ENGIN machen auf ihrer „Sag mir Almanya“-Tour Halt in der Kölner Kantine, und der gut gefüllte Veranstaltungsort platzt an diesem Freitagabend mit rund 900 Menschen fast aus allen Nähten. Sie alle haben sich entschieden, den Frühsommerabend nicht im Biergarten, sondern zwischen schwarzer Bühne, Betonwänden und dichter Atmosphäre zu verbringen und haben damit eine gute Wahl getroffen.

alle Fotos: © Sezer Yilmaz
Für ENGIN ist es der 29. Termin einer Tour, die das Trio quer durch Europa bis in ihre Heimat Mannheim führt und Köln zu einem Knotenpunkt zwischen Sprachen, Szenen und Biografien macht. Schon der Einstieg zeigt, dass die Band an diesem Abend eher auf Atmosphäre als auf schnelle Effekte setzt. „Bu Gece Kül Oldum“ beginnt langsam, fast schwebend. Weniger ein klassischer Opener mit großem Knall als vielmehr ein behutsames Eintauchen.
Die türkischen Zeilen über verlorene Wärme und eine Nacht, in der man zu Asche wird, hängen sofort im Raum. Die Band steht im Halbdunkel, der Sound ist warm und dicht, die Stimmen im Publikum werden leiser. Hier passiert nichts nebenbei.
Das Publikum spiegelt ziemlich genau das wider, worum es ENGIN geht. Neben Menschen, die jede türkische Zeile mitsingen, stehen viele, die die Band über TikTok entdeckt haben, ebenso wie Besucherinnen und Besucher mit Bezug zum Anadolu Rock und zu Namen wie Barış Manço. Zwischen ihnen entsteht ein stilles Einverständnis: Man kommt aus unterschiedlichen Richtungen, teilt aber diesen Raum.

Musikalisch liefert das Trio eine konzentrierte, souveräne Show. Engin Devekiran (Gesang, Gitarre), Jonas Stiegler (Schlagzeug) und David Knevels (Bass) verbinden Indiepop, Rock und anatolische Einflüsse zu einem organischen Sound. Die Songs wechseln mühelos zwischen Deutsch und Türkisch, mal poppig, mal psychedelisch und mit klarer melodischer Linie.
ENGIN: Musik zwischen zwei Welten
Bei ENGIN aus Mannheim mischen sich Einflüsse von psychedelischer Musik mit Sounds türkischer Künstler der 60er- und 70er-Jahren. Das ergibt einen spannenden Mix aus E-Gitarren, groovigen Rhythmen und einer ganz eigenen Stimmung.
Mit „Şeker“ kommt früh ein erster Höhepunkt. „Du bist Şeker, doch du tust mir nicht gut“ sitzt sofort, der Refrain wird zum gemeinsamen Ohrwurm. Live kippt der Song stärker in Richtung Indie-Rock, der Bass treibt, das Schlagzeug setzt Akzente. Man versteht schnell, warum die Band als Social-Media-Phänomen zwischen Deutschland und der Türkei gilt.
Zwischen den Songs wird Devekiran zum Erzähler. Anekdoten über Mehmet Abi aus Mannheim, über den „Kiosk Yüksel“, über Scrollen, Dopamin und das Gefühl, ständig woanders zu sein, verbinden die Stücke zu einem lockeren Bogen. Statt Beiwerk sind die Geschichten Teil des Konzepts: ENGIN erzählen konsequent vom Dazwischensein.
Der Titelsong „Sag mir Almanya“ verdichtet diesen Ansatz. „Frust, Wut, Angst zwischen Çay und Champagner“ hallt durch die Kantine, und als Devekiran singt „Almanya, bitte bitte geh in Therapie“, mischt sich Lachen mit Wiedererkennen. Der Satz „Dieser Raum ist Almanya“ wirkt hier nicht wie eine Metapher, sondern wie eine Beschreibung des Publikums selbst.
