Alin Coen im Interview: „In Physik und Astronomie ist große Poesie und Magie verborgen“

Alin Coen ist in der deutschen Singer-Songwriter-Landschaft wohl eine der besondernsten Stimmen. In ihren lyrischen Texten finden sich feine Beobachtungen über die Zwischenmenschlichkeiten des Lebens. Dabei ist das Schreiben für sie durchaus harte Arbeit, wie sie erzählt. Einer ihrer Songs musste immerhin ganze zwölf Jahre auf seinen Text warten.

Am 29. Mai erscheint ihr neues Album Du bedeutest mir die Welt, anschließend geht Alin bis in den Herbst hinein auf Deutschlandtour. Dabei wäre es gut möglich gewesen, dass es zu all dem gar nicht gekommen wäre. Denn Alin hat 2014 schon einmal einen ganz anderen Weg eingeschlagen, weg von der Musik, vom Touren und Liederschreiben. Warum es – zum Glück für uns – dann doch anders weiterging, erzählt sie im Interview.

© Tristan Vostry

Musik unterm Radar: Liebe Alin, du bringst bald dein siebtes Album raus, erste Konzerte deiner Tour sind schon ausverkauft. Du bist in Deutschland heute als Künstlerin so etabliert, dass es mich total überrascht hat zu lesen, dass du die Musik vor zwölf Jahren eigentlich schon mal aufgegeben hattest. Wie kam das?

Alin Coen: Da haben eine Menge Sachen mit reingespielt. Ich hatte seit 2012 keine neuen Lieder geschrieben. In meiner Bandkonstellation hatte ich das Gefühl, festzustecken. Dabei war gerade alles am Wachsen. Wir haben im Huxley’s in Berlin vor 1600 Leuten gespielt und hinterher habe ich mich nur gefragt: Warum macht mich das überhaupt nicht glücklich? Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es total sinnlos ist, Musikerin zu sein.

Mir war sehr präsent, wie schlecht wir unseren Planeten behandeln. Und mich hat beschäftigt, wie stark das Ungleichgewicht in der Musikbranche ist. Männer haben es definitiv leichter als Frauen, sie werden besser bezahlt, bekommen mehr Auftrittsmöglichkeiten. Das hat mich gewurmt. Ich fand plötzlich alles doof an der Musikszene. Es war eine Sinnkrise.

Ich habe mir dann gedacht: Ich möchte etwas Sinnvolles tun, ich möchte Umweltaktivistin werden. Ich hatte ja auch gar nicht Musik studiert, sondern Umweltschutztechnik.

Du bist dann in die Niederlande gegangen und hast im Master „Land and Water Management“ studiert. War das in dieser Phase das Richtige für dich?

Ja, das war ein total spannendes Studium. Es war intensiv und fordernd, ich habe total viel gelernt. Ich fand es großartig, in Holland zu studieren, im Vergleich meinem Bachelor in Deutschland. Ich hatte das Gefühl, das Studium ist dort viel moderner und mehr auf Augenhöhe. In Holland kannst du mit Professorinnen und Professoren in der Pause einfach einen Kaffee in der Mensa trinken. Die waren total ansprechbar. Das war eine ganz neue Erfahrung, ein völlig anderes Miteinander.

Du hast dann unter anderem ein Praktikum bei Greenpeace gemacht. Wie war das?

Ich war in der Kampagnenarbeit, also vor allem im Büro. Nur ab und zu bin ich mal mit jemandem im praktischen Bereich mitgetingelt. Einmal waren wir heimlich auf einem Gelände und haben Proben aus dem Wasser entnommen. Da ging es, glaube ich, um Schweinezucht. In den Proben wurden dann multiresistente Keime gefunden, was dafür sprach, dass dort zu viele Antibiotika eingesetzt wurden.

Solche Einsätze waren aber eher die Ausnahme. Hauptsächlich war ich im Büro – und Büro und ich passen nicht so gut zusammen.

War diese Erfahrung aus dem Praktikum der Grund, warum du doch wieder zur Musik gefunden hast?

Nee, das hatte damit nichts zu tun. Das lag einfach daran, dass ich wieder einen Song geschrieben habe. Vier Jahre lang hatte ich keine Musik geschrieben und dann kam 2016 plötzlich „Du bist so schön“. Da stand ich vor der Entscheidung: Ich könnte jetzt meine Masterarbeit fürs Studium fertig schreiben – oder ich schreibe ein Album. Mit diesem Lied habe ich mich total mit der Musik versöhnt.

In der Musik wusste ich auch immer, wie alles läuft oder wen ich anrufen muss. Als Umweltaktivistin hätte ich gar nicht gewusst, wo ich ansetzen soll. Für Aktivismus muss man ein dickes Fell und einen wahnsinnig langen Atem haben, und man muss Politik verstehen. Ich bewundere Menschen wie Luisa Neubauer. Das hätte ich mir nicht zugetraut.

