
Unser Autor René ist selbst Musiker und passionierter Pop-Fan. Als etwas älteres Semester musste er von Boybands in Baggy Pants über Grunge bis K-Pop schon so einiges mitmachen. In seiner Kolumne „riffs & rants“ blickt er für uns mehr oder weniger regelmäßig auf neue Musik, Trends und Pop-Phänomene.
Keine fünf Minuten nach Fahrtantritt bricht meine ausgeklügelte Planung zusammen. Ihr Anschluss ist voraussichtlich nicht erreichbar. So lande ich in dem Zug, den ich unbedingt vermeiden wollte. Aber anders als befürchtet ist der ICE Richtung Amsterdam an diesem Pfingstwochenende nicht voller betrunkener Kegelbrüder und ‑schwestern.
Beim Betreten wehen mir im Luftstrom der Klimaanlage bunte Federn entgegen, als hätte jemand eine Kolonie exotischer Vögel geschreddert. Junge Menschen mit Federboas sitzen in den Gängen. Ich reihe mich ein, und es gelingt uns dermaßen, im Weg zu sein, dass der Schaffner ein Abteil öffnet, das für Reisende mit Kindern designt ist. Überall Schäfchen und Regenbögen. Hübsch. Finden auch die beiden jungen Frauen, um die sechzehn, die mir gegenüber Platz nehmen.
„Fahren Sie auch zum Harry-Styles-Konzert?“, fragt mich die eine nach ein paar Kilometern.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich will ans Meer. Aber ich mag Harry Styles.“
„Welche Songs denn?“, fragt sie kritisch nach, und wie um mich zu akkreditieren, zücke ich mein Handy. „’Late Night Talking‘, ‚Matilda‘ und ‚Sign of the Times‘ sind in meiner Favoriten-Playlist. Letzterer, es gibt einen Prince-Song, der heißt beinahe gleich, den mag ich noch lieber.“
„Meine Mutter hört Prince“, sagt die andere. „Kiss!“
Ich lächle und nicke.
„Wer ist das auf Ihrem T-Shirt?“, fragt die eine. Ich finde es gut, dass sie mich siezt.
„David Bowie.“
„Den mag meine Mutter auch“, weiß die andere. In mir keimt der Wunsch auf, das Abteil mit der Mutter zu teilen.
„Er war ein Genie, seiner Zeit weit voraus. Meistens“, höre ich mich erklären. „Und ihr, warum Harry?“
Die Frage knallt.
„Er ist einfach – frei“, fängt die eine an und sucht kurz nach Worten, während sie an einer pinkfarbenen Feder ihrer Boa nestelt. „Es ist vollkommen egal, wer du bist, wie du aussiehst oder wen du liebst. Bei seinen Konzerten ziehen alle an, worin sie sich glücklich fühlen. Keine Vorurteile, kein Stress. Er steht da im Pailletten-Jumpsuit, ist der weltweit größte Rockstar und transportiert einfach nur Liebe. Treat People With Kindness, das ist nicht nur ein Spruch bei ihm, das spürst du richtig.“
„Ja, und er ist nicht so toxisch“, wirft die andere mit leuchtenden Augen ein. „Nicht wie diese ganzen Alpha-Typen auf TikTok oder die Rapper, die dir erzählen wollen, wie ein echter Mann zu sein hat. Harry bricht das alles auf. Er zeigt sich verletzlich. Er trägt Kleider auf dem Cover der Vogue und lackiert sich die Nägel, aber er verstellt sich nicht. Es wirkt nicht fake. Und die Musik. Das ist nicht dieser seichte Plastik-Pop aus dem Radio. Das hat doch voll den Retro-Vibe, das klingt nach den Siebzigern, nach Fleetwood Mac oder so. Voll warm.“
Fleetwood Mac, ich bin beeindruckt.