Im letzten Drittel wird es stiller. „Gurbet“, ein Lied über das Leben in der Fremde, wird zum emotionalen Zentrum. Wenn Zeilen über Istanbul, Karlsruhe und zu kleine Koffer erklingen, verändert sich die Stimmung spürbar. Man sieht Tränen, hört Stille, spürt ein schwer greifbares Heimweh, das auch ohne Sprachkenntnisse funktioniert.
Genau hier zeigt sich die Stärke von ENGIN: Sie machen Identität und Heimat erfahrbar – über Klang, Präsenz und Publikumsnähe. Wer eigene Bezüge zur Migration hat, hört mehr, aber auch ohne sie bleibt die emotionale Wirkung klar.
Kurz vor dem Ende fliegen Einwegkameras ins Publikum. Statt perfekter Social-Media-Bilder für den Feed entstehen analoge Schnappschüsse.
Am Ende steht eine verschwitzte, aufgeladene Kantine voller Menschen, die sichtbar bewegt nach Hause gehen. ENGIN spielen einen dichten, präzisen Abend – musikalisch klar, emotional offen und mit Haltung. Für Köln wird „Almanya“ für ein paar Stunden greifbar. Und genau das bleibt hängen: dass man diesen Raum vielleicht sogar etwas anders verlässt, als man ihn betreten hat.
Autor:
Und jetzt alle: „Music journalism is not dead!“
Wir schalten bei Musik unterm Radar weder Werbung noch gibt es Bezahlschranken. Das ganze Team arbeitet ehrenamtlich, weil uns etwas daran liegt, Newcomern eine Plattform zu bieten und euch gute Mucke zu zeigen. Weil auch bei uns aber Kosten anfallen, machen wir Miese. Wenn dir gefällt, was wir schreiben, würden wir uns sehr über ein paar wenige Euro Unterstützung freuen!
2,00 €
Neue Beiträge:
Frauen an der Front – die neue Ära des Pop
Die Popwelt gehört den Frauen, schreibt unser Kolumnist, und liefert einige starke Belege mit, die ihr gehört haben solltet. Und er brieft euch, auf welchen Gig ihr eure Oma lieber nicht mitnehmen solltet.
Filiah: Indie-Folk fürs Loslassen, Neuanfangen und alles dazwischen
Ihren Stil beschreibt die österreichische Künstlerin Filiah als „Indie-Folk mit einem glitzernden Funkeln von Pop“. Warme Gitarren, und atmosphärische Arrangements bilden das Fundament ihrer Musik, dazu kommen Lyrics mit viel Intimität.
Vianne: Indie-Folk zwischen Tagebuchseiten und Großstadtlärm
Vianne hat schon mit elf ihre ersten Songs geschrieben, sich selbst das Produzieren beigebracht und war zuletzt eine von vier Teilnehmerinnen der Pop-RLP-Masterclass. Bemerkenswert ist vor allem ihre facettenreiche Stimme und die Melodien, die trotz Indie-Grundlage immer auch einen unerwarteten Twist haben.
Mehr Konzertberichte
Das war das Kimiko-Festival 2026: Tausende Fans in Feierstimmung treffen auf neue Ohrwürmer und alte Bekannte
Aus dem Aachener Sommer ist das Kimiko inzwischen gar nicht mehr wegzudenken: Seit 2018 verwandelt die Festival-Crew den RWTH-Campus in eine Feierzone samt wissenschaftlichem Rahmenprogramm. Wir waren am Start und haben euch paar Highlights rausgepickt.
Ein Abend mit Zolani Mahola zwischen Freshlyground, „Waka Waka“ und neuen Geschichten
Den Berlinerinnen und Berlinern hat die großartige südafrikanische Musikerin Zolani Mahola als erstem Publikum überhaupt am Freitag ihr neues Soloalbum vorgestellt.
Grunge bis ans Limit – The Jins zelebrieren Tourabschluss in Berlin
„We decided to destroy our voices tonight!” Das Grunge-Trio The Jins aus Vancouver findet in der Neuen Zukunft in Berlin einen schweißtreibenden, kompromisslosen Tourabschluss. Dabei muss auch das ein oder andere Kleidungsstück dran glauben.



