wird der Stil der Band auch von einem warmen Cello-Sound – ein passender Gegenpol zur sonst typischen Rock-Besetzung. Auch textlich lassen sich die Songs eher in den dunkleren Spären verorten: Es geht um Depression, Ängste, Einsamkeit. Dennoch hört man gern zu und bleibt fasziniert vom musikalischen Stil der Band zurück.

Fazit: Sperling passen sicherlich eher in die nahende dunkle Jahreshälfte als in die Sommermonate. Die Musik ist mal aufgewühlt, mal sanft und meist liegt über allem ein spannendes Knistern in der Luft.

Red Ivy im Interview: „Ein absoluter Vorteil von Dörfern ist der Zusammenhalt.“

Seit der Schulzeit machen die fünf Mitglieder von Red Ivy aus der Nähe von Dortmund gemeinsam alternativen Pop-Rock mit dynamischen Schlagzeugrhythmen, pulsierenden Gitarrenklängen und kräftigem Gesang. Sowohl in ihrer Heimat als auch überregional hat sich die Band bereits durch Konzerte wie dem hessischen Open Flair Festival eine Fanbase erspielt. Wegen der aktuellen Pandemiesituation mussten die fünf sich nun das erste Mal bei den Proben umstellen, Pläne für neue Songs und Musikvideos gibt es aber trotzdem. Die Lead-Sängerin der Band, Hannah Wetter, hat uns im Interview erzählt, wie es ist, auf Dorffesten zu spielen, was die Coronakrise für die Band verändert hat und wie sich die Musik mit Arbeit und Studium unter einen Hut bringen lässt.

vier Männer und eine Frau farbig angestrahlt
© Red Ivy

Musik unterm Radar: Red Ivy gibt es nun schon fünf Jahre. Wie habt ihr euch eigentlich als Band gefunden?

Hannah Wetter: Wir waren damals alle auf der gleichen Schule in der Kleinstadt Werne und dann kam irgendwann der Tag, an dem ein Lehrer uns zusammengetrommelt hat und gesagt hat: „So, ihr gründet jetzt eine Band.“ Ich als Jüngste habe das Singen übernommen und seitdem haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren.

Mir als „Dorfkind“ brennt da natürlich direkt eine Frage unter den Fingernägeln: Wie habt ihr die Musikszene auf dem Land empfunden? Hattet ihr da auch den klischeehaften Auftritt in der Scheune oder auf Dorffesten?

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Kamee Kazee: brandneues Rock-Projekt

Kamee Kazee sind noch ganz frisch im Geschäft: Erst vor kurzem wurde die Band gegründet, die erste Single „Anima Sola“ ist gerade mal wenige Tage alt.

Mit einem Spiel aus Licht und Dunkelheit im Video zu „Anima Sola“ warten Kamee Kazee aus Leipzig mit einer interessanten Idee auf und geben so schon einmal einen Eindruck vor, wo es künstlerisch noch hingehen könnte. Schließlich sollen in den kommenden vier Monaten noch vier weitere Singles plus jeweils ein zugehöriges Musikvideos folgen.
Schon die Gitarrenmotive in „Anima Sola“ gehen schnell ins Ohr. Der Gesang hat eine gewisse Schärfe und prägt den Charakter der Musik. Mit einer etwas düster-mysteriösen Stimmung machen Kamee Kazee so insgesamt spannenden Alternative-Rock.

Fazit: Bei Kamee Kazee bietet sich die Möglichkeit, den Werdegang einer vielversprechenden Band ganz von Anfang an zu verfolgen.

Max Prosa im Interview: „Lieder wirken wie Zaubersprüche.“

Vielleicht ist Max Prosa die moderne Variante des Urberliners: Er hat Geschichten auf Lager, politische Prinzipien im Kopf und in großer Verbundenheit mit dieser Stadt führt der weiteste Umzug höchstens von einem Kiez in den anderen – in Max Prosas Fall von Charlottenburg nach Neukölln. Nur die raue Berliner Schnauze hat er eingetauscht und schreibt stattdessen lieber lyrische Texte über die Schönheiten der Welt. Zur Gitarre gekommen ist Max Prosa über seine Mutter, die wollte, „dass das kultivierte Kind ein Instrument lernt“, wie er schmunzelnd erzählt.

Wohin das führen würde, hatte sie damals wohl kaum geahnt. Denn seit seinem erfolgreichen Debut-Album Die Phantasie Wird Siegen im Jahr 2012 hat sich Max Prosa einen Namen gemacht: Er begleitete Clueso auf Tour, brachte neben weiteren Alben einen Gedichtband und ein Theaterstück heraus, im September war er zum wiederholten Mal im Fernsehen bei Inas Nacht zu sehen. Sein neues Album Grüße aus der Flut ist ebenfalls vergangenen Monat erschienen. Katharina Köhler von Musik unterm Radar hat Max Prosa zum Interview getroffen. Ein Gespräch über den Wert von Geld, das Lob von Leonard Cohen und die Frage, wie Physik mit Musik zusammenpasst.

Max Prosa beim Interview in einem Café in Berlin-Neukölln.
© Katharina Köhler

Musik unterm Radar: Als ich mir dein neues Album das erste Mal angehört habe, ist mir vor allem das Lied „Buntes Papier“ im Kopf geblieben, in dem du eine besondere Geschichte vertonst. Würdest du kurz erzählen, worum es in dem Lied geht und wie du auf diese Geschichte gestoßen bist?

