Die Manfreds live: Ich wollte doch bloß einen Zwiebelkuchen

Ein energiegeladener Auftritt einer Band auf der Bühne beim Bonn Open Air, mit einem Sänger in Glitzeroberteil und kurzen Hosen, umgeben von weiteren Bandmitgliedern in bunten Outfits.

Neulich radelte ich mit einem Freund den Berg hinauf in die eher ländlichen Teile unserer Stadt. Uns war nach Dorfidylle, und wir wurden nicht enttäuscht. Zwiebelkuchen, Kinderdisco, Kunsthandwerk und Büchsenwerfen.

Finaler Akt auf der Bühne vor der Kirche, die Manfreds, nach eigener Aussage die ärmste Band der Welt. Woran es ihnen mangelt, weiß ich nicht. Sicher nicht an Zuspruch, immerhin schafften sie es bereits bis zum Ruhrpott-Rodeo, das adelt. Zudem reisen sie mit eigenem Fanklub an. Aber Armut tritt ja in vielerlei Gestalt auf den Plan und ist nicht immer offensichtlich.

In meiner Lebensrealität sind die Manfreds seit geraumer Zeit allgegenwärtig. Uneingeladen. Kaum stehen drei Leute mit Bier vor einem Büdchen, schleichen sie mit Bollerwagen, Kazoo und Gitarren um die Ecke und machen Lärm wie unartige Kinder. Selbst auf Trauerfeiern hörte ich schon ihre Songs. Diese aufdringliche, gottgleiche Omnipräsenz weckte mein Misstrauen und ich entschied, sie scheiße zu finden. Don’t trust the hype. Das lief okay für alle Beteiligten. Bis zu jenem Moment auf dem Kirchplatz im Dorf auf dem Berg. Ich wollte gehen, ließ mich jedoch mit Bier bestechen und blieb, und das hatte seinen Preis. 

Die Manfreds spielen Punkrock mit deutschen Texten, wie es viele (zu viele) Bands tun. Bass, Gitarre, Schlagzeug, Vocals – so weit, so gewöhnlich. Die Texte sind mit allerlei Lokalkolorit gespickt, das ist clever und balanciert auf dem schmalen Grat zum Karneval. Aber sie fallen nicht, und wenn, wäre es ihnen vermutlich komplett egal. Etwas Fäkalhumor und Politik, letzteres aktuell wichtiger denn je, und das äußerst unverblümt, geht klar mit mir.

Nun kommt’s. Zwischen den vielen, zumindest mir egalen, genretreuen Vier-Akkord-Songs haben die Freds tatsächlich eine Handvoll großartiger Ohrwürmer geschaffen (z. B. „Altstadt Boys/Girls/Divers“). Und hinter der clownigen Präsentation erahne ich (und ich hoffe, ich trete der Band damit nicht zu nahe), wenn auch die meiste Zeit gut versteckt, eine feingeistige Tiefe. „Und am Ende macht das alles gar keinen Sinn. Ich allein am Hardtberg und du in scheiß Berlin. Und vor dir zerdeppert eine Billigflasche Gin und das Feuer über Wesseling.“ Das touched mich. 

Aber lassen wir die Kirche im Dorf (haha). Das meiste ist zum Mitgrölen und betrunken Spaßhaben. „Alles ist kacke und nichts ist wunderbar“. Na ja. An diesem Nachmittag in der Septembersonne sind alle um mich herum bester Laune, auch wenn die Band die Wahl in Sachsen-Anhalt thematisch nicht ausspart. Der letzte Tag in Freiheit, moderiert Sänger Axel so oder so ähnlich, und wir lachen. 

Wenn dann im Laufe des Konzerts ein junges Mädchen in einem Schlauchboot auf dem Publikum surft, ein 95‑Jähriger aus der ersten Reihe auf die Bühne geholt wird, tatkräftig unterstützt von Band und Publikum „Rote Lippen soll man küssen“ und „Capri-Fischer“ singt, und im Anschluss schwerlich zum Schweigen gebracht werden kann, oder ein überdimensionaler Ball im Publikum allerlei Verheerungen anrichtet, dann ist dies extrem bescheuert, rührend, liebevoll und äußerst unterhaltsam. Und das kann man nicht scheiße finden.

Die Manfreds, evtl. Bonns bes…. Nein, das geht zu weit. Bonns ärmste Band! Wir sehen uns. Aber bleibt weg von meiner Beerdigung.

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