Trotzdem hat dich der Aktivismus nicht ganz losgelassen. Du warst ja zum Beispiel bei Music Women* Germany sehr aktiv, einem Netzwerk für FLINTAs in der Musikbranche. Warum hast du dich dort wieder zurückgezogen?

Ich war ab 2020 ein Jahr im Vorstand. Ich habe mich sehr verantwortlich gefühlt für das Thema Ungleichgewicht in der Musikbranche. Ich war lange völlig on fire dafür, aber irgendwann hat es mir nicht mehr gut getan. Es hat mich zu viel Kraft gekostet. Inzwischen habe ich mich sehr rausgezogen, bin aber weiter Mitglied.

Obwohl dich diese Themen so bewegen handeln deine Texte vor allem von emotionalen Themen und kaum von Politik. Warum eigentlich?

Auf einem Album von 2013 habe ich ein paar dieser Themen dabei, allerdings auf Englisch. Da gibt es einen Song namens „A No Is a No“, der sich mit Grenzüberschreitung beschäftigt. „The Ones“ ist ein eindeutiger Umweltsong. Aber das ist eher die Ausnahme. Ich mache meine Kunst nicht, um ein Sprachrohr für irgendeinen Inhalt politischer Art zu sein. Ich bin Musikerin an erster Stelle.

Ich bin auch keine Person, die sich hinsetzt und einfach mal so ein Gedicht schreibt. Ich muss mir Deadlines setzen und Freundinnen verpflichten, mir alle zwei Wochen eine Nachricht zu schreiben, damit ich fertig werde. Im Schreibprozess spiele ich Akkorde und singe erst einmal Kauderwelsch dazu. Irgendwann merke ich, dass mich das, was musikalisch passiert, total berührt. Wenn ich danach den Text dazu schreibe, passen für mich meist introspektive Themen besser auf die Musik als der Blick nach außen.

Dein neues Album und der Titeltrack heißen „Du bedeutest mir die Welt“. An wen ist das gerichtet?

Ich richte meine Songs nicht an eine bestimmte Person. Bei „Du bedeutest mir die Welt“ gibt es mehrere Menschen, die ich dabei im Herzen trage. Es geht aber vor allem um die Auseinandersetzung damit, dass man in stressigen Momenten manchmal nicht achtsam genug mit seinen Mitmenschen ist. Und darum, die Möglichkeit zu nutzen, sich zu entschuldigen und noch einmal zu sagen: Du bedeutest mir die Welt. Es ist eine Art Wiedergutmachung in einem Moment, wo man sich daneben genommen hat.

Also ist der Text nicht autobiografisch?

Wahrscheinlich hat er auch autobiografische Teile. Aber das Ich im Song bin nicht ich persönlich. Es ist ein menschliches Ich, in das viele Perspektiven einfließen – auch die Perspektive der Person, die den Stress von jemand anderem abgekriegt hat.

Letztes Jahr habe ich dich auf dem Bardentreffen-Festival in Nürnberg gesehen. Ein Lied, das mir von deinem Auftritt sehr im Kopf geblieben ist und das auch auf dem neuen Album ist, war „Alles beginnt im All“. Du singst vom Urknall, von der Entstehung von Zellen im Meer und auch vom Mutterwerden. Ich höre da eine große Faszination heraus für all die Unwahrscheinlichkeiten, die das Leben überhaupt erst möglich machen. Unterschreibst du das so?

Ja! Das war ein so schönes Gefühl, diesen Song zu schreiben. Ich war bei einem Vortrag von Niklas Kolorz über die Geschichte der Weltraumforschung und kam total inspiriert und aufgeladen nach Hause. Ich hatte plötzlich total Bock, einen Song über Zusammenhänge und Anfänge zu schreiben. Ich weiß gar nicht mehr, ob der Satz „alles beginnt im All“ zuerst da war oder „alles beginnt im Bauch“. Ich wusste nur: Ich will die beiden kombinieren.

Es war der erste Song der Platte, der fertig geworden ist. Ich bin noch nie so strukturiert an einen Song rangegangen. Ich habe mir ein Gitter aufgemalt und genau aufgeteilt, wie ich welche Strophe inhaltlich aufbaue. Dafür bin ich immer im Treppenhaus in unserem Haus bis ganz nach oben gegangen, weil ich zu dem Zeitpunkt keinen Proberaum hatte. Und im siebten Stock gab es ein Fenster, aus dem ich rausgucken konnte. Ich habe mir im Fahrstuhl einen Klapptisch mit hoch genommen und auf den kleinen Treppenabsatz gestellt. Dort hatte ich Ruhe und diesen tollen Blick. Deshalb verbinde ich den Song immer noch mit dieser Vogelperspektive.

Spannend, dass du dich auch von Naturwissenschaften so inspirieren lassen kannst.

Ich finde, in Physik und Astronomie ist eine große Poesie und Magie verborgen. Ich habe eine riesengroße Faszination dafür. Man kann sich so begeistern lassen von Natur und allem, was einen umgibt.

