Indianizer: Acid Rock für gute Laune

Gitarren, E-Bass, Flöte, Banjo, Gesang, Schlagzeug, Synthesizer, Percussion, Orgel und Kaoss Pad. All das brauchen die Mitglieder der Band Indianizer aus Turin für ihre Songs. In denen prallt Vieles aufeinander, das Zuhören macht aber gerade deshalb einen Heidenspaß.

Die vier Italiener Riccardo Salvini, Matteio Givone, Salvatore Marano und Gabriele Maggiorotto haben als Indianizer seit 2013 zwei EPs in Eigenregie veröffentlicht. Darauf folgte das erste Album Neon Hawaii. Seit Ende März gibt es nun das neueste Produkt der kreativen Köpfe zu kaufen: Zenith heißt es, acht Tracks sind drauf und das Cover sagt schon einiges. Sehr bunt, sehr spacig.
Der vorwärtstreibende Song „Hypnosis“ macht richtig Laune. Es ist die Mischung aus coolen Rhythmen, Ohrwurmmelodien und einer Fülle von Percussion, Walking Bass, Flöte und jeder Menge unidentifizierbaren Geräuschen, die den Song zu solch einem Erlebnis macht. Der Track „Mazel Tov II“ klingt noch eine Spur abgedrehter. Aufgewühlte Rythmen und eine fette Palette an Sounds prägen auch hier den Höreindruck.

Fazit: Die Musik von Inidanizer ist schon ein wenig skurril und manche Songs sind doch auch etwas gewöhnungsbedürftig. Das macht aber nichts, denn das Gesamtpaket stimmt.

Sara Niemietz: Blue Notes und voller Sound

Sara Niemietz’ Stimme klingt wie auf alten Jazz-Platten: Sie beherrscht Dirty Tones, hat einen kräftigen Gesang, kommt in die Höhe und lässt insgesamt Hoffnung für die Welt der Vokalmusik aufkeimen.

Niemietz, Jahrgang 92, hat bereits als Kind erste Auftritte in Film, Fernsehen und Theater. Sie wächst in Chicago auf, spielt Gitarre, Bass und Klavier, singt, schreibt Musik. Später arbeitet sie mit verschiedenen Musikern und Komponisten zusammen, bringt Records auf den Markt, Ellen DeGeneres wird auf sie aufmerksam und lässt sie in ihrer Show auftreten, das Time Magazine schreibt über ihre Dixieland-Interpretation von Justin Biebers „Love Youself“.
Mit ihrer fantastisch voluminösen und ausdrucksstarken Stimme covert Sara Niemietz Titel aus allen möglichen Genres, nicht selten klingt ihre Version dabei besser als das Original. Abgesehen von ihrer YouTube-Präsenz ist die Künstlerin auch ganz aktuell in Deutschland mit mehreren Shows zu sehen.

Fazit: Tolle Stimme, tolle Technik, tolle Titel. Bleibt zu hoffen, dass Sara Niemietz noch sehr lang im Musikbusiness unterwegs sein wird und die Jazzlandschaft mit weiteren Interpretationen bereichert.

Frank Powers: smarte Musik erfrischend anders

Der Schweizer Musiker Frank Powers und seine Band machen einzigartige Musik. Ein bisschen Pop, ein bisschen Folk, etwas Weltmusik, hauptsächlich aber ein ganz eigener, charakteristischer Sound.

Als Lokalprominenter hatte sich Dino Brandao unter seinem Künstlernamen Frank Powers bereits mit seinen Straßenmusikauftritten im schweizerischen Baden einen Namen gemacht. Inzwischen kann man ihn und seine Band auch auf Touren in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Großbritannien bewundern. Das Album Laisser Faire ist genauso wie die kürzlich erschienene EP Flohzirkus eine Mischung aus Titeln, bei denen keiner ist wie der andere.
Besonders an Frank Powers Art zu Singen ist sein Spiel mit verschiedenen Stimmtechniken: mal hört man reinen Klang und klare Höhen, mal singt er kratzig und akzentuiert, mal laut und intensiv. So variabel wie Frank Powers’ Stimme sind auch seine Lieder. Auf Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch singt er mit guten Texten über Leben und Leute.

Fazit: Die Songs von Frank Powers sind alle miteinander zu empfehlen, so unterschiedlich sie doch sind: die vor Leichtigkeit und Lebenslust strotzende Single „Free Moves“, das eher ruhige „Time And Travelling“, das ernste „Angels And Demons“.

