Drei Nächte ausverkaufte Hütte für Beirut

Bastlergenie Zach Condon hat mit seinem Bandprojekt Beirut am Donnerstag und Freitag im Berliner Tempodrom seine ersten Konzerte seit Jahren gespielt. Ein Konzert steht für heute Abend noch aus – und irgendwie freut man sich doch für die 4000 Leute, auf die der ganze Spaß noch zukommt…

© Musik unterm Radar

Zach Condon wird – so viel war zu erwarten – an diesem Freitagabend kein typisches Popkonzert abliefern. Da steht kein selbstgefälliger Star auf der Bühne, der Mitsinghymnen schmettert und sein zu großes Ego im Jubel der Meute badet. Im Gegenteil: Zach Condon ist praktisch die Antithese unter den Musikern. Er ist der nerdy introvert, den, hätte er nicht ausgerechnet diese musikalische Gabe, sonst sicherlich kaum etwas auf der Welt dazu gebracht hätte, sich vor Tausenden Menschen auf eine Bühne zu stellen. Auch große Worte sind nicht sein Stil. Das bescheiden-schüchterne „Thank you“ nach jedem Song wird im Laufe des Abends fast zu einer Art Running Gag. Sagt Zach dagegen ausnahmsweise einen vollständigen Satz, ist der Saal gleich hin und weg.

Denn, so viel ist klar, diesen Abend haben hier viele lang herbeigesehnt. Schließlich hatte Zach, der seit seiner Zeit als 16-jähriger Schulabbrecher wie ein Schwamm musikalische Inspiration auf seinen Reisen durch Europa aufgesogen hat, in den letzten Jahren einige Hürden nehmen müssen. Das letzte in Berlin geplante Konzert 2019 musste er wegen einer Kehlkopfentzündung absagen, dazu kämpfte er immer wieder mit Ängsten und Depression. Drei Konzerte hintereinander (15., 16., 17. Februar) kann man da wohl als einen echten Vertrauens-, wenn nicht gar Liebesbeweis an seine Wahlheimat Berlin verstehen. Die Stadt jedenfalls hat er auf seiner Seite: Alle drei Konzerte im Tempodrom waren lang vorher ausverkauft. Am Anfang überwiegt noch das andächtig ergriffene Lauschen, später taut das Publikum immer weiter auf. Etwas angerührt murmelt Zach zur Mitte des Konzerts hin einen schönen Satz ins Mikro: „Thank you Berlin, for being Berlin.“

Mit auf der Bühne hat Zach Condon seine fantastische achtköpfige Band aus Drummer, Pianist, Streichertrio, Kontrabass, Posaune und Trompete. Auf der Setlist stehen natürlich einige Stücke vom aktuellen Album (hier geht’s zur Rezension), unter anderem der Titeltrack „Hadsel“, „So Many Plans“ und „The Tern“. Ältere Klassiker wie „Santa Fe“, „The Rip Tide“ oder „No No No“ dürfen ebenfalls nicht fehlen. Zachs Stimme und die Mehrstimmigkeit mit seinen Bandkollegen machen natürlich einen großen Teil der Beirut-Experience aus – mindestens so faszinierend sind aber die Instrumentalpassagen, wenn der Sänger selbst zur Trompete greift.

Überhaupt ist ein weiterer Grund, warum ein Konzert von Beirut kein typisches Konzert ist, natürlich die Sache mit dem Genre. Denn so richtig gibt’s eigentlich keins für diese Band. Folk (irgendwie schon, aber irgendwie auch wieder nicht), Balkan-Pop (der Einfluss ist natürlich da, aber getan ist es damit noch nicht), Worldmusic (was soll das überhaupt sein?), dazu das strahlende Bläsertrio, das abrupte Ende vieler Stücke und die ständige Frage, ob diese ungewöhnlichen Melodien jetzt eigentlich melancholisch sind oder doch gute Laune verbreiten – oder in kurz: Jeder Versuch der Einordnung ist eigentlich Murks, denn genau so wie Beirut klingt halt sonst keiner.

Dazu kommt außerdem das nicht-musikalische Setting des Konzerts: Die schneeweißen Baumskelette, die auf der Bühne aufgestellt sind, haben etwas Makabres an sich, die Lichtshow ist großes Kino und lässt einen manchmal halb den Atem anhalten, außerdem geistern den ganzen Abend über angenehm wenige Handybildschirme über den Köpfen der Leute herum. Last but not least hat das Tempodrom auch noch genau die richtige Größe für die Klanggewalt dieser Band: Eine kleinere Location würde dem ganzen nicht gerecht und bei noch mehr Platz ginge die saalfüllende Wucht vermutlich wieder etwas flöten.

Nach knappen zwei Stunden verabschieden sich Beirut mit zwei Zugabenblöcken. Wir hören unter anderem „In The Mausoleum“ mit dem dystopisch klingenden Piano, bei „The Penalty“ gehen dann doch noch die obligatorischen Handytaschenlampen und Feuerzeuge nach oben, „Un dernier Verre (Pour La Route)“ vom Album The Flying Club Cup ist dann wirklich der letzte Song. Zach Condon und Band wirken zufrieden, das Publikum ist bewegt. Beim begeisterten Schlussapplaus erahnt man aus der Ferne ein Lächeln auf Zachs Lippen.


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Ein Gedanke zu “Drei Nächte ausverkaufte Hütte für Beirut

  1. Zach Condon und seine Band haben eine unglaubliche Performance abgeliefert, die das Publikum und mich verzaubert hat. Die Atmosphäre war einzigartig, und man spürte förmlich die Liebe und Hingabe zur Musik in der Luft. Die Tatsache, dass alle drei Konzerte ausverkauft waren, spricht für sich und zeigt, wie sehr die Berliner Musikszene Beirut schätzt.Es stehen in Berlin dieses Jahr noch so viele großartige Konzerte an, darunter Auftritte von Timber Timbre, Romare, Adam Green und The Notwist..

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