Estate im Interview: „Bei uns ist alles DIY.“

Kennengelernt haben sich Jim Kramer (Gitarre, Trompete, Bass) und Jasper Riessen (Drums, Saxophon) in der Band ihrer Musikschule in Tübingen. 2019 holten sie Janislav Brickwell aus Jaspers Parallelklasse als Sänger und Keyboarder mit ins Boot und gründeten ihre Indie-Pop-Band Estate. Zu dem Zeitpunkt waren die drei Bandmitglieder gerade 14, 15 und 17 Jahre alt. Mit ihrem ersten Song „Cigarette“ sahnten sie direkt mehr als 80.000 Streams ab und landeten in Spotifys Release-Radar. Inzwischen steuern alle drei dem Ende ihrer Schulzeit entgegen: Jim hat wenige Tage nach diesem Interview seine letzte Abiprüfung geschrieben, die anderen beiden sind in der elften Klasse. Nebenbei haben die drei kürzlich ihre neue Single „Wide Awake“ veröffentlicht.

Jim, Janislav und Jasper von Estate
© privat

Seit zwei Jahren spielt ihr neben der Schule gemeinsam in einer Band. Seit letztem Jahr kam auch noch Corona dazu. Wie funktioniert das überhaupt zeitlich?

Jasper: Vielleicht hatten wir gerade durch Corona so viel Zeit. Unseren ersten Song „Cigarette“ haben wir zum Beispiel in der Coronazeit aufgenommen. Im Lockdown haben wir erst die Zeit gefunden, das anzupacken. Eigentlich hat es uns also in die Karten gespielt – am Anfang jedenfalls. Jetzt geht’s uns langsam bisschen auf die Nerven, weil wir natürlich auch live spielen wollen.

„Cigarette“ ist ja gleich ziemlich erfolgreich geworden. Worum geht es in dem Song?

Janislav: Ich habe mir bei dem Song einen richtigen Badass vorgestellt, der plötzlich merkt, dass er auch Schwächen hat. Er verliebt sich und dann bricht dieses ganze Bild, das er sich jahrelang aufgebaut hat, zusammen und er merkt, was ihm wichtiger ist im Leben.

Ihr seid ja noch eine sehr junge Band. Habt ihr Menschen um euch herum, die euch unterstützen und helfen?

Jasper: Wir haben das Jugendcafé hier um die Ecke, das unterstützt uns ziemlich stark. Da hatten wir jetzt schon ein paar nette Konzerte. Letzten Sommer haben sie für uns extra ein Open Air gemacht.

Janislav: Jaspers Vater spielt Gitarre und ist auch in einer Band. Und es ist ein großes Privileg, dass es bei Jasper unten im Haus einen Proberaum gibt, in dem wir spielen können, wann immer wir wollen. Hier haben wir auch den nötigen Stuff. Das ist echt super, wenn man sich um so etwas gar nicht mehr kümmern muss. Ich glaube, sonst würden wir das gar nicht so hinbekommen neben der Schule. Und ich denke, wir sind alle auch durch unsere Eltern musikalisch geprägt.

Jim: Es gibt auch ein paar Freunde von mir, die eigentlich nichts mit Musik am Hut haben. Einer hat uns zum Beispiel schon viel zu oft für kein Geld irgendwo hingefahren, weil wir was gedreht haben, irgendwas gebraucht haben oder einen Auftritt hatten. Das ist sehr viel Unterstützung, die man nicht erwartet.

Jasper: …oder auch Tim Welz, der jetzt das Video gemacht hat. Der ist ein Freund von uns und macht Videografie. Der hat einfach Bock drauf. Unser Merchandise, das jetzt neu kommt, machen wir auch mit einem Kollegen von uns.

Janislav: Es ist alles immer ein bisschen DIY bei uns.

Was ist die Geschichte hinter eurer neuen Single „Wide Awake“?

Janislav: Ich glaube, da geht es um so eine typische Story: Einer geht fremd und dann großes Herzegebreche. So ein bisschen die Idee, wie man nach einer Beziehung aus dem Leben geworfen wird und die rosa Brille abwirft.

Ich habe gesehen, dass ihr schon mal einen Fernsehauftritt hattet. Wie kam es denn dazu? Und wie hat sich das angefühlt, live im Fernsehen zu sehen zu sein?