Max Prosa: Die Geschichte habe ich in dem Philosophiebuch Psychopolitik von Byung-Chul Han gelesen. Darin finden Kinder Geld, aber sie identifizieren es nicht als Geld, sondern als buntes Papier. Das finde ich total faszinierend, weil Geld genau das ja in Wirklichkeit ist. Wir müssen uns aber fast schon dazu zwingen, wahrzunehmen, dass es buntes Papier ist. Wir tun so, als hätte Geld einen realen Wert. Dabei könnte kein Physiker, Chemiker oder Biologe den Wert in diesem bunten Papier feststellen. Es ist nur ein abstrakter Gedanke, wie an eine Tarot-Karte zu glauben und danach zu handeln. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, schien mir mit dieser Geschichte möglich, deswegen wollte ich sie weitertragen.

Das Album heißt Grüße aus der Flut. Welche Bedeutung hat dieses Bild der Flut für dich?

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Call Us Janis: Bahn frei fürs innere Kind

Die Truppe Call Us Janis aus Kassel steht für Indie-Rock mit Tanzrhythmen.

Mit zwei Lead-Sängern, Gitarren, Bass und Schlagzeug kommt die Band auf fünf Mitglieder. Neben ihrer ersten EP Do You Wanna Dance With Me? aus dem Jahr 2018 haben Call Us Janis vereinzelte Singles herausgebracht.
Die Refrain-Melodien der Band gehen genauso wie die eingestrickten Instrumentalideen und Riffs leicht ins Ohr. Dank der zwei Sänger fließen weiter unterschiedliche Konzepte mit ein – ob klassischer Frontmanngesang, Zweistimmigkeit oder Rap-Einlagen. Auch nimmt sich die Band erfrischenderweise selbst nicht zu ernst. Ihr Merchandise preisen Call Us Janis auf Facebook beispielsweise mit einer eigens gedrehten Dauerwerbesendung an. Das innere Kind lassen sie schließlich in ihrer neuen Single „Ecstasy“ vollends von der Kette: Unbeschwert und furchtlos klingen sie in den Lyrics und auch das zugehörige Video entstand mit ausgelassener Stimmung bei einem feuchtfröhlichen Wochenende im Wald.

Fazit: Statt auf alte Schubladen zu setzen, bauen sich Call Us Janis ihr eigenes Genre zusammen wie aus Legosteinen: Rock trifft auf Rap, Mitsingmelodien auf funkige Riffs, tanzbare Beats auf Stimmungswechsel.

The Honeyclub: Rock’n’Roll-Spirit aus Bochum

Drei begeisterte Musiker aus dem Ruhrpott haben sich zusammengetan, um nach eigener Aussage nicht weniger als eine „Rock’n‘Roll-Revolution“ auf die Beine zu stellen.

Die junge Band hat sich 2019 als The Honeyclub gegründet und räumte direkt ein knappes Jahr später in ihrer Heimat den ersten Platz als „Campus Ruhrcomer“ ab. Die erste EP Chemistry, Baby! haben Leadsänger und Gitarrist G. Lou, Bassist Bo J. Al und Drummer Feety Joe im September 2020 veröffentlicht.
Die drei Musiker vom Honeyclub haben sichtlich Spaß am musikalischen Stil der 50er und 60er Jahre. Neben Rock’n’Roll-typischen Werkzeugen wie den klassischen Akkordfolgen, Fokus auf der E-Gitarre, rauem Gesang und Songzeilen à la James Brown („Oh Baby, please, please, please | you got me on my knees“) mischen die Clubmitglieder auch ihre eigene, moderne Prägung bei.

Fazit: Der Honeyclub trägt Musik und Spirit des Rock’n’Roll mit viel Elan und Herzblut in die heutige Zeit und bleibt trotzdem dem Kern des Genres treu.

Sie kamen Australien: Allerneuste Deutsche Welle

Synthesizer, Beats, Bass und deutsche Texte: Drei Nordlichter beleben die 80er wieder.

Ein Jahrzehnt sind Stimme, Stulle und Henner, wie sich die drei Köpfe hinter Sie kamen Australien nennen, nun schon musikalisch miteinander unterwegs. Das Debut-Album der Truppe aus Kiel gibt’s seit 2016 und heißt Peter ist der Wolf. Im vergangenen Jahr kam mit Mit den Gesetzen dieser Welt die letzte größere Veröffentlichung des Trios heraus.
Stetige Drums, ordentlich Synthies und eine gesunde Portion abgeklärte Lässigkeit gehören für Sie kamen Australien und ihre NDW-Songs dazu. Das ist nicht immer melodisch – bestes Beispiel dafür ist die für Anfang Oktober geplante Single „Das Resultat“. Dafür toben sich die drei in ihrem Genre richtig aus, werden auch mal politisch und setzten nicht nur in der Begleitung, sondern auch im Gesang auf scharfe Rhythmik.

Fazit: Von Sie kamen Australien kommen tanzbare Beats, Musik mit Ecken und Kanten und eine Retro-Stimmung inklusive Augenzwinkern.