Die eine nickt heftig. „Genau. Wenn du ‚Matilda‘ hörst – er singt da über ein Mädchen, das von ihrer Familie nicht geliebt wird, und sagt ihr, dass es okay ist, zu gehen und sich eine eigene Familie zu suchen. Das ist so real. Man fühlt sich gesehen. Es ist, als würde er eine Decke über uns alle legen und sagen: Ihr seid hier sicher. Wer macht das denn heute noch?“
Ja, wer macht das heute noch? Bowie nicht mehr. Obwohl er vieles davon tat, bereits vor Jahren, aber das behalte ich für mich, weil das für die beiden scheißegal ist. Zu Recht.
„Sie sollten mitkommen“, sagt die eine plötzlich und schaut mich mit schiefem Kopf an. „Da sind voll viele alte Leute. Also wie Sie. Also nicht alt alt, aber… Sie wissen schon.“
Ich lache. „Ich denke darüber nach.“
„Nein, echt jetzt!“, hakt die andere ein. „Haben Sie das neue Album überhaupt gehört?“
Ich schüttle den Kopf. „Bisher nur die Singles, um ehrlich zu sein.“
„Das müssen Sie aber tun“, sagt sie streng, fast wie eine Lehrerin, die mir Hausaufgaben aufgibt. „Sofort, wenn Sie am Meer sind.“
„Versprochen.“
Der Zug schlingert in eine Kurve, und die bunten Federn auf dem Boden tanzen kurz im Wind der Lüftung. Ich schaue auf mein Display, wo immer noch die Playlist offen ist.
„Und was passiert“, frage ich und blicke von meinem Handy auf, „wenn auf einem Harry-Styles-Konzert jemand nicht mit Kindness behandelt wird? Wenn da einer quergeht?“
Die beiden schauen mich an, als hätte ich gefragt, was passiert, wenn man in der Schwerelosigkeit eine Kerze anzündet. Ein kurzer Moment der Irritation, dann zieht die eine die Schultern hoch.
„Das passiert eigentlich fast nie“, sagt sie, und ihre Stimme bekommt so einen entschlossenen Unterton. „Aber wenn doch mal einer stresst, homophobe Sprüche reißt oder die Mädels blöd anmacht, dann regeln das die Fans. Sofort.“
„Echt?“, frage ich. „Wie?“
„Die buhen nicht mal“, wirft die andere ein und grinst ein wenig gemein. „Die machen einfach eine Wand. Wenn du dich scheiße verhältst, drehen sich dreißig Leute in Federboas gleichzeitig um und zeigen dir den Rücken. Du wirst unsichtbar gemacht. Ausgeblendet. Die Leute singen noch lauter, direkt vor deinem Gesicht, aber nicht mit dir – gegen dich. Bis du von allein gehst, weil du merkst, wie lächerlich du in deinem Hass bist.“
„Es ist wie ein Raum, der dich aussaugt, wenn du giftig bist“, ergänzt die Erste heftig nickend. „Und Harry bekommt das von der Bühne auch voll oft mit. Der stoppt dann mitten im Song. Er sagt nicht mal viel, guckt denjenigen einfach nur an, bis das ganze Stadion es sieht. Und dann schmeißen die Securitys dich raus, während achtzigtausend Leute klatschen. Wer da scheiße ist, hat sofort verloren.“
Mein Zielbahnhof kommt in Sicht, ich packe mein Zeug, bedanke mich bei den beiden, steige aus und wünsche mir, die Welt wäre ein Harry-Styles-Konzert. Vielleicht wird sie das ja noch. Am Meer höre ich, wie versprochen das neue Album Kiss All The Time. Disco, Occasionally. Es ist mir nicht möglich, das mit den Ohren eines Sechzehnjährigen zu hören, natürlich nicht. Aber ich bemerke die Magie in der Musik von Harry Styles, und vielleicht sitzen die beiden Mädels in dreißig Jahren mit seinem Gesicht auf dem T-Shirt in einer Fähre zum Mars und erzählen Teenagern von der Venus, wie es damals war.
Autor:
René Grandjean
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