nand ist Sänger, Architekt, Produzent, Trompeter und ein echtes Indiepop-Electro-Phänomen. In einem sehr persönlichen Gespräch hat er mit unserer Autorin über den frühen Tod seiner Mutter und die Mobbingerfahrungen in seiner Kindheit gesprochen und erzählt, wie er trotz aller Struggles schließlich zu seiner eigenen Stimme gefunden hat. Innerhalb von fünf Jahren hat nand bereits fünf Alben releast, ein weiteres ist in Arbeit. Auf der Tour zu seinem aktuellen Album Träume in Beton hat er sich vor seinem Konzert in der Grellen Forelle in Wien Zeit genommen für ein Käffchen und ein Interview unter blauem Himmel.

Musik unterm Radar: Dein neues Album heißt „Träume in Beton“. Das klingt erst einmal nach einem Widerspruch. Warum hast du das Album so genannt?
nand: Da müssen wir zum Ursprung zurück: Ich habe ja Architektur studiert. Beton war mal ein Baustoff, der in der Architekturbranche als sehr revolutionär galt. Auf der anderen Seite ist Beton ein sehr kühler Baustoff und viel weniger menschenfreundlich als Holz zum Beispiel. Holz ist ja theoretisch ein unendlicher Rohstoff, man kann immer wieder Bäume nachpflanzen. Beton und Sand sind aber endliche Baustoffe und langfristig gedacht beeinflusst unser Konsum die Flora und Fauna auf der Welt. Sand, der für den Bau benutzt wird, wird an Stränden abgetragen und verschifft.
Über mein Architekturstudium habe ich gemerkt, dass sehr viele Dinge in der Welt passieren, die wenig für den Menschen und unsere Umwelt gemacht sind. Wir sind mehr für den Kapitalismus gemacht und weniger für zukunftsträchtige Träume. Ich verspüre auch Wut, dass der Kapitalismus so viel kaputt macht und Subkulturen auffrisst, aus denen dann durch einen Trend auf TikTok irgendein Mainstream wird. Deshalb auch dieser bewusste Kontrast aus Träumen und Beton in dem neuen Album.
Hast du immer noch vor, Architekt zu werden? Ist das dein Plan B, falls es mit der Musik nichts wird?
Die Architekturbranche ist auf jeden Fall eine gute Option, falls es finanziell nicht klappen sollte mit der Musik – was gut sein kann, weil ich ja keine krasse Nummer Eins in Deutschland bin. Irgendwann will ich vielleicht auch eine Familie gründen und nicht mein Leben lang auf Livekonzerten rumtingeln. Da muss man dann schauen. Aber ich könnte mir auch gut vorstellen, als Architekt zu arbeiten, vielleicht auch in Richtung Städtebau oder Raumentwicklungen: Wie kann man Räume gut umgestalten für Menschen, wie kann man die Natur oder auch den Klimawandel mitdenken? Das finde ich sehr spannend, dieser Bereich beschäftigt mich.
Wie viel von deinem revolutionären Ich und wie viel von deinem bodenständigen Architekten-Ich steckt in deinem neuen Album?
In den letzten Alben war ich definitiv viel spielerischer und habe alles selbst gemacht. Träume in Beton ist bodenständiger, weil die Songs schon eher ausproduzierter sind und einfach auch viel voller klingen und textlich auch viel genailter sind.
Ist es ein Ziel von dir, deine Musik nicht in ein Genre einordnen zu lassen?

Ich möchte innovativ sein mit meiner Musik. Die typisch deutsche Sound-Pop-Welt ist aber sehr begrenzt. Für mich ist sie das Gegenteil von Individualität. Das liegt auch daran, dass ich mich viel mit Musik beschäftige und sehr nerdige Sachen höre.