Eels and Escalators: Alternative-Rocker mit Feeling für Stimmung

Eine junge Band aus Bochum, im Gepäck schöne Gitarrenmotive, lässig-cooler Gesang und spannende Texte. Ihr Name Eels and Escalators ist dabei kein Produkt ihrer Suche nach der perfekten Alliteration, sondern aus einer amerikanischen Kinderserie „geklaut“.

Gegründet im Jahr 2014 von zwei Schulfreunden, haben sich Eels and Escalators direkt ans Songwriting und Komponieren gemacht und im Jahr darauf auch schon gleich mit Figures of Rain ihr Debut-Album hingelegt. Nach einem Wechsel innerhalb der Band steht seit Ende 2016 die aktuelle Besetzung. Die beiden Sänger und Gitarristen Tyrone Nalenz und Jannik Keindorf kümmern sich um die Texte, gemeinsam mit Bassist Dario Nachtigal und Leon Völkel an den Drums entsteht die Musik dazu.
Vor einem Monat haben die Jungs schließlich eine EP als Nachfolgewerk veröffentlicht. Darauf finden sich die beiden Songs „Heat Devil“ und „Deep Beneath The Sea“, zwei gute Beispiele für den charakteristischen Klang der Band. Los geht es mit einem verspielten Gitarrenintro, das als Thema auch im restlichen Stück zu hören ist, und spärlichem Bass. Zu dieser leicht schwebenden Atmosphäre kommt der ausdrucksstarke Gesang dazu. Mit Einsatz des Schlagzeugs und etwas mutigeren Gitarrenbackings baut sich das Ganze immer weiter auf, man hört die rockigen Wurzeln und plötzlich ist der volle Klang da. Die mal sanft-verträumte, mal draufgängerische Grundstimmung, die die Saiteninstrumente vorgeben, wird von Schlagzeuger Leon Völkel gut adaptiert und mit den passenden Beats unterlegt.

Fazit: Eels and Escalators sind dank harmonischer Melodien schön anzuhören, klingen dabei unaufgeregt und relaxed und sorgen trotzdem für Drive in ihrer Musik.

The Dead South: fetziger Bluegrass

Mumford and Sons’ evil twins. So bezeichnen sich die Mitglieder der Folk/Bluegrass-Gruppe The Dead South hin und wieder im Scherz.

2012 im kanadischen Saskatchewan gegründet, erschließen sich The Dead South auf langen Tourneen mehr und mehr den Rest der Welt. Lead-Sänger Nate Hilts wird dabei unterstützt von Scott Pringle, Danny Kenyon und Eliza Mary Doyle (alle mit Saiteninstrumenten und auch gesanglich unterwegs).
The Dead South gehen dabei bei vielem ganz genretypisch vor: Mit Banjo, starkem Off-Beat und dem Wechsel zwischen mehrstimmigen Gesangs- und Instrumentalparts finden sich einige für den Bluegrass charakteristische Komponenten.
Gar nicht gewohnt ist man in dieser Musikrichtung dagegen das Cello, das Danny Kenyon dazu steuert. Das macht er dabei so passend, dass man beim bloßen Zuhören wahrscheinlich gar nicht unbedingt auf die Idee gekommen wäre, dass da ein Cellist an Stelle eines Bassisten mit von der Partie ist. Ganz ins Bild passt dann wieder das optische Auftreten der Gruppe: Hosenträger, schwarz-weiße Kleidung und Hüte machen die Erscheinung komplett.

Fazit: Was bei guter Country- und Bluegrass-Musik nicht fehlen darf, ist das Verlangen nach Fingerschnipsen und Fußwippen auf dem Off-Beat. The Dead South überzeugen was das angeht allemal: Ohne dick aufzutragen machen sie Musik, die einen mitgehen lässt, die Videos bringen einen zum Schmunzeln, das Ganze ist ein runde Sache.

  • Meisterwerk: „In Hell I’ll Be In Good Company“
  • So klingt’s: Bluegrass und Country plus Augenzwinkern
  • Getextet: „Well I’ve got spiders in my bed and I’ve got slugs up on the wall | There’s a black bee a flyin‘ round outside of my back door“ (Travellin‘ Man)
  • Umleitung: http://thedeadsouth.com/

Dead Leaf Echo: mysteriöse Stimmung aus New York

Sie sind Meister der gruselig-düsteren Musik. Dead Leaf Echo ist ein Name, den man sich merken sollte.

