Lennart Schilgen im Interview: „Frontmann zu sein, musste ich mir erst erarbeiten.“

Meist reicht Lennart Schilgen eine Liedzeile, um ein altbekanntes Wort so umzudeuten, dass man plötzlich vor ganz neue Tatsachen gestellt wird. Simple Kalauer kommen hier allerdings nicht heraus, stattdessen clever umgedrehte Wirklichkeiten und elegante Wortwitze. Ob solo oder bis 2018 noch in Bandformation hat Lennart Schilgen zahlreiche Preise abgestaubt und reihenweise Konzerte und abendfüllende Kleinkunstprogramme hinter sich gebracht. Mit seiner EP Populärmusik, die am 9. April erscheinen wird, zieht es den Berliner Liedermacher jetzt zu neuen Ufern: Mehr Richtung Pop soll es gehen, dafür etwas weniger Comedy-Charakter. Auf die ein oder andere textliche Wendung und ein musikalisches Augenzwinkern kann man sich zwischen Kapitalismuskritik, Stalker-Figuren und einem Paar, das sich nur mit geschlossenen Augen blind versteht, natürlich trotzdem verlassen.

© Marcel Brell

Musik unterm Radar: Lieber Lennart, bevor wir über deine EP reden, muss ich dir gestehen, dass ich dich schon einmal auf einer Bühne gesehen habe. Ich war 2017 mal auf einem Konzert deiner damaligen Band Tonträger in der Bar jeder Vernunft hier in Berlin. Und ein Highlight des Abends war für mich, wie du eine Art Chanson auf Französisch gesungen hast und im Laufe des Liedes plötzlich von der Bühne aus über die wackligen Tische der recht gut betuchten Gäste spaziert bist. Dabei hast du dann unter anderem das Glas Weißwein einer Zuschauerin ausgetrunken.

Lennart Schilgen: Oh Gott, da warst du dabei? (lacht) Es ist so absurd, dass dieser Moment mich jetzt wieder einholt. Das war das zweite Programm von Tonträger, ziemlich bald danach haben wir uns nach 15 Jahren aufgelöst. Aber das war tatsächlich einer der Momente, wo ich am meisten aus meiner Komfortzone rausmusste. Die anderen haben gesagt: „Komm, mach das! Das ist cool, das ist witzig.“ Als Zugabe war das dann auch in Ordnung und diese Art davon, sich mal etwas zu trauen, das kann man in der Bar auf jeden Fall machen.

Bisher gab es von dir ja nur Live-Aufnahmen zu hören, unter anderem auch aus der Bar jeder Vernunft. Populärmusik wird jetzt deine erste Solo-Studioveröffentlichung. Wie ist die EP entstanden und wie hast du die fünf Lieder ausgewählt?

Eigentlich habe ich schon 2018 gedacht, dass ich das machen müsste. Es hat aber noch eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, auch andere Musiker zu fragen. Dann haben wir ein bisschen herumprobiert und ich habe aber schnell gemerkt, dass ich eigentlich schon relativ genau wusste, wie ich mir das vorstelle. Was die Stückauswahl angeht, bin ich ja lange im Kleinkunst- und Comedy-Rahmen unterwegs gewesen. Da sind die Lieder oft schon sehr für die Auftritte geschrieben: Es gibt viel Interaktion, die Sachen sind möglichst lustig. Auf der EP sind jetzt schon eher Popsongs, könnte man sagen, aber vielleicht mit ein bisschen mehr Text als normal und die Geschichte nimmt ein paar mehr Wendungen.

Zum Stichwort Wendungen: Wie würdest du ein typisches Lennart-Schilgen-Lied beschreiben?

(überlegt) Es sind immer ganz konkrete Situationen, keine allgemeinen Stimmungsbilder und nicht metaphorisch überhöht oder so. Und die Geschichte soll einen bedeutsamen Kern haben. Selbst bei lustigen Sachen geht es ja oft auch um Schmerz, Ängste oder Ärger. Bei „Wir verstehen uns blind“ gibt es zum Beispiel eine Beziehung, bei der man merkt, das funktioniert hier eigentlich alles nicht mehr und trotzdem bleiben wir dabei. In „Müssten wir uns nicht küssen“ geht es um diesen Gedanken in einer Freundschaft: Könnte da nicht doch mehr sein? Und man malt sich dann immer wilder aus, was wäre, wenn die Situation nur ein bisschen romantischer wäre. Die Wendungen nimmt es dann glaube ich, weil mir das klassische Erzählformat von Popsongs vielleicht ein bisschen zu langweilig wäre. Ich denke dann oft: Da ist irgendwie noch mehr, da steckt noch eine andere Seite drin. Und ich bin auch einfach mega sprachvernarrt. Ich habe Spaß daran, einer Sache, die man ständig hört und die ganz geläufig ist, durch eine kleine Bedeutungsverschiebung einen neuen Sinn zu geben. Und in solchen Formulierungen steckt dann vielleicht eine besondere Wahrheit.

Mir ist beim Hören aufgefallen, dass du dich gleich bei zwei Liedern in die Rolle von jemandem begibst, der eigentlich etwas unmoralisch denkt und handelt. Bei „Ich bleib hier“ geht es um einen Stalker und in „Ich lass es nur geschehen“ versucht jemand, sich ständig aus der Verantwortung zu stehlen. Was reizt dich an solchen Charakteren?

