treibgut machen aus ihrer Release-Show eine dicke Party

Shoegaze, Punk – und treibgut! Das Berliner DIY-Punk-Duo präsentiert im OGH Berlin ihr Debüt-Album „reinigungsmittel“ und macht gemeinsam mit den Vorbands aus der Release-Show ihres ersten Albums eine Party, die sich gewaschen hat.

„Sorry, geht ihr ganz zufällig heute hier auch auf das treibgut-Konzert?“ Mit der Frage fängt der Abend am Freitag an, der für mich schon zu scheitern droht, bevor er überhaupt angefangen hat. Denn der Weg zum Berliner OGH ist alles andere als einfach zu finden. Glücklicherweise treffe ich am S-Bahnhof direkt auf zwei hilfsbereite treibgut-Kenner, von denen ich mich durch Neuköllner Hinterhöfe und Treppenhäuser leiten lasse. Uns erwartet ein subversiv anmutender Ort, der, einmal gefunden, gleich ein sympathisches Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Der Ton für den Abend ist gesetzt.

Während die Menschen sich noch bei Flaschenbier und Gesprächen vergnügen, widmet sich die erste Vorband dem letzten Feinschliff am Sound. Dann eröffnet Lovegaze die Show mit einem vielseitigen Shoegaze-Set. Sie liefern dabei sowohl die traurigen Songs, die sich treibgut von ihnen gewünscht habe, als auch ein energetisches Set-Ende, an das Das Aus der Jugend als zweite Vorband gut anknüpfen kann.

Die Punkband aus Freiburg und Hamburg heizt dem sich zuvor noch wohlig wogenden Publikum mit einem tighten Set und wütenden Texten ein. Lohnarbeit und Friedrich Merz kommen dabei nicht gut weg, die Crowd tanzt und pogt schon jetzt ausgelassen und der Abend braucht keinen langen Anlauf, um in Fahrt zu kommen.

Ein Herzensprojekt mit Tiefgang

Ohne große Pause betritt treibgut die Bühne und greift die Energie im Raum gut auf. Sänger*in und Gitarrist*in Nils Svenja fordert die Crowd auf, genau da weiterzumachen und verspricht zu Beginn der Show „das ganze Album, von A bis Z“ – und die Band liefert.

Schon der erste Song „angst“ macht durch Text und Musik klar, worum es heute Abend gehen wird: die Energie, die durch den Mut entsteht, sich verletzlich zu machen. Spoiler: Sie ist immens und öffnet dem Abend die Tür zu einer genreaufweichenden Albumrelease-Show, die Nils Svenja schon zu Beginn als „ein fucking Traum“ beschreibt.

treibguts Debütalbum navigiert von Anfang an spielerisch durch diverse Subgenres: Während „angst“ dem Album mit dem Breakdown einen Hardcore-artigen Auftakt gibt, trieft „kaviar“ in guter Garage-Punk-Manier nur so von zynischer Gesellschaftskritik. Die familiäre Atmosphäre des Events und des Venues macht die Interaktion mit dem Publikum einfach und natürlich – die Band steht nun vor denen auf der Bühne, mit denen sie eben noch zu der Musik der Vorbands getanzt haben. Als während des Songs „herz“ der Protagonist aus dem dazugehörigen Musikvideo in Person auf die Bühne springt, um ein paar Worte im Mikro mitzusingen und beim Hinuntertanzen das Kabel aus dem Mikro reißt, wartet Nils Svenja lachend, bis der Drummer von Das Aus der Jugend es wieder angefriemelt hat.

Mit „spiegel“ kündigt Nils Svenja den persönlichsten Song des Albums an und läutet die Phase der Show und den Teil des Albums ein, die die Besonderheit des Projekts treibgut am klarsten aufzeigen. Gewidmet ist der Song „allen fellow gender queers“, und so schafft die Band zunächst vor der Bühne Platz für einen „FLINTA*-Moshpit“, der sich schnell füllt. Dann wird mit dissonanter Tonalität der Song „spiegel“ angestimmt. Durch eindringliche Wiederholungen thematisiert der Song über Genderdysphorie die Frage nach Selbstliebe, wenn das eigene Selbstbild kaum greifbar scheint. Man spürt Leidensdruck genauso wie das Bedürfnis, sich davon freizuschreien.

Während „spiegel“ textlichen Tiefgang noch mit lauten Grunge-Tönen und berstenden Schreien verbindet, präsentiert treibgut den Song „geist“ auf eine für die Band ganz andere Art. „Wir verlassen jetzt offiziell das Genre des Punks“, sagt Nils Svenja, greift die Akustikgitarre und begibt sich zusammen mit Drummer Phil in die Mitte der Crowd, die sich auf Bitte hin alle im Kreis hinknien und -setzen. Rücken an Rücken stehend performt das Duo eine Unplugged-Version des Songs, die die Stille im Raum durchdringt. Die Zuhörenden halten inne und lassen den Moment mit diesem Bruch im Punk-Genre für eine kurze Zeit schweben.

Von lauter Energie zur gekonnten Theatralik am Schluss

Trotzdem ist die Band sehr bedacht darauf, die Energie wieder einzufangen und holt Joëlle, die Sängerin von Lovegaze, zurück auf die Bühne. Gemeinsam geben sie der Crowd mit dem Song „model“ einen sanften Wiedereinstieg zurück in Richtung Punk. Mit sanft ist es danach aber auch wieder vorbei, kurz und knackig rüttelt „dreckskind“ auch die Letzten wieder wach.

Dann zieht treibgut mit „tauben“ die Energie noch einmal ordentlich an. Das Mainriff klingt fett und phrygisch, irgendwo zwischen Punk und Heavy Metal. Bevor es dann in die letzten beiden Songs geht, wird noch einmal nachjustiert „Ich stimm’ jetzt hier nochmal meine Gitarre, damit das auch schön wird“. Dass Joëlle von Lovegaze für „du“ erneut auf die Bühne kommt, passt zum Abend: Die Grenzen zwischen den Bands sind längst fließend geworden. Die Theatralik des Songs gibt anschließend die Richtung für „ende“ vor, das dem Album sowohl musikalisch als auch lyrisch einen gebührenden Abschluss bereitet.

Doch Schluss ist damit noch lange nicht. Für „Ich will dein Hundi sein“ kommt auch Das Aus der Jugend noch mal auf die Bühne, und das OGH wird zum kollektiven Ausnahmezustand. Auch Nils Svenja und Phil stürzen sich nach der Hälfte des Songs von der Bühne auf die Tanzfläche. Was als Release-Show für ein Debütalbum begonnen hat, endet als die gemeinsame Party mit einem Album, das sowohl für die Artists als auch die Hörenden etwas Befreiendes hat.

Die Show ist auf vielen Ebenen ein Auf und Ab: musikalisch, emotional und körperlich – das Publikum geht auf die Knie, springt, tanzt und mosht. Von Anfang an entwickelt sich ein Gemeinschaftsgefühl, das über den Abend hinaus anhält. Mit „reinigungsmittel“ präsentiert treibgut nicht nur die eigene Musik, sondern zeigt auch viel von sich selbst. Politisch, persönlich, laut und verletzlich macht das Duo ein vielseitiges musikalisches Angebot, das sich auch nach dieser Show und mehrmaligem Durchhören des Albums nicht erschöpft.

Autor:

Paul Schlichting


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