
Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.
Ein Refugium, eine Zuflucht, kann alles Mögliche sein und an überraschenden Orten und in unvorhersehbarer Gestalt gefunden werden.
Am Lagerfeuer Teil einer wild zusammengewürfelten Gruppe sein, die eine Gemeinschaft wird, laut lachend Verletzlichkeiten teilen und erfahren: Es ist okay, dass du zeigst, dass da etwas ist, das du trägst, das schwer wiegt. Reich es rüber, wir tragen es ein Stück des Weges mit dir. Oder werfen wir den ganzen Scheiß einfach ins Feuer.
In einem kleinen, verrauchten Raum Musik machen, laut, gegen den Strich gebürstet, und zulassen, dass die aus dem Kollektiv entspringende raue Energie dich hinwegträgt wie eine Welle den Surfer.
Im Auto mit einem eben noch fremden Menschen durch eine bezaubernde Landschaft fahren, der Musik lauschen, nicht reden. Spüren, dass dieses gemeinsame Schweigen mehr ist als die Abwesenheit von Worten, und sich dem unerklärlichen Gefühl von Vertrautheit ausliefern.
Auf dem Heimweg in einer verregneten Nacht von einer dicken orangen Katze in einem Hauseingang aufgelauert und mit lautstarkem Miauen zum Streicheln aufgefordert werden.
Das hier ist kein „Das Leben ist so zauberhaft, du musst die kleinen Momente wertschätzen“-Text, oh nein. Fakt ist, es ist niemals eine Lösung, sich Noise-Cancelling-Kopfhörer aufzusetzen, die Wirklichkeit auszusperren und ein Tourist im eigenen Leben zu werden. Brennt es, lösch es. Verweigerst du dies, ist dein Refugium bloß ein Gefängnis. Das wird manchmal verwechselt.
Ein Song kann ein Refugium sein (aber kein Gefängnis). Auf meiner jüngsten Reise ließ ich zu, dass neue Musik sich in meinem Hirn und meinem Herzen festsetzt. Befürchtete ich zunächst, es endet wie mit dem Wein, den man aus dem besuchten Land mitbringt und der auf dem heimischen Balkon einfach nicht mehr so gut schmecken mag wie am Strand, ging alles gut. Die Musik von Maro hypnotisiert mich auch in der Regionalbahn Richtung Köln.
Michael Kiwanuka hatte ich zu früh wegen seines Erfolges aussortiert. Sorry, mein Fehler.
Er und ich möchten einfach bloß nach Hause.
Nick Mulvey zieht Grenzen: No More „I Love You’s'“. Das soll diskutiert werden.
Der freundliche junge Hippie, der mir morgens mein Frühstück zubereitet, hört Brophy, was mich so einnimmt, dass mein Blick starr wird und das Rührei auf meiner Gabel kalt.
Katherine Brophy aus Nashville, Tennessee, spielt Folk. Dezent instrumentiert und mit hauchender Stimme vorgetragen wirkt ihre Musik wie auf den Ozean starren, die Füße im warmen Sand vergraben.
Klanglandschaften können beim Hören Bilder in deinen Kopf zaubern, so wie das Betrachten von echten Landschaften oder die Erinnerung an selbige, was unmittelbar Gefühle auslöst. Ich wage die These, die richtige Musik zur richtigen Zeit ist ein Refugium, das du stets dabei hast, auf dem Smartphone oder wenn du die Melodie eines Liedes summst, das dir etwas bedeutet. Sie ist ein Ticket, ein Foto, ein Schild oder eine Umarmung. Vielleicht sogar ein Kuss. Ist das nicht beruhigend?
Autor:
René Grandjean
Die letzten Folgen „riffs & rants“:
Die Paradiesvögel des Harry Styles
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2005 hängt unser Kolumnist René zwischen Provinzflucht und Stagnation fest – bis ein unaufgeregter Scheißtag im Juni eine Wendung anstößt.
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Wir sind klamm.
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