Das ist interessant. (überlegt) Also erst mal der Disclaimer bei „Ich bleib hier“: Bitte keine Angst haben, dass das auf wirklichen Erfahrungen beruht. Das Lied ist glaube ich einfach nur die Freude am Wahnsinn und daran, etwas so zu überdrehen, dass es ins Absurde gesteigert wird. „Ich lass es nur geschehen“ hat dagegen schon den sehr wahren Kern, dass man dazu neigen kann, sich selbst als Opfer der Umstände zu sehen. Wenn auch natürlich nicht in diesem Extrem, wie es im Lied formuliert ist. Aber gerade in der zweiten Strophe, wo es um die ganze Welt und Ungerechtigkeiten geht, ist man plötzlich total nah dran an dieser Haltung. Es geht mir auch gar nicht darum aufzuzeigen: „Seht ihr, ihr seid alle schuldig.“ Sondern anzuerkennen, dass es in mir anscheinend diesen Anteil gibt, der sich davor drückt, Verantwortung zu übernehmen.

Spürst du Druck, dass deine Lieder immer lustig sein müssen?

Ich versuche, mich davon freizumachen. Das ist nicht ganz so leicht, gerade wenn zum Beispiel das Publikum ja auch ein bisschen mit dieser Erwartung zu Auftritten kommt.

Ich würde gern noch auf deine musikalischen Anfänge zu sprechen kommen. Ich meine gelesen zu haben, dass du zuerst Klavier gelernt hast. Wie ging es dann weiter und wann hast du angefangen, selbst Lieder zu schreiben?

Das mit dem Klavier war ein bisschen so: Ich hab‘ es regelmäßig gemacht, weil auch meine Eltern fanden, das sei eine gute Idee, und ich fand es nicht scheiße. Die richtige Begeisterung kam erst später. Gemeinsam mit einem Schulfreund, der dann auch bei Tonträger dabei war, habe ich beschlossen, dass wir jetzt Gitarre lernen. Ein halbes Jahr später haben wir die Band gegründet, weil wir fanden, jetzt könnten wir genug Akkorde. Dann covert man sich eine Zeit durch das Programm, weil man denkt: So wollen wir auch sein.

Was für Cover waren da so dabei?

Die Ärzte, die Beatles und viel Rock’n’Roll der 50er und 60er Jahre. Und man ist ja ’ne Band, also schreibt man dann natürlich auch eigene Songs. Das ging zum Glück noch sehr, ohne sich selbst dabei zu bewerten. Das setzt ja früher oder später ein und macht den Schreibprozess etwas anstrengender.

Wie war es für dich eigentlich nach der langen Zeit mit Tonträger, solo aufzutreten? Was für Vor- und Nachteile haben sich da ergeben?

Ein Nachteil ist solo natürlich, dass ich ja das Bandsetup auch vom Sound her eigentlich total mag. Dafür kann man solo bei den Texten noch mehr in die Feinheiten gehen und es gibt bei Auftritten etwas weniger Gerangel darum, wie genau das alles gemacht werden soll. Eine Band ist ja nie ganz frei von Reiberein. Andererseits muss ich mir immer noch erarbeiten, dass ich jetzt der Frontmann bin, weil es halt niemanden sonst gibt. In der Band war das ganz angenehm, ich stand ja die meiste Zeit eher am Rand – wenn ich nicht gerade über die Tische sprang und Weingläser austrank. Ich bin von der Anlage her eigentlich auch ganz zufrieden damit, in der zweiten Reihe zu stehen. Als ich die ersten Male allein Offene Bühnen mitgemacht habe, war es jedes Mal dieser Kampf: „Okay, du machst das jetzt wirklich!“ Da musste ich schon einige Hürden nehmen, bis ich entspannt genug geworden bin. Der Gedanke dahinter war ja: Ich find es schon ganz gut, was ich schreibe und ich will schon auch, dass die Leute das hören. Und dann muss ich eben in den sauren Apfel beißen und lernen, damit umzugehen.

Zum Schluss muss ich noch schnell eine andere Frage loswerden: Was genau ist das Problem zwischen dir und Reinhard Mey?

Ich habe einen Song von Reinhard Mey umgetextet und in meinem Liveprogramm gespielt. Als ich dann erfragt habe, ob ich das auf meine CD packen kann – denn spätestens das ist der unumkehrbare Moment, wo man sich richtig Ärger einbrockt, wenn man nicht vorher fragt – kam sehr schnell die Antwort von seinem Anwalt, dass er das erstens nicht gestattet und ich es zweitens auch nicht mehr spielen soll. Und wenn ich zustimme und alle Sachen im Internet runternehme, dann würden sie auch auf weitere rechtliche Schritte verzichten. Dazu muss man sagen, dass Reinhard Mey schon eine ganze Weile darauf achtet, dass nicht irgendein Mist angestellt wird mit seinen Liedern. Ich hatte trotzdem die Hoffnung, dass er das gut finden könnte, weil ich mir so viel Mühe gegeben habe, so dicht wie möglich am Original zu bleiben und dass vielleicht auch eine gewisse Wertschätzung durchkommt. Ich war natürlich etwas enttäuscht, dass es da keine Ausnahme gab. Aber dann habe ich den Song geschrieben, den ich jetzt aber fast noch lieber mag, nämlich „Am Tag, an dem ich Post von Reinhard Meys Anwalt bekam“, wo ich diese Geschichte erzähle. Ich hoffe, es ist keine anhaltende Fehde, sondern, dass auch da Wertschätzung herausgelesen werden kann.

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