Grundsätzlich ist Schubladendenken etwas ganz Natürliches, kann aber für Schaffende auch etwas Negatives haben. Wenn jemand sagt, ich klinge wie Justin Bieber, kann das als Kompliment gemeint sein. Als Individualist kann es einen aber auch einschränken. Ich habe echt Angst vor dem Mainstream. Ich finde das uncool. Songs wie „Lust auf dich“ oder „Aperol Spritz“ sind eher entertainige Partytracks. Würde ich in diese Richtung ein komplettes Album machen, würde das vielleicht sogar besser funktionieren, als das, was ich gerade die ganze Zeit mache. Es ist aber viel erfüllender für mich, verschiedene Sachen zu probieren und mich nicht festzunageln.
Auf welchen Song auf deinem neuen Album bist du besonders stolz?
Ich bin voll stolz auf „Grauer Beton“. Der Song war der Ursprung für mein Album. Ich liebe diese Kombi aus Gesellschaftskritik, inhaltlich etwas aussagen zu können, spielerisch zu sein, Sarkasmus reinzubringen und Darkwave. Das schafft ein schönes Spiel mit Kontrasten. Bei „Grauer Beton“ ist das voll intensiv. Für mich ist er der prägendste Song vom ganzen Album.
Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis, das dich dazu bewegt hat, professionell Musik zu machen?
Ein Turning Point war, als ich vom reinen Produzieren mit fremden Stimmen dazu übergegangen bin, es selbst zu probieren. Ich habe mit 16 oder 17 Jahren angefangen, Musik zu produzieren. Bis ich 19 war, habe ich mich nicht getraut, selbst einzusingen, weil ich meine Stimme überhaupt nicht schön fand. Dann gab es einen einschneidenden Moment, als meine Mutter an Krebs starb. Sie hat mir vorher immer gesagt: „Ferdi, probier‘ doch einfach mal aus, Sachen einzusingen. Mach das selbst, trau dich!“ Ich wollte das erst nicht. Aber nach ihrem Tod habe ich mich verpflichtet gefühlt, über meine eigene Unsicherheit zu springen. Das war, glaube ich, der eine Schlüsselmoment, der mir auf einmal meinen eigenen Charakter gegeben hat bei Musik.
Ich habe dann einfach angefangen, drauf zu scheißen, was andere denken. Erst habe ich das für meine Mum gemacht, mittlerweile mache ich das für mich. Meine Schwester und ich sprechen fast nie über meine Musik, sie hört eigentlich eher Salsa. Sie hat mir aber ein richtig schönes Kompliment gemacht: „Ferdi, die Mukke, die du machst, ist so eigenständig und man merkt, dass du echt ein Fick darauf gibst, dass sie auch weird ist.“ Das fand ich mega geil. Mit meiner Stimme kam der Erfolg – und vielleicht auch noch wegen der Trompete.

Du hast als Teenager die Schule gewechselt. Wie ist es dazu gekommen, was hast du angestellt?
Ich habe eigentlich nichts angestellt, sondern hatte eher in der alten Schule Schwierigkeiten – und ich glaube auch mit mir selbst. Ich war früher sehr laut, schon so ein bisschen der Klassenclown und habe immer irgendwelche Scheiße gemacht. Ich kam früher auch nicht unbedingt so gut an in der Gruppe der “coolen Jungs“. Das waren die, die Fußball gespielt haben – das konnte ich halt nicht so gut. Ich habe sogar angefangen zu behaupten, ich wäre FC-Nürnberg-Fan, dabei kannte ich praktisch keinen Spieler. Dann habe ich auch noch Trompete gespielt und wurde oft damit aufgezogen: „Du kannst so gut blasen.”
Wie kam dann der Schulwechsel?