Jasper: Manchmal habe ich Bock und dann schreibe ich wahllos Leute an. Ich hatte gesehen, dass sie bei SWR „Kaffee oder Tee“ manchmal Bands einladen und habe denen geschrieben. Und ein halbes Jahr später, als ich die Mail natürlich schon wieder vergessen hatte, ruft mich morgens so ein Dude an und sagt, er ist vom SWR und sie würden nach Tübingen kommen und ein paar Liveschalten ins Studio machen.

Janislav: Fernsehen ist so ein anderes Universum. Es wird alles etwas ernster genommen. Es ist nicht unsere Welt, aber voll interessant. Es wird natürlich auch immer als Instanz angesehen und es ist schon cool, das dann mitzumachen.

Jim: Natürlich wird jetzt auch da nicht die Sendung abgesetzt, weil wir uns verspielen, aber man merkt schon eine gewisse Anspannung und dass man da mit Leuten arbeitet, deren Beruf das ist und dass davon Einschaltquoten abhängen.

Janislav: (lacht) Man merkt, wir sind es nicht gewohnt, mit Profis zusammenzuarbeiten.

Und vor „normalen“ Auftritten, seid ihr da aufgeregt?

Jim: Immer, wenn ich auf der Bühne stehe, sehe ich aus, als wär mein Hund gerade gestorben, hat man mir gesagt. Wenn ich in einer Bandprobe bin, bin ich doch deutlich lockerer. Ich glaube, wenn man unter normalen Bedingungen als Band anfängt, hat man auch mal einen Monat, in dem man vier oder fünf Konzerte spielt. Dass das bei uns weggefallen ist und zwischen unseren Konzerten immer mehrere Monate liegen, bringt einen nicht so richtig rein in dieses Gefühl und man kann sich nicht so dran gewöhnen. Aber Spaß macht es mir trotzdem.

Janislav: Die Aufgeregtheit schwindet ja auch mit dem Konzert. Ich weiß, dass die Sachen, die wir machen, gut sind und ich da mein bestes zeigen kann. Da geht man dann mit einer anderen Nervosität ran als bei anderen Dingen. Das ist bei einem Vortrag im Unterricht was anderes.

Das heißt, du wärst vor einem Referat in der Schule eher nervös als vor einem Auftritt?

Janislav: Ja. Obwohl ich glaube, ich habe damit allgemein nicht so ein Problem.

Jasper: Ich schon! Also in der Schule, da weiß ich, ich habe mich frühestens eine Woche davor mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Jungs sehe ich vier Mal in der Woche und ich weiß, es funktioniert, wenn wir so oft proben. Und ich hab‘ da Bock drauf.

Jim: Ich glaube, gerade weil es mir so wichtig ist, live abzuliefern, habe ich da mehr Probleme. Bei irgendwelchen Referaten kann ich nachts um zwei anfangen und dann morgens in der ersten Stunde völlig übernächtigt dieses Referat halten und überhaupt keine Nervosität aufzeigen. Aber obwohl wir zwei Monate vor einem Konzert hunderttausend Mal die gleichen Songs geprobt haben, ist trotzdem mehr Nervosität da. Einfach weil es mir mehr wert ist.

Wie sieht euer Songwriting-Prozess aus?

Jasper: Die Melodien entstehen im Proberaum beim Jammen. Wenn dann etwas Cooles dabei entsteht, nehmen wir das auf und Jani kommt dann meist irgendwann mit einem Text dazu in die Probe. Jani ist unser Texter und das Big Brain.

Janislav: (relativiert) Na ja…

Jim: Meistens ist 50 Prozent von einem Song nach der ersten Probe fertig und dann kann es sich über Stunden oder Monate ziehen, bis er dann nach viel Streiterei als brauchbar gewertet wird – oder auch nicht. Wir haben bestimmt zehn Songs, die angefangen irgendwo rumgurken.

Janislav: Unser Prozess ist auch einfach den Umständen geschuldet, in denen die Sachen entstehen. Viele Bands, die das professionell machen, würden sich Monate Zeit nehmen, um ein Album zu machen und dann würde sie auf Tour gehen. Wir gucken halt, wann wir Zeit finden und in dieser Zeit wird alles gemacht, was so anfällt. Und dann entwickeln sich die Songs natürlich später auch noch weiter.

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