Hinter Dead Leaf Echo stehen drei Musiker und eine Musikerin aus Brooklyn, die mit Gesang, Gitarren, Bass, Drums und Keyboard die Art Musik zum Besten geben, die man besser mit Stimmungen beschreiben kann als mit Akkordanalysen. Mit Thought & Language ist 2013 die erste LP der Gruppe erschienen und auch mindestens 200 Live-Auftritte haben Dead Leaf Echo schon vorzuweisen.
Noch ziemlich frisch aus der Presse gibt es das zweite Album der Band: Beyond.Desire, ein Musterbeispiel für die experimentelle Färbung ihrer Musik. Mit Effekten, verschwimmenden Klängen, entschleunigter Musik und Rhythmusgerüsten erreichen sie einen vagen, sphärischen Sound, klingen manchmal wie aus weiter Ferne. Die Stimme von Sänger und Gitarrist LG Galleon tut den Rest: Ruhig und unaufdringlich unterstreicht sie den etwas bizarren Klang der Band und erzeugt eine kaum zu durchdringende Atmosphäre.

Fazit: Die Songs von Dead Leaf Echo lassen einen abdriften. Durch den passend eingesetzten Hall und die Backingvocals von Sängerin Ana hat man tatsächlich das Gefühl, einen dreidimensionalen Raum herauszuhören.

The Staves: Folk-Pop, der unter die Haut geht

Drei tolle Stimmen, dezentes Gitarrenzupfen, schöne Harmonien. Die jungen Frauen von The Staves wissen, wie man Atmosphäre einsetzt.

Dass Geschwister in einer musikalischen Familie auch mal gemeinsam musizieren, kommt sicher nicht selten vor. Dass aber drei Schwestern gemeinsam eine Band gründen, Alben produzieren und durchstarten, ist da schon seltener. Emily, Jessica und Camilla Staveley-Taylor haben genau das gemacht.
Durch den dreistimmigen Satz erlangen sie trotz der klaren, makellosen Stimmen eine vielfältige Farbigkeit in ihren Liedern. „Mexico“ ist so ein Titel: schön harmonisch, träumerisch, ein bisschen mystisch. Auch an die Titel von den ganz Großen haben sie sich schon herangewagt. In ihrem Cover von Bruce Springsteens „I’m On Fire“ haben sie die Stimmung schön eingefangen, drücken ihm aber auch ihren eigenen Stempel auf, trauen sich, die Töne mal ein bisschen anzuschleifen, setzen ihre Mehrstimmigkeit gekonnt und nicht zu aufdringlich ein.

Fazit: The Staves ist eine Band für diejenigen, die einfach gern schöne Musik hören. Unaufgeregt aber mit Liebe zum Detail, fragile Sounds aber selbstbewusste Einzelstimmen.

Chuck Ragan: rastlos schöne Folk-Songs

Der Singer-Songwriter Chuck Ragan klingt nicht selten wie ein verzweifelter, einsamer Wolf. Und doch hat sein Gesang auch etwas von Halt und Sicherheit, vielleicht ein bisschen so, wie ein fester Felsen im Meer den hohen Wellen trotzt.

Angefangen hat Ragan in den 90ern mit der Gründung der Band Hot Water Music. Für die war nach mehreren Alben schließlich Schluss: Im Jahr 2005 wurde die Auflösung beschlossen. Glücklicherweise war Ragans Musikeraufbahn damit nicht beendet, sondern fing mit seinen Soloprojekten erst richtig an. Neue musikalische Heimat wurde eine Folk-Country-Mischung, zu der seine kratzig-kantige Stimme hervorragend passt.
Mit viel Gitarre und Mundharmonika gelingen Ragan melancholische und gefühlvolle Titel bei denen man als ZuhörerIn schnell das Bild einer weiten Landschaft, oder vielleicht die vergebliche Suche nach einem Zuhause im Kopf hat. Das Lied „The Flame In The Flood“ – ebenfalls Namensgeber für das neueste Album – ist so eins: Da hört man raue Natur, Angst, Verzweiflung aber auch Hoffnung und Freiheit. Gleichermaßen schön sind außerdem reine Akustiktitel wie „In The Eddy“ vom selben Album, in denen Ragan ganz auf den Gesang verzichtet; und das klappt gut, obwohl man die charakteristische Stimme Ragans natürlich schnell als eigentliches Aushängeschlid ausmacht.