Irgendwann hatte ich eine emotionale Explosion im Unterricht. Ich bin ausgerastet, aus dem Unterricht gerannt, habe geheult und mir gedacht: Ich kann das alles nicht mehr. Ich muss die Schule wechseln. Ich brauchte einen Neuanfang. Ich habe mich nie richtig dazugehörig gefühlt. Ich hatte schon Freunde, habe mich aber nicht so gefühlt, als hätte ich welche. Zu dem Zeitpunkt war meine Mutter auch noch Lehrerin an der Schule und mein Onkel war eine Zeit lang der Direktor. Auch dadurch kam es zu Konfliktpotenzial mit anderen Schüler*innen. An der neuen Schule lief alles viel besser, ich habe mich viel wohler gefühlt. Ich habe auch darauf geachtet, mich etwas zurückzunehmen, was meine Aktionen als Klassenclown angeht.

Wie blickst du heute darauf, Mobbing erlebt zu haben?
In der Schule will man natürlich immer zur Masse dazugehören. Ich nehme das heute niemandem übel. Wir waren ja erst 13 oder 14 Jahre alt. In dem Alter versteht man vieles noch nicht so ganz. Wer weiß, ob ich in einem anderen Leben vielleicht die umgekehrte Rolle eingenommen hätte.
Krass ist aber, was für Spuren Mobbing hinterlassen kann. Dass mich die Zeit geprägt hat, merke ich vor allem, wenn es um Unsicherheiten in Freundschaften geht. Bis ich 20 war, war ich nie in einer Position, in der mich zum Beispiel Freunde gefragt haben, ob wir zusammen Urlaub machen wollen. Ich glaube, das spielt bis heute viele Rollen in meiner Musik. Viele Menschen aus meinem Freundeskreis nehmen mich als Hustler wahr, wenn es um Musik geht – und das stimmt auch. Ich glaube, meine Motivation dafür kommt ein Stück weit dadurch, dass ich durch die Zeit früher gelernt habe, nicht darauf zu warten, bis mich jemand einlädt oder mitnimmt. Die Dinge selber in die Hand zu nehmen, das hat mich krass geprägt. Auf der anderen Seite habe ich auch noch die fast schon traumatisierenden Erfahrungen mit den Jungs aus der alten Schule erlebt, meine Mutter ist verstorben, vielleicht haben meine Eltern teilweise auch nicht gecheckt, dass ich eigentlich sehr alleine bin. Ich habe früher schon krass das Gefühl von Einsamkeit verspürt und auch Depressionen aufgebaut. Mit der Musik als Kanal habe ich gelernt, Emotionen und Vergangenes zu verarbeiten.
In deinen Texten spielst du oft auf Themen wie Eskapismus, Isolation und Gemeinschaft an. Wie beeinflussen deine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen deine Songwriting-Prozesse?
Emotionen und Dynamiken sind sehr zeitgenössische Themen. Menschen leben in der Großstadt und fühlen sich trotzdem einsam. Dabei denkt man bei Einsamkeit eher an ein Gefühl, was man bekommt, wenn man alt wird, wenn viele aus dem Umfeld vielleicht schon gestorben sind. Dass auch junge Menschen in Großstädten alleine sind, ist ein wichtiges Thema. Durch Social Media wird eine Parallelwelt aufgebaut, die dich schon auslaugt, bevor der Tag überhaupt begonnen hat.
Deine Musikvideos sind sehr kreativ und symbolträchtig. Welcher Videodreh hat am meisten Spaß gemacht?
“Dachlatte” hat mir schon sehr viel Spaß gemacht. Der Dreh war während Corona. Totz der strengen Regelungen damals haben wir es irgendwie hinbekommen für den Dreh die ganzen Leute zu akquirieren. Wir waren alle vorher getestet und konnten diesen Vibe von einer Jahresversammlung erzeugen. Das haben wir dann auch voll ausgenutzt und richtig Stimmung gemacht. Mein Papa hatte an dem Tag Geburtstag, er hat auch Kuchen bekommen und es gab Sekt und gute Vibes einfach. Mit all den Menschen hat sich der Videodreh extrem nach einem Lichtblick für Freiheit und mehr Gemeinschaft angefühlt.
