„We decided to destroy our voices tonight!” Das Grunge-Trio The Jins aus Vancouver findet in der Neuen Zukunft in Berlin einen schweißtreibenden, kompromisslosen Tourabschluss. Dabei muss auch das ein oder andere Kleidungsstück dran glauben.

© Paul Schlichting
Das Publikum ist geteilt in zwei Altersgruppen: Einerseits sind es solche, die vermutlich über den leichtgängigen und authentischen TikTok-Auftritt der Band auf das Konzert aufmerksam geworden sind. Andererseits sind da diejenigen, die nostalgisch das Revival des 90er-Jahre-Grunge zu erleben hoffen.
Beide Gruppen (und auch alle anderen in der Crowd) werden an diesem Abend auf ihre Kosten kommen. The Jins nehmen die Spannung, die die Vorband Ganser durch ihre, verzerrten, stellenweise ambienthaft-flächigen Sounds und die verheißungsvollen Töne erzeugt hat, direkt mit und starten energiegeladen und lässig zugleich in den letzten Gig ihrer Europa-Tour.
Ein beeindruckender Kraftakt gegen die Hitze
Die Band spielt in der sogenannten Garage, die nach hinten gelagert hinter der Main Venue der Neuen Zukunft liegt. Wie schnell sich die Luft in der kleinen Location erhitzt, lässt sich unschwer an der Kleiderwahl der Band erkennen: Jamie an den Drums wird schon nach dem zweiten Song sein T-Shirt los und setzt dann wie befreit in „Metro“ ein, nachdem Ben mit dem eingängigen Gitarrenriff den Ton angibt.
Letzterer gibt sich ein paar Songs später ebenfalls geschlagen und verzichtet auf seine „Signature-Jacke“, wonach er nur noch im Micky-Maus-T-Shirt auf der Bühne steht. Das Kopftuch, das Bassist Hudson sich später notdürftig aus einem angereichten Küchenhandtuch von der Bar bastelt, fällt ihm wenige Minuten später wieder vom Kopf – die Berliner Frühsommerwärme stellt die Band auf die letzte Probe ihrer Tour, bei der die Unterstützung der beiden ACs an der Wand eher dürftig ausfällt. Doch statt daran zu verzagen, wirkt es, als würde die Band genau daraus nur noch mehr Energie ziehen.

© Celina Janz
Feinster Garage-Sound in der Garage
Schon zu Beginn der Show erklärt der Bassist, die Band sei nach dieser Tour wohl so gut eingespielt wie noch nie. Das Versprechen wird gehalten, The Jins liefern an diesem Abend eine tighte Performance, die dem lässigen Grunge-Style trotzdem genug Luft zum Atmen lässt. Der routinierte Auftritt der Band wirkt dabei authentisch statt steril-eingeübt.
Die Setlist scheint für den Tourabschluss noch einmal umgestellt worden zu sein. Nachdem die Band einige Songs ihres jüngst erschienen Albums gespielt hat, kündigt Ben an, jetzt würden Songs gespielt, mit denen sie während der Tour ansonsten eher zögerlich waren: „We decided to destroy our voices tonight!“, kündigt er an. Wer sich gefragt hat, was das zu bedeuten hat, bekommt direkt die Antwort, in Form einer Live-Version von „I Can’t Let My Lover Go“, die es in sich hat.
Ben füllt hier den Raum mit gezielt eingesetztem Chaos in seinem fragilen, enthemmten Schreien, das an die Vocals in Nirvanas „Tourette’s“ erinnert. So macht er das Kurt-Cobain-Bingo endgültig komplett: Die Frisur und das Aussehen, das lässige Auftreten in Gestus und Kleidungsstil und die Gitarre von Fender mit Offset-Korpusform treffen auf eine stimmliche Vielfalt zwischen selbstbewusster Ruhe, Verletzlichkeit und Aggressivität. Mit Leichtigkeit, die jeden direkten Vergleich schnell verblassen lässt, switcht er innerhalb dieses Rahmens hin und her. Die Nirvana–Parallelen sind zwar nicht zu übersehen, erscheinen während des Gigs jedoch eher wie eine Marketing–Strategie, hinter der sich musikalisches Talent und Originalität verbergen, die sich einem in The Jins‘ Show nahezu aufdrängen.

© Celina Janz
Das leicht hitzeträge Publikum lässt sich begeistern
Als die Hitze zur Hälfte der Show merklich hochgekocht ist, droht die Energie im Raum kurz zu kippen. Für einen Moment wirkt die Stimmung etwas träge, fast erschöpft. Doch die Band fängt sich: „Fuck it!“, ruft der Frontmann ins Mikrofon, und plötzlich ist klar, in welche Richtung es weitergeht. The Jins entscheiden sich fürs Durchziehen – und reißen das Publikum mit zurück.
Lange Haare werden durch die Gegend geworfen, der Schweiß tropft von den Instrumenten und vor und auf der Bühne sind gleichermaßen zufriedene Gesichter zu sehen. Ben kündigt die letzten zwei Songs an und steigt nach einem hastigen „Thank you“ in „She Said“ ein, das offensichtlich der Publikumsfavorit ist. Eine länger gezogene Live-Version des Songs mit zwei zusätzlichen Half-Time-Passagen treibt die Stimmung zum Abschluss noch mal über die Grenze, es wird enthemmt getanzt und geschwitzt.
Die Zugabe wird durch ein Crowdsurfing-Gitarrensolo gebührend abgerundet und die Band ist merklich erleichtert: Das Ende eines herausfordernden Gigs, den sie zum Abschluss ihrer Tour energetisch gemeistert haben.
The Jins liefern live genau die authentische und kompromisslose Energie, die sich Grunge-Fans von solch einem Gig erhoffen. Das Image der Band bleibt dabei nicht Pose – es zeigt sich als Haltung, die sich auch unter schwierigen Bedingungen behauptet. Am Ende steht kein makelloser, sondern ein hart erarbeiteter Auftritt, der durch sein Durchhaltevermögen überzeugt und den Abend zu einem intensiven Tourabschluss macht. Die Liveshow von The Jins entlässt einen mit einem zufriedenen Grinsen auf den Heimweg, denn eines ist nach diesem Abend in der Neuen Zukunft klar: Grunge is not dead!
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