Fazit: Chuck Ragans Musik löst nicht selten einen Gefühlsmischmasch aus. Schöne Melodien für Träumereien, Moll-Tonarten und eine intensive Stimme für die herzzerreißenden Momente, statische Basstöne und Ausdrucksstärke für die Zuversicht.

  • O-Ton: „Chuck Ragan (…) besitzt ein Organ, das stets nach einer durchzechten Nacht klingt.“ – laut.de
  • Meisterwerk: „The Flame In The Flood“
  • Meilensteine:
    2005 Beginn Solokarriere nach Auflösung von Hot Water Music
    2007 Feast Or Famine
    2009 Cold Country
    2011 Covering Ground
    2014 Till Midnight
    2016 The Flame In The Flood
  • So klingt’s: viel Folk-Rock, bisschen Country
  • Getextet: „Keep my eyes opened | Keep my ears sharpened | There’s nothing to fear but fear itself“ (The Flame In The Flood)
  • Umleitung: http://www.laut.de/Chuck-Ragan

The Big Moon: Lässig an der E-Gitarre

Kein Hardrock zwar, aber doch alles andere als „Softie-Pop“. The Big Moon, das ist ein preisgekröntes britisches Indie-Quartett, das schon mit Ezra Furmann und The Vaccines auf der Bühne stand und bei der BBC zu sehen war.

Sängerin Jules Jackson schreibt schon seit Ewigkeiten Songs. Seit sie in Soph Nathan (Gitarre), Celia Archer (Bass) und Fern Ford (Schlagzeug) die passenden Unterstützerinnen gefunden hat, sind daraus die EP The Road und im vergangenen Jahr schließlich das Debut Love In The 4th Dimension entstanden.
In einem Interview mit dem britischen Musikmagazin DIY erzählt Frontwoman Jackson von der Single „Formidable“, einem Song über die Wichtigkeit, einem vom Schicksal getroffenen Menschen beizustehen. Und wie stellt sie sich die vierte Dimension nun vor? „It’s about 3 miles above the surface of the earth (…) Everything up there is kind of square, and half plasticine, half CGI graphics. It looks weird. If you make a paper aeroplane, and throw it, it goes backwards instead of forward. It’s that kind of place.“1 Aha. Jetzt wissen wir Bescheid.

Fazit: The Big Moon komponieren auf eine frisch unkonventionelle Art und heben sich dadurch von den typischen Poprock-Bands ab. Außerdem haben sie mit Jules Jackson eine Sängerin mit cooler Austrahlung und einer Stimme, die ausdrucksstark und selbstbewusst in angenehm mittlerer Lage zuhause ist.

1 http://diymag.com/2016/11/16/the-big-moon-love-in-the-4th-dimension-announce-interview-formidable (von El Hunt am 16.11.2016, letztes Abrufdatum: 19.2.2018, 20:13)

The Sherlocks: jung und frei

Richtig feiner Indie-Rock wie er inzwischen selten geworden ist, dafür stehen die vier jungen Musiker unter dem eingängigen Bandnamen The Sherlocks.

In klassischer Rockerformation mit Gesang, Lead- und Rhythmusgitarre, Schlagzeug und Bass stehen hier tatsächlich zwei Brüderpaare auf der Bühne. Seitdem sich die Briten zusammengetan haben, sind mehrere EPs und im vergangenen Sommer schließlich ein Debutalbum entstanden. Außerdem finden sich Auftritte bei verschiedenen Shows von BBC Radio und dem Reading and Leeds Festival in ihrem Lebenslauf.
Typisch für The Sherlocks sind treibende Schlagzeugbeats, coole Riffs auf der Gitarre und selbstbewusster Gesang. Das Gesamtpaket strotzt vor jugendlicher Ausgelassenheit.

Fazit: Die Freude an der Musik sieht man den vier Sherlocks schon an. Was dabei an Tönen heraus kommt, reißt die ZuhörerInnen erst recht mit.

Links: https://www.theguardian.com/music/2017/sep/15/the-sherlocks-review-newcastle-university-live-for-the-moment