In „Erde und Mond“ kommt das Astronomiemotiv wieder vor, aber auf ganz andere Art…

Ja, hier geht es weniger um echte Wissenschaft, sondern um erfundene Fakten, warum die Erdumlaufbahn zustande kam. Inspiriert hat mich eine Freundin, die eine Reise mit ihrem Kind gemacht hat. Als sie mir davon erzählt hat, kam dieser Song zu mir. Mir hat die Idee so gefallen, dass Mond und Erde einfach aus eigenem Willen heraus entschieden haben, dass sie Lust auf eine Reise haben und das jetzt für immer machen.

Wenn du „Alles beginnt im All“ so strukturiert fertig geschrieben hast: Gibt es auch einen Song auf dem Album, für den du besonders lang gebraucht hast?

Ein Song hat zwölf Jahre lang auf seinen Text gewartet: „Kapitulation“. Es geht um eine Beziehung, die nicht auf Augenhöhe ist. Eine Person kämpft um die Gunst der anderen, und die andere hält sie an der langen Leine. Bis die Person, die die ganze Zeit um die Liebe kämpft, beschließt, dass sie sich selbst schützen muss.

2012 haben wir eine Bandwoche auf dem Land gemacht und viel gejammt. Als die Jungs mal draußen waren und ich alleine im Proberaum, kam mir die Idee zur Musik. Es blieb aber ewig lang nur eine Strophe. Sechs Jahre später kam ein Refrain dazu – aber auch nur die Musik, kein Text. Ich mochte das Musikalische so gern, dass ich das Gefühl hatte: Jeder Text macht dieses Lied kaputt.

Als dann klar war, dass wir aus den Songs ein Album machen, sagte mein Freund, der auch Schlagzeuger der Band ist, zu mir: Was ist eigentlich mit dem Song, der seit zwölf Jahren keinen Text hat? Machst du den jetzt mal fertig? Das habe ich dann also gemacht. Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Text gefunden hätte, der mit der Musik wirklich mithalten kann. Aber ich habe das Gefühl, dass er sie zumindest nicht komplett kaputt macht.

Dein Freund und du, ihr habt zwei Kinder. Wie sehr beeinflusst das Muttersein deine Texte?

Wenn ich mir das neue Album anschaue, ist es unüberhörbar, dass ich Mutter bin. Einige Textzeilen sind sehr eindeutig. Auf dem Album Nah von 2020 hört man es noch nicht. Dabei bin ich 2017 Mama geworden. Aber wenn ich eigene Erfahrungen in Songs einfließen lasse, dann liegen meistens so um die zehn Jahre dazwischen.

Die Musikbranche gilt nicht unbedingt als familienfreundlich. Wie funktioniert das Tourleben mit Kindern?

Wir sind immer als ganze Familie unterwegs. In der Größenordnung, in der wir inzwischen spielen, lässt sich das gut machen. Wir haben Backstage-Räume, die beheizt und gemütlich sind, da steht ein Sofa, wir kriegen Essen serviert und können Wünsche äußern. Und wir haben das Netzwerk: eine Oma oder ein Opa, die einspringen – oder wir können es uns leisten, eine Babysitterin anzustellen. An einem anderen Punkt in unserer Karriere wäre das sicher schwieriger gewesen. Damals haben wir noch in total verrauchten Lokalen gespielt, wo es kein Backstage gab, sondern nur ein Klo, wo man sich umziehen konnte.

Du selbst kommst aus einer kreativen Familie: Die Kunst auf deinem Albumcover ist von deinem Vater, dein Bruder ist Cutter, deine Schwester eine bekannte Journalistin bei der ZEIT. War es schon immer klar, dass auch du in eine künstlerische Richtung gehen würdest?

Ich war lang völlig planlos. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem ersten Freund. Der sagte zu mir, es wäre so wahnsinnig schade, dass ich überhaupt keine Vision hätte. Ich wüsste nicht, wofür ich brenne. Er war total Kung-Fu-begeistert und hatte klare Ideen im Kopf. Ich hatte gerade mein Abi gemacht und überhaupt keine Vorstellung davon, was ich wollte.

Ich habe dann an einem Konzert teilgenommen, mit dem wir Geld für unseren Abiball gesammelt haben. Da habe ich zum ersten Mal vor einem größeren Publikum gesungen. Das war ein totaler Meilenstein. Aber die Vision, dass das mal mein Beruf sein würde, hatte ich da noch nicht.

Nach der Schule habe ich angefangen, Medizin zu studieren. Nach einem Semester habe ich abgebrochen und bin auf Reisen gegangen. Drei Monate war ich in Indien unterwegs. In jedem Hostel habe ich als erstes nachgefragt, ob vielleicht irgendein Traveler seine Gitarre dagelassen hat. Ich war noch mal für ein halbes Jahr in Schweden, habe dort meine ersten Lieder geschrieben. Ab dann war es mir irgendwie klar und ich dachte: Ich werde Singer-Songwriterin… Wobei, nein. Damals dachte ich: Ich werde Rockstar.

Alin, vielen Dank für dieses Gespräch!

Autorin:

Katharina Köhler

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