1989 steckte mein Teenager-Ich in der Klemme. Gefangen in der dörflichen Provinz, mit Erziehungsberechtigten, die sich nicht die Mühe machten, mich zu verstehen, ahnte ich bereits, dass jenseits von Schützenfest und Fußballverein mehr als das existierte. Aber wo hielt sie sich versteckt, die Subkultur?
Wirst du für das, was du bist, nicht akzeptiert, bleibt dir Resignation oder Rebellion. Ich entschied mich für Letzteres. Meine Freunde hörten Metal. Ich schaute mir gern die Plattencover an, aber die Musik?
The Cure und Bauhaus waren toll, aber von gestern. Bowie und Prince hörte jeder. Ich suchte nach meinem Soundtrack, der sich anfühlte wie ein Geheimnis. Ich suchte Musik, die nur mir gehörte – und fand sie in Mega City Four.

Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.
Im Tele-5-Musikformat Offbeat berichtete die bezaubernde Susanne Reimann von vier jungen Briten, die ihr Debüt Tranzophobia betitelten, weil sie auf unendlicher Tour in der Enge ihres Ford Transit durchgedreht waren. Ein kurzes Interview, ein Einspieler des Songs “Occupation”, schon war alles klar. Ich war nicht mehr allein.
Mega City Four wurde 1987 in Farnborough, England, gegründet und existierte bis 1996. Sie veröffentlichen acht Alben und einiges an Singles und EPs. Kopf, Sänger und Herz der Band war Darren “Wiz” Brown.
MC4 kombinierten die Rohheit des Punks, breite Gitarrenwände, Tempo und Energie mit poppigen Songs, mehrstimmigen Vocals, introspektiven Texten, scharfkantigen Momentaufnahmen und Arbeiterklasse-Charme. Hoffnung und Aufbruch statt zerstörerischer Wut. Melancholisch, ja, und dennoch voller Kraft. Das fühlte ich, das wollte ich.
In Krefeld gab es die Platte zu kaufen und in Kürze ein MC4-Konzert in der Kulturfabrik. Der Vater eines Freundes fuhr uns hin. Ich stand an der Bar, plötzlich tauchte Wiz neben mir auf. Schlaksig, weites Karo-Hemd, enge Jeans, Chucks, Dreadlocks. Bald würde ich ihn nachahmen, aber heute war ich nur ein Junge, der versucht, nicht in den Pogo verwickelt zu werden und sich fragt, wie man auf Gitarren spielt, die auf Kniehöhe hängen. Sieht aber super aus.
Der Konzertmitschnitt von 1991 demonstriert gut das Spannungsfeld, in dem die Band zu Hause war. Der gefühlvolle Song „Rose Coloured“ steht im Gegensatz zum wütenden Gehabe des Publikums. Aber man kann ja auch vor lauter Traurigkeit schreien müssen.
“Take a look at the things you have chosen to forget / Then measure all the happiness against what you regret.”
(“Rose Coloured”)
Das zweite Album Who Cares Wins war eine Weiterentwicklung des Debüts. Der Sound war vielschichtiger, mehr Höhen und Tiefen, die Produktion runder, aber die Seele blieb.
So setzte es sich in den kommenden Releases fort. 1991 spielten sie als Support für New Model Army in der Philipshalle in Düsseldorf. Ich sorgte mich, dass unser Geheimnis gelüftet wird, aber meine Freunde fanden sie langweilig und so blieben sie unter dem Radar des Mainstreams.
Vom 93er-Album Magic Bullets kam die süße Popnummer “Wallflower”. Während die Welt ab 92 den Teen Spirit von Nirvana schnupperten, perfektionierten MC4 unbeeindruckt ihren Power-Pop.
’92 kehren sie in die Kulturfabrik zurück. Kein Zeichen einer Karriere, dafür von Konsistenz. Inzwischen war ich zum Konzert erfahrenen Indie-Boy herangewachsen, vor und auf der Bühne, der auf dem PinkPop-Festival in der eigenen Kotze geschlafen hatte. Eine Geschichte für wann anders.
Zum letzten Mal treffen wir uns ’93 in einer kaum gefüllten Live Music Hall in Köln. Wiz ist schlecht gelaunt, die Stimmung in der Band scheint gereizt. Patzer werden nicht etwa professionell weggelächelt oder ignoriert, stattdessen böse Blicke und Geraune auf der Bühne. Als mein Kumpel etwas in die Stille zwischen den Songs ruft, reagiert Wiz mit einer wütenden Schimpftirade. Wir fühlen uns nicht willkommen.
In den Nullerjahren hat Wiz neue Bands. Keine davon überzeugt mich. Ich adde ihn auf Myspace. “All that matters is the music” schreibt er mir in einer Nachricht. Mehr nicht.
2006 stirbt Wiz im Alter von 44 Jahren.
P.S. Muse veröffentlichten 2010 als B-Seite ein Cover von “Prague”, das exakt so schrecklich ist, wie ich es erwarte.
Autor:
René Grandjean
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