Die Crowd ist von Sekunde eins an am Start beim Konzert der Punkerinnen Grandmas House. Das Quartett aus Bristol durchdringt den Berliner „Schokoladen“ mit rohen Sounds und fürsorglicher Verletzlichkeit.

© Paul Schlichting
Witz und Fürsorge statt Rockstar-Gehabe: Grandmas House brauchen im Schokoladen keine große Pose, um die Crowd für sich zu gewinnen. Stattdessen entsteht vom ersten Moment an eine nahbare und energiegeladene Atmosphäre.
Schon die ersten Worte, die die Lead-Sängerin Yasmin Berndt an das Publikum richtet, zaubern ein Grinsen auf die Gesichter, das bis zum letzten Song anhält. „Eigentlich wollten wir nochmal von der Bühne und dann wiederkommen, aber wo wir schon mal hier sind, bleiben wir besser einfach da.“
Die vierköpfige Band aus Bristol fühlt sich sichtlich wohl in der niedrigschwelligen Atmosphäre des Schokoladens. Dann geht’s los und der Gig knüpft direkt an die Energie an, mit der die kräftigen Doppelvocals und Powerchords der Vorband Lobsterbomb zuvor eingeheizt hat.
So richtig Fahrt nimmt der Auftritt nach den ersten zwei Songs auf. „Screw It Up“ bringt die Band in einem der Studioaufnahme vorauseilenden Tempo auf die Bühne, und das steigert sich im Laufe des Songs sogar noch.
Feines Gespür für Kontraste
Zwischen Nirvana-artigem Chaos und vulnerablen Passagen zeigt die Band die Kontraste in ihrer Kunst auf verschiedenste Arten. So wird die kraftvolle Stimme von Yasmin Berndt durch die Fragilität ergänzt, die Zoë Zinsmeister mit ihrem Gesang beisteuert.
Poppy Dodgson koordiniert an den Drums souverän die anspruchsvollen Wechsel in Tempo und Taktart. Pollys Gitarren-Leads stechen unterdessen mit teils experimentierfreudigen Tonleitern durch den Sound hindurch, wenn sie diese wie in „Screw It Up“ selbstbewusst einbringt, ohne die Songs damit zu überladen.
Auch auf thematischer Ebene untermalen Grandmas House ihren offenen Umgang mit den teils schweren Themen ihrer Texte mit einem positiven Vibe, der das Publikum das gesamte Konzert über im Griff behält.
Mehr über die Band:
Grandmas House: Anything For You
Wer sich in der Punk-Szene zuhause fühlt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit schon über Grandmas House gestolpert. Auf ihrer aktuellen EP „Anything For You“ vereinen die vier Musikerinnen ihre kompromisslose Energie mit neuen klanglichen Nuancen. Dabei halten sie die Aufmerksamkeit konsequent bei 100 Prozent.
„Should we have a little mosh?“ – Witz und Fürsorge statt Rockstar-Gehabe holen die Crowd ab
Nicht nur interagiert die Band erfolgreich mit dem Publikum und schafft es dabei, eine wirklich großzügig ausgedehnte Merch-Werbepause irgendwie doch charmant zu verpacken.
Auch untereinander kommunizieren die Musikerinnen während des Gigs auffällig herzlich. Mit einem verhaltenen Tippen auf die Schulter und einem verschmitzten Grinsen wird Yasmin Berndt darauf hingewiesen, dass der Rest der Band spontan entschieden hat, den schon etwas älteren Song „Who am I“ auf die Setlist aufzunehmen.
Nach einer kurzen gemeinsamen Findungsphase während des Intros nimmt der Song Fahrt auf und sorgt bei Band und Crowd für ausgelassenes Tanzen. Auch ein kleiner Aussetzer im Intro von „How It Is“ wird mit Humor genommen – kurz drüber gelacht, drei schnelle Hits auf die Kickdrum, Räuspern und neu gestartet, schon hat sich das Quartett wieder gefangen.
Sei es mit einem zwinkernden Dankeschön an die erste Reihe, nachdem Yasmin Berndt sich während eines Songs den Weg durch das Publikum und wieder zurück bahnt, oder mit der Frage „Should we have a little mosh?“, um die Menge vorzuwarnen: Das Miteinander im Schokoladen ist an diesem Abend geprägt von gegenseitiger Fürsorge im richtigen Maß.
Dass Yasmin in eben diesem Moshpit samt Gitarre kurz verschwindet und am Ende des Songs mit den Worten „Fuck me!“ wieder auf der Bühne auftaucht, kürt Drummerin Poppy Dodgson als ihren bisherigen Lieblingsmoment der Tour. Die Stimmung an diesem Abend findet hier ihren Höhepunkt.
Die neue Single macht die Parabel komplett
Nach dem Moshpit nimmt sich die Crowd die Aufforderung zum Tanz weiter zu Herzen und behält auch bei „Body“ die Intensität bei. Als es im Laden so warm geworden ist, dass die Band sich eine klitzekleine Verschnaufpause genehmigen muss, moderiert Dodgson hinter den Drums dann die zuletzt erschienene Single „DOG“ als letzten Song vor der Zugabe an.
Sie nimmt sich hier etwas Zeit, um die Entstehungsgeschichte des Songs zu erklären, erzählt von ihrer vergangene zweijährige Krankheit und die Struggles, die diese in ihr persönliches Leben und die Tourplanung der Band gebracht hat. Umso schöner sei es nun, endlich wieder vor Publikum spielen zu können. Den kathartischen Charakter des Songs lässt die Band in ein angemessen lang gezogenes Outro münden.
Grandmas House zeigen im Schokoladen eindrucksvoll, wie rohe Energie und Verletzlichkeit zusammenfinden können. Die Band kreist in Songs wie „Always Happy“ und „Who Am I“ um Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung, weiß auf der Bühne aber ganz genau, wo sie steht.
Sie werden großen Vorbildern wie Nirvana und den Idles gerecht, bleiben dabei aber authentisch und entwickeln einen eigenen Sound, den sie live mindestens genauso gut vertreten wie auf den Recordings. Eine stimmige Performance also, die sich souverän auf dem schmalen Grat zwischen rotzigem Spaß-Sound und emotionaler Offenheit bewegt. Das Publikum jedenfalls nimmt die besondere Stimmung bereitwillig an.
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