Gibt es Musiker*innen oder Bands, die dich inspiriert haben?
Auf jeden Fall. Ich nenne da immer Flavien Berger. Das ist ein französischer Künstler, der auch im französischen Kunstfilm-Genre unterwegs ist. Den fand ich immer cool, weil er voll die geile Stimme hat. Dann finde ich auch Alice Phoebe Lou voll cool, weil die so fluffig und frei singt und eine wunderschöne Stimme hat. Gerade höre ich auch wieder mehr Darkwave-Sachen, dieses Schlichte, Spielerische, krass Gesellschaftskritische mit rohen Texten, weil mich gerade einfach diese ganze Pop-Mukke voll zerdrückt. Ich feier’ aber auch Billie Eilish. Ich liebe verspielte Texte. Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als wenn ein Album nur aus Songs besteht, die von Liebe handeln.
Autorin:
Fotografin:
Du liebst uns? Beweis es in Hartgeld.
Wir schalten bei Musik unterm Radar weder Werbung noch gibt es Bezahlschranken oder gekaufte Produktempfehlungen. Das ganze Team arbeitet ehrenamtlich, weil uns etwas daran liegt, Newcomern eine Plattform zu bieten und euch gute Mucke zu zeigen. Weil bei jeder Website aber Kosten anfallen, machen wir Miese. Wenn dir gefällt, was wir schreiben, würden wir uns sehr über ein paar Euro Unterstützung freuen!
2,00 €
Mehr Interviews und Deep Talk 💬
JNNRHNDRXX im Interview: „Ich bin der Screenshot eurer Sünden“
JNNRHNDRXX ist ein Multitalent: In ihrem Schaffen vereint sie Musik, Literatur, Schauspiel und Modeln. Unsere Autorin hat sie getroffen und mit ihr über nervige Labelbosse und die weiße Mehrheitsgesellschaft gesprochen.
SATARII im Interview: „Ich schreibe überall Musik. Im Zug, beim Sport, beim Finanzamt.”
SATARII produziert, schreibt und performt alles selbst. Im Interview erzählt das Mannheimer Multitalent über ihr mehrsprachiges Debütalbum, DIY-Ethos, Erwartungen an weibliche Artists – und warum Rumänisch für sie die meiste attitude hat.
GAVRIIL: „Blind zu sein muss kein Hindernis sein – als Musiker kann es sogar ein Vorteil sein“
Was bedeutet es für das eigene Leben, wenn man innerhalb von einem Jahr fast vollständig erblindet? Wer mit GAVRIIL spricht, hat das Gefühl: gar nicht so viel. Er macht weiter Musik, veröffentlicht eigene Songs, gibt Konzerte und studiert in Köln.
Interview: YETUNDEY, was macht eine Boss Bitch aus?
Sie ist Rapperin, Songwriterin, Produzentin, Musikvideoregisseurin und Tänzerin: Multitalent YETUNDEY hat uns im Interview erzählt, warum sie ihr kommendes Album nach einer psychiatrischen Diagnose benannt hat und wo sie in der Rapszene die größten Hürden für Frauen sieht.
Bands, die Carola feiert 🪄
Kalte Liebe in Frankfurt: Irgendwo zwischen Schall und Schweiß den Dopaminrausch leben
Etwas anderes, als zu tanzen, war nicht drin, als das Berliner Produzentenduo in Frankfurt aufgelegt hat.
Dayyani: Elektropop-Hommage an die Liebe
Eine klare Stimme und Einflüsse aus diversen Genres machen das Debüt von Dayyani zu etwas ganz besonderem.
hellaweitweg: Ode an die eigene Erbärmlichkeit
hellaweitweg macht energiegeladene Musik, zu der man sich frei fühlen und definitiv tanzen kann. Wer sich für Neue Deutsche Welle, Post Punk, Hyperpop, Synth Wave und German Alternative begeistern kann, ist bei ihr gut aufgehoben.







