In ihrer neuen Kolumne nimmt sich unsere Autorin Conci starke Alben und EPs vor und taucht richtig tief ein. Es geht um die Storys und Details hinter der Tracklist, um Klang-Basteleien und eine neue Perspektive auf elektronische Musik. Dies ist die zweite Folge.
Das italienische Duo Tare macht im Grunde Memes für die Ohren. In ihren Songs treffen Internet-Humor, Sprachfetzen und Absurdität auf elektronische Klänge und komplexere Musikalität. Das neueste Album GAS klingt wie Scrollen durch Social Media: vielseitig, an manchen Stellen vielleicht chaotisch und trotzdem hat man Spaß.
Schon der erste Track zieht uns mitten hinein in die italienische Meme-Kultur: ein Teppich-Werbespot, der vor ein paar Jahren viral ging, trifft auf einen der wichtigsten Rhythmen der elektronischen Musik: den Amen Break. Ein Drumpattern aus einem 1969er Soulstück, das seit den 90ern alles prägt, was mit Drum and Bass und Jungle zu tun hat. Für Tares Album das Fundament fast jeden Songs.
Entstanden ist das Duo 2019 in Vicenza in Norditalien, gegründet vom Schlagzeuger Leonardo Ziche und dem Bassisten Alberto Munarini, der nebenbei seit acht Jahren auch als professioneller Koch arbeitet. Als Teenager waren sie große Fans von Mehlianas Taming the Dragon. Ein Mix aus Jazz und Elektronik, der einen hörbaren Einfluss auf ihren eigenen Sound hat.
Heute beschreiben sie ihre Musik, passend zu Albertos Koch-Vergangenheit, als „Tartar aus Drum&Bass und Mayonnaise aus Dub“, und genauso schmeckt GAS: vielseitig und ein bisschen absurd.
Neben ihrer Meme-Inspiration fließt auch viel Contemporary Jazz ein. Besonders hörbar in “Pufu”, einem bluesigen Swing-Track mit tiefem Bass und warmen Saxofonen. Aber GAS lässt sich nicht mal nur auf DnB und Jazz reduzieren: Auf „Costeene“ tauchen plötzlich Surf-Rock-Gitarren auf: viel Reverb, viel Tremolo, schnelle Riffs. Typisch bei Klassikern wie “Miserlou” von Dick Dale.
Auf „Dubai“ wird es dann fast schon unheimlich. Der Track orientiert sich an einem Meme, in dem ein Junge benommen nach einer OP über Dubai und Kamele spricht. Dieses ‚Unheimliche‘, was man aus Horrorfilmmusik kennt, erreicht man durch Atonalität. Das heißt: Es wird kein Grundton verwendet, wir Zuhörenden bekommen also keinen ‚Halt‘ und das sorgt für Dissonanz, die einen richtig nervös machen kann.
Der Song, den du nicht skippen solltest:
Und dann gibt es noch „Gigi”. Den Song, den man wegen der Produktion und der ganzen Idee, die hinter dem Track steckt, nicht skippen sollte! Gigi ist eine typische italienische Abkürzung für Luigi und sobald dieser kleine „Münzsound“ auftaucht, weiß man sofort, welcher Luigi gemeint ist. Für diesen Mario-Kart-Style Song haben Alberto und Leonardo sogar ein echtes Arcade-Game entwickelt.
Fun Fact am Rande: Der ikonische Mario-Münzsound wurde damals von Komponist Koji Kondo mit einem simplen Wellengenerator auf der Nintendo-Hardware gebaut. So ikonisch, dass Nintendo ihn 2016 sogar markenrechtlich schützen ließ.
Obwohl ich zu Hause mit ausschließlich italienischer Kultur aufgewachsen bin, waren Memes und Internet für mich meistens deutsch oder englisch. GAS war also das erste Mal ein Anlass für mich, intensiver in den italienischen Internet-Humor einzutauchen. Kombiniert wird das Ganze mit dem, was ich mit am meisten liebe: elektronische Musik, die sich von allen Richtungen und Stilen inspirieren lässt.
Tare selbst erklärt, dass “Gas!” ein Ausdruck sei, den sie von einem befreundeten Schlagzeuger übernommen hätten. Er steht für Enthusiasmus, Vorfreude und volle Energie. Also im Grunde genau wie der Sound vom Album: ein wenig aufgedreht.
Autorin:
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In ihrer neuen Kolumne „Conci’s Deep Dive“ nimmt sich unsere Autorin starke Alben und EPs vor und taucht richtig tief ein. Es geht um die Storys hinter der Tracklist, um Klang-Nerdtum und eine neue Perspektive auf elektronische Musik. Dies ist die